Mary Sue: Feuchte Träume

 

Ich möchte euch heute jemanden vorstellen, dem ihr alle schon einmal begegnet seid und der sicher einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Wetten?

Wer ist der geheimnisvolle Fremde?

Das ist das Stichwort: geheimnisvoll.

Hat er männliche Form angenommen, heißt er Gary Stu, handelt es sich um eine Frau, Mary Sue. Oft heißen sie aber ganz anders, denn jeder ihrer Schöpfer gibt ihnen die tollsten Namen, die es nur gibt. Die beiden würden auch nichts Geringeres verdienen.

Mary ist atemberaubend schön. Gary auch. Manchmal verfügen sie über einen klitze-jawirklichwinzig-kleinen Schönheitsfehler, den jeder vernünftige Mensch nie als Schönheitsfehler bezeichnen würde: etwas zu hohe Wangenknochen etwa. Wer von uns würde nicht töten für ein Gesicht, das noch edler/adeliger aussieht als normal? Eine weiße Strähne im Haar. Woah. Ich meine, ist das nicht interessant? Außergewöhnlich? Könnten wir unserem perfekten Liebhaber verzeihen, eine weiße Strähne im Haar zu haben? Genau. Manchmal ist die Geschichte dieses Makels eine tragisch: eine kleine Narbe, vom Bösewicht verursacht oder als Zeichen besonderer Herkunft.

Abgesehen davon – rechnet mit großartiger Haut, auf der nie ein Pickel erblüht ist: schneeweiß, golden, wie wäre es mit einem bronzenen Schimmer? Nichts gegen einzuwenden, oder? Gerade, wenn es so toll zu dem Haar paßt, denn das ist golden, schneeweiß, kastanienbraun oder blauschwarz. Wir Mausbraunen, Gefärbten/Getönten, Fleckigen, Dünnhaarigen erblassen vor Neid, wenn wir sowas lesen. Und dann die Augen – strahlend blau oder grün ist das mindeste, dann haben wir nachtschwarz, saphir-blau, smaragd-grün, eisgrau. Manchmal auch zwei davon. Die Augen können auch ihre Farbe wechseln. Mal violett, mal silber. Auch hübsch. Hauptsache, fällt auf und paßt gut zu Haaren und Haut.

Wir würden Gary und Mary aber Unrecht tun, wenn wir nur auf das Äußere achten würden, denn in ihren Augen liegt eine geheimnisvolle Tiefe, die zugleich Lebenserfahrung und Schmerz ausdrückt. Kein Wunder, daß jedesmal ein Raunen durch den Raum geht, wenn einer von ihnen reinkommt. Ich meine, wirklich. Ich würde auch raunen.

Gary und Mary tragen Leder und haben traumhafte Tätowierungen, die wie lebendig aussehen. Drachen und sowas. Wenn sie gut bemuskelt sind, spielt die Tatöwierung auf den Muskeln. Drachen schlängeln sich dann dramatisch (ein beliebter Effekt beim Sex), Phönixe schlagen mit den Flügeln; andere Tiere blicken den Beobachter an.

Gary und Mary sind alterslos, sehen aber aus wie Anfang Zwanzig oder jünger. Alt genug für Sex sollten sie sein, gerade bei Stories von Amerikanern, denn sonst gibt es Ärger. Altern tun sie selbst dann nicht, wenn die Geschichte über 20 Jahre läuft. Sie halten sich einfach gut. Kein Herumsitzen auf der Couch bei Chips und Cola; sie sind schön und schlank, ohne Sport zu treiben.

Mary und Gary haben den Beruf, den ihre Schöpfer selbst gern hätten und sie sind, anders geht es nicht, atemberaubend gut darin. Nicht nur Anwalt, sondern Staranwalt. Nicht nur Ärztin, sondern Top-Chirurgin. Als Journalist steht da immer ein großer TV-Sender oder die besten Magazine hinter. So jung so weit gekommen zu sein, flößt uns Ehrfurcht ein.

