| Reisetagebuch der Mary Shelley - Text folgt am 09.06.02 |
Während des ganzen nächsten Tages lag die Straße zwischen Kanälen, welche dieses Land in jede Richtung durchschneiden. Die Straßen waren hervorragend, jedoch haben die Holländer soviele Unnanehmlichkeiten wie möglich geschaffen. Während unserer Fahrt am Vortag waren wir an einer Windmühle vorbeigekommen, die derart an die Straße gebaut war, daß wir hart am gegenüberliegenden Straßenrand sehr schnell vorbeifahren mußten, um dem Schwung ihrer Flügel zu entgehen.
Die Straßen zwischen den Kanälen waren nur breit genug für ein Fahrzeug, so daß wir, wenn uns ein anderes entgegenkam, manchmal gezwungen waren, eine halbe Meile rückwärts zu fahren, bis zu einer der kleinen Zugbrücken zu den Feldern, auf die dann eines der cabriolets gerollt wurde, während das andere vorbei fuhr. Sie haben jedoch einen anderen Brauch, welcher noch lästiger ist. Der geschnittene Flachs wird im Schlamm der Kanäle eingeweicht, und dann zum Trocknen an die Bäume rechts und links der Straße gelegt; der Gestank den dieser ausdünstet, wenn die Strahlen der Sonne die Feuchtigkeit verdunsten lassen, ist kaum zu ertragen. Wir sahen viele riesige Frösche und Kröten in den Kanälen und der einzige Anblick, der das Auge mit seiner Schönheit erfrischte, war das köstliche Grün der Felder, auf denen das Gras so satt und leuchtend war, wie in England, keine gewöhnliche Erscheinung auf dem Kontinent.
Rotterdam ist bemerkenswert sauber. Die Holländer waschen sogar das Backsteinmauerwerk an der Außenseite ihrer Häuser. Wir blieben einen Tag und trafen einen Mann in einer sehr unglücklichen Situation. Er war in Holland geboren und hatte einen so großen Teil seines Lebens zwischen England, Frankreich und Deutschland verbracht, daß er sich ein wenig von der Sprache jedes Landes angeeignet hatte, und alle sehr bruchstückhaft sprach. Er sagte, daß er englisch noch am besten verstünde, aber er war kaum fähig, sich selbst hierin auszudrücken.
Am Abend des 8. August segelten wir von Rotterdam ab., doch widrige Winde zwangen uns, beinahe zwei Tage in Marsluys zu verbringen, einem Städtchen etwa zwei Wegstunden von Rotterdam entfernt. Hier gaben wir unsere letzte Guinee aus und machten uns voller Erstaunen klar, daß wir achthundert Meilen mit weniger als dreißig Pfund gereist und durch liebliche Landschaften gekommen waren, uns erfreut hatten am schönen Rhein und all den großartigen Darbietungen von Erde und Himmel, vielleicht mehr, da wir in einem offenen Boot gefahren waren, als wenn wir, in einem Fahrzeug eingesperrt, die Straße unter den Hügeln passiert hätten.
Der Kapitän unseres Schiffes war ein Engländer und Steuermann (im Dienste) des Königs gewesen. Die Sandbank des Rheins etwas unterhalb von Marsluys ist so gefährlich, daß ohne eine günstigere Brise keines der holländischen Schiffe die Durchfahrt wagte; doch obwohl uns der Wind nur wenig günstig war, beschloß unsere Kapitän zu segeln, und obwohl er es halb bereute, bevor er sein Vorhaben durchgeführt hatte, war er doch glücklich und stolz, als er, über die ängstlichen Holländer triumphierend, die Sandbank überquert und das Schiff sicher in die offene See geführt hatte. Es war wahrhaftig ein Unterfangen von einiger Gefahr; ein schwerer Sturm herrschte die Nacht über vor, und obwohl er seit dem Morgen nachgelassen hatte, waren die Brecher an der Sandbank noch immer äußerst hoch. Wegen einer Verspätung, die dadurch entstand, daß das Schiff im Hafen auf Grund gelaufen war, kamen wir eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit an. Die Brecher waren gewaltig und man sagte uns, es seien nur noch zwei Fuß vom untersten Punkt des Schiffes bis zum Sand. Die Welle, welche mit furchtbarer Wucht an der Seite des Schiffes brachen, waren völlig senkrecht und hingen manchmal sogar über, ihre Seiten von jäher Glätte. Schwärme von Tümmlern spielten mit größter Gelassenheit inmitten des aufgewühlten Wassers.
Wir durchquerten diese Gefahr sicher und nach unerwartet kurzer Fahrt kamen wir am Morgen des 13. September in Gravesend an, drei Tage nach unserer Abreise von Marsluys.
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