Der Protagonist

 

Was haben Don Quichotte und Harry Potter, James Bond und Dracula gemeinsam? Sie sind Phantasiefiguren aus Autorenköpfen und doch allgemein bekannt, selbst Leuten, die weder den Autor kennen noch sein Werk gelesen haben.

 

Protagonist und Geschichte

Gute Geschichten haben immer eine Hauptperson, einen Protagonisten. Hat der Autor seine Hausaufgaben gemacht, erinnern sich seine Leser noch an diese Person, wenn alles andere längst vergessen ist. In einigen wenigen Fällen geht der Name der Figur sogar in den Sprachgebrauch ein. So weiß jeder, was gemeint ist, wenn wir von Don-Quichoterie reden: eine absurde Geschichte, wie sie Don Quichote hätte zustoßen könnte. Der Ritter von der traurigen Gestalt konnte Phantasie und Wirklichkeit nicht auseinander halten, er sah Riesen, wo es nur Windmühlen gab, bekämpfte sie und wurde dabei arg durchgewalkt.

Würde James Bond die Windmühlen mit den Waffen seines Superschlitten angreifen? Wohl kaum. Würde Dracula versuchen, den Windmühlen eine Blutprobe zu entnehmen? Harry Potter glauben, es sei Voldemort? Nicht sehr wahrscheinlich.

Woraus folgt, dass Protagonist und Geschichte zusammengehören. Was jemand tut, was ihm zustößt, hängt davon ab, wer er ist. In Geschichten wie in der Realität. Nicht mal Michael Kohlhaas würde mit seinem Pferd eine Windmühle angreifen.

Ihr wollt eine Geschichte schreiben, ein Roman soll entstehen. Manche von euch haben bisher nur vage Ideen, andere schon etliche fertige Szenen. Vielleicht habt ihr eine Plotidee? Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber bevor ihr diese Idee zu einer Geschichte ausarbeitet, müsst ihr euren Protagonisten kennen. Sonst habt ihr einen Plot, in dem sich Figuren tummeln, von denen jeder merkt, dass sie nur um des Plots willen existieren. Pappkameraden einer Ex-und-hopp-Geschichte, die, falls sie überhaupt zu Ende gelesen wird, bereits nach einem Tag vergessen ist.

 

Den Protagonisten beschreiben

Nun ist es an euch, euren Helden zu beschreiben.

Nein, er soll nicht perfekt sein, ganz im Gegenteil. Ihr sollt auch keine autobiographische Geschichte schreiben, der Held muss nicht dem Autor gleichen. Man sollte ihn vielmehr vom Autor unterscheiden können.

Ihr sollt auch nicht alle Eigenschaften des Protagonisten auflisten. Es gibt Fragebögen, die Autoren nutzen können, um sicherzustellen, dass sie alles über ihre Hauptperson wissen. Sonst schläft sie abends mit blauen Augen ein und wacht zur Überraschung des Lesers mit brauner Augenfarbe auf. So etwas kann hämische Kommentare der Leser wie der Kritiker hervorlocken. Aber darum geht es hier nicht. Ihr sollt vielmehr schreiben, was eure Figur auszeichnet. Woran könnte man sie in einer Gruppe von zehn Leuten erkennen? Was würde sie antworten, wenn sie jemand nach der schlimmsten Enttäuschung ihres Lebens fragt? Was möchte sie in ihrem Leben erreichen? Worauf ist sie stolz? Worüber schämt sie sich? Was ist ihre Lebensprämisse, sprich: Was ist ihr am wichtigsten, was ist ihre Moral? Schätzt sie Reichtum über alles? Oder Ehrlichkeit? Oder Freundschaft? Oder ihren Beruf?

Gebt also eine erste Beschreibung eurer Hauptperson. Und bitte sagt nicht, es gäbe mehrere Protagonisten. Natürlich wird eure Geschichte nicht nur von einer Person bevölkert werden. Natürlich werden die anderen Personen ebenfalls ihre Geschichte, ihre Subplots haben. Möglicherweise entdeckt ihr irgendwann, dass die zuerst gewählte Person gar nicht die Hauptperson ist, sondern eine andere Person reißt den Plot an sich. Darum geht es hier nicht. Wir müssen irgendwo anfangen, und weil die Hauptperson derart wichtig ist, fangen wir mit ihr an.

"Mein Name ist Dracula. Ich bin seit fünfhundert Jahren tot und immer noch nicht clean. Ich komme vom Blut nicht los ..."

Die Form eurer Beschreibung könnt ihr frei wählen. Ein Tipp: Mit dem Namen zu beginnen und in der Ich-Form zu schreiben, kann hilfreich sein. Aber das solltet ihr selbst ausprobieren. Also fangt jetzt mit eurer Beschreibung an und lest erst dann weiter.

 

Was will euer Protagonist?

Wenn ihr eine Vorstellung von eurem Protagonisten habt, fragt euch als Nächstes: Was unterscheidet ihn von anderen Figuren, was ist das Besondere, Einzigartige an ihm?

Nehmen wir noch mal Don Quichote. Bei ihm ist die Antwort einfach. Er liest nicht nur Ritterromane - das taten und tun viele -, er glaubt fest an sie und daran, dass alles, was dort geschildert wird, Realität ist.

Aber zu einer Hauptfigur gehört noch etwas anderes: Was will diese Person? Was strebt sie am meisten an? Was wünscht sie sich unbedingt?

Don Quichote wünscht sich unbedingt, ein Ritter zu sein und Abenteuer zu erleben. Leider ist die Zeit der Ritter vorbei, die Zauberer, Riesen und Jungfrauen sind knapp geworden. Also erfindet er einfach welche. Er sieht Windmühlen, phantasiert, es seien Riesen, und greift sie an. Hier seht ihr, wie sich aus einer Person, aus ihren besonderen Eigenschaften ein Wunsch entwickelt und daraus ein Plot.

 

Was möchte euer Protagonist unbedingt erreichen?

Nehmen wir einen Politiker in Kanada, in den zwanziger Jahren, einen gläubigen Puritaner. Die Religion ist für ihn nicht nur Tradition, sondern wirklich wichtig. Allein das unterscheidet ihn schon von vielen anderen Politikern, aber das allein reicht nicht aus. In solchen Fällen hilft die "Was wäre, wenn?"-Frage weiter: Was wäre, wenn dieser Politiker sich gleichzeitig immer wieder zu Prostituierten hingezogen fühlt, wenn er sich schwört, er würde nie mehr eine besuchen