Mary und Gary sind weiße Hexen (das mit der „weißen“ Magie muß mir nochmal jemand erklären), Priester einer uralten Religion; sie werden von Katzen oder Wölfen begleitet, sind großartige Hacker, wagemutige Biker, Punker oder Goths. Sie haben mal für ein geheimnisvolles Regierungsprojekt gearbeitet, sind jetzt auf der Flucht und versuchen, die Welt zu retten. Oder alles zusammen. Charaktere müssen ja vielschichtig sein.

Bei so viel Güte und Schönheit verwundert es nicht, daß alle Gary und Mary lieben. Besonders kleine Kinder und Hunde. Gary und Mary würden aus Beavis und Butthead wohlerzogene Teenager  machen. Ein Abendessen bei den Simpsons, und die würden erkennen, was sie alles falsch machen und sich in die „Waltons“ verwandeln.

Mary und Gary können sich gut in andere Menschen hineinversetzen, Empathie wird hier großgeschrieben. Manchmal ist das auch eine magische Fähigkeit; geheimnisvolle Fähigkeiten kann man beim Weltretten gut gebrauchen, haben aber den Nachteil, daß Gary und Mary auch eine geheimnisvolle Aura der Macht und Mystik haben. Naja. Kleine Nachteile runden den Charakter ab.

Bösewichter übrigens fühlen sich in ihrer Nähe meist seltsam unwohl. Wäre bei „Phantom Menace“ [Star Wars: Episode 1] eine Mary Sue rechtzeitig auf Darth Maul getroffen, hätten die beiden erst Mörder-Sex gehabt und dann hätte sich Darth Maul schuldig gefühlt, daß er so fies ist. Oder sie hätte ihn eingeschüchtert. Vielleicht hätten sie dann Sex gehabt. Man kann nie wissen.

Wie gut, daß Gary und Mary ihre Gestalt verändern können. Nein, so richtig, in Wölfe meistens. Katzen, Tiger, Pferde, Einhörner, Drachen, sowas. Nie aber Faultiere oder Wombats. Muß zur Tätowierung passen, wir haben gelernt, daß Charaktere in sich stimmig sein müssen.

Bei ihrer schweren Aufgabe hilft ihnen ein geheimnisvolles Artefakt. Damit tun sie viel Gutes. Sie lösen die Probleme der anderen Charaktere und enthüllen ihnen die Wahrheit über ihre Fähigkeiten, ihre Herkunft und so. Ist schon nützlich, so jemanden dabei zu haben.

Auch bei der Herkunft wird nicht gekleckert. Gary und Mary sind meist die erste große Liebe eines Helden, über deren Verlust/Verschwinden/vorgeblichen Tod er nie hinweggekommen ist. Sie stammen aus Atlantis oder einer anderen geheimnisvollen Zivilisation. Sie sind Engel, Götter, Dämonen oder kommen aus der Zukunft, um den Weltuntergang zu verhindern. Auch andere Dimensionen sind beliebt, besonders solche mit Einhörner, Drachen und Elfen.

Ein blödes Mißverständnis zwingt sie, auf der Flucht vor der Polizei zu sein, das Verbrechen schiebt ihnen ein anderer in die Schuhe und sie haben es nicht begangen. Gary und Mary kämpfen nur, wenn sie müssen, aus Notwehr oder um jemand anderen zu retten. Nie würden sie sonst jemandem was zuleide tun. Die Welt wäre ein besserer Ort, gäbe es mehr von der Sorte. Ist der diesjährige Friedesnobelpreis eigentlich schon vergeben?

Niemand kann behaupten, Mary und Gary hätten keinen Anteil am Plot der Geschichte. Sie bringen Protagonist und Antagonst dazu, sich endlich ihre Liebe zu gestehen. Mit emotional geschädigten Figuren machen sie eine Wunder-Therapie. Ein Gespräch reicht, vielleicht auch zwei. Manchmal ist es auch nur ein Blick, in dem der Held alles erkennt und dann voller Reue und neugewonnener Kraft sein Problem angeht.

Beim Weltenretten opfern sich Mary und Gary gern selbstlos; dabei ändern sie nicht selten den Verlauf der menschlichen Geschichte, verdienen sich die immerwährende Dankbarkeit der Helden und der ganzen menschlichen Zivilisation. Sie opfern sich auch, um den Helden zu retten, leugnen ihre unsterbliche Liebe, damit das Ziel ihrer Liebe seinen einzig wahren, für ihn bestimmten Partner finden kann.

Am Ende der Story – falls sie dieses erleben und nicht beim Show-Down draufgehen – verschwinden Mary und Gary diskret und so geheimnisvoll, wie sie gekommen sind, um die Schlußszene nicht zu stören; oder sie fangen was mit einer Nebenfigur an, falls die letzte Szene nicht ihr Begräbnis ist, auf dem alle anderen Figuren Rotz und Wasser heulen.

Soweit zum dramatischen Leben von Mary und Gary. Ihr habt es erraten. Die beiden treten oft als Nebenfiguren auf, die sich in den Vordergrund drängen, weil sie toller, größer und schöner sind als die Hauptfiguren und mit einer Handbewegung den Bösewicht besiegen oder das zentrale Problem lösen. Das heißt aber nicht, daß Mary und Gary nicht auch Hauptfiguren sein können.

Ich muß euch ein peinliches Geständnis machen. Meine ersten Hauptfiguren waren alles Gary Stus. Wirklich. Mein erstes Roman-Epos hatte einen jungen Wüsten-Prinzen, der magische Fähigkeiten hatte, super aussah, Kriegsheld, geheimnisvolles Schicksal und am Ende rettet er die Galaxie und alles mit Neunzehn, Zwanzig. Gegen den hätten Paul Muad‘dib und Luke Skywalker gemeinsam verdammt blaß ausgesehen. Ich habe alles aufgefahren, Artefakte, alle liebten ihn (bis auf seinen Vater und die Aliens), und am Ende wird’s dann richtig tragisch. Statuen und so’n Zeug.

Habe ich das Ding im Internet veröffentlicht? Nein. Im Keller steht ein Kleiderschrank drauf. Viele Leute stellen sowas ins Internet.

Gerade Anfänger neigen dazu, alles in eine Figur reinzuquetschen, was nur paßt. Wenn dabei Glaubwürdigkeit, Charaktertiefe und das Interesse der Leser auf der Strecke bleiben, ist das egal. Hauptsache, sie haben den großartigsten Charakter (sich selbst, nur super aussehend, geheimnisvoll, geheimnisvoll! GEHEIMNISVOLL!!!!) geschaffen, der nur möglich ist.

Aber auch Profis passiert sowas. Gene Roddenberry, der Erschaffer von Star Trek, hat mal einen Charakter geschaffen, der wohl zur meistgehaßten fiktiven Figur aller Zeiten geworden ist: Wesley Crusher, das Wunderkind, das besser Raumschiffe fliegt als jeder Pilot, mit 7 oder so die Akademie abgeschlossen hat und quantenmathematische Probleme löst, um einschlafen zu können. Wesley weiß meist von Anfang an, was das Problem ist. Und er vergießt nicht einen Tropfen Schweiß dabei. Alles fliegt ihm zu.

Hand auf’s Herz. Habt ihr eine Mary Sue oder ihren Bruder in einem Story-Archiv gesichtet? Pst. Nicht verraten. Nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen.

Das hier ist sehr intim. Ich gehe davon aus, daß euch beim Lesen auch das mulmige Gefühl beschlichen hat: „Das kenne ich doch.“ Ja, ich fühlte mich auch ertappt. Wir haben alle irgendwann mal Mary oder Gary erschaffen. Das ist die tragische Wahrheit.

Wir lesen auch Stories: Wenn ihr Mary und Gary begegnet, was ist eure Reaktion als Leser? Meine ist, daß ich den Text ab da nur überfliege, wo mir klar wird, daß Mary und Gary mitspielen. Meist lösche ich den Text, blättere weiter oder klicke was anderes an. Ihr auch?

Komisch. Warum schreiben wir Marys und Garys, lesen sie aber nicht?

Jetzt wird es etwas vulgär. Gary Stu und seine Schwester sind der feuchte Traum ihrer Erschaffer. Es sind keine Figuren, es sind eigene Sehnsüchte, die auf Papier gebannt sind. Um drastisch zu werden: Selbstbefriedigung – jeder tut es, aber manche schreiben es auf. Anderen dabei zuzusehen ist irgendwie peinlich. Und langweilig.

Eine Freundin sagte mal, Liebe/Sex und Schreiben haben viele Gemeinsamkeiten. Leser wollen verführt werden, es passiert ein Austausch zwischen Lesern und Autoren. Ihr würdet euer erstes Date mit einem Flirt doch auch nicht damit anfangen, daß ihr ... naja, ihr wißt schon.

Erotik baut sich langsam auf. Wir wollen den Leser dazu bringen, sich in den Text, die Figur zu verlieben. Das geht aber nur, wenn es ein Mensch ist, wenn Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit zusammen kommen. Niemand verliebt sich in eine Gummi-Puppe. Und Mary und Gary sind Gummi-Puppen, so leid es mir tut.

Nicht verzweifeln. Es ist okay, wenn eure Helden tolle Augen haben, ein magisches Artefakt, von mir aus können sie sich sogar in Wölfe verwandeln.

Die Dosis macht das Gift. Etwas Salz beim Essen ist toll – wenn der Leser aber ein Kilo Salz essen soll, wird er streiken.

 

Aufgabe

Achtet auf Mary und Gary, wenn ihr Geschichten lest. Beobachtet eure eigenen Reaktionen, wenn ihr auf die beiden trefft. Stellt euch vor, das wäre eure Geschichte. Würdet ihr wollen, daß eure Leser so über eure Geschichten denken, wie ihr (als Leser) darüber denkt?

Nicht posten. Ist zu intim, und wir wollen niemanden beleidigen oder kränken.

Überprüft eure eigenen Charaktere auf Anzeichen von Mary und Gary. Schaut euch an, wie eure ersten Charaktere waren, vergleicht sie mit denen, die dann folgten. Verändert sich eure Art Charakter? Werden sie komplexer, interessanter, mächtiger, ohnmächtiger? Schöner, schneller, stärker? Bleiben sie tendenziell eher gleich?

Nicht posten. Auch zu intim.

 

Aufgabe

Erschafft Mary Sue oder Gary Stu. Absichtlich. Laßt eurem Humor, eurer Lust am Übertreiben, eurem Frust, eurer Phantasie freien Lauf. Verwendet Eigenschaften, die euch bei den ersten beiden Aufgaben aufgefallen sind. Setzt noch einen drauf. Schreibt etwa 700 Worte.

 

Zusatzaufgabe

Sucht euch einen mächtigen Charakter aus einem Film oder einem Buch aus. Ihr könnt auch einen eigenen nehmen. Schreibt eine Beschreibung dazu. Schreibt, warum das eine Mary Sue/ein Gary Stu ist oder nicht ist.

 

 

Zurück
Home
TeXtkrafttraining
Romanwerkstatt
Beispiele
Arbeitsmethode
HisRom
TeXt-ray
Wir über uns
Ihr über uns
Treffen & Rezepte
Link- & Leseliste
Anmeldung
Downloads
Sitemap
Impressum

Kontakt: | info@teXtkraft.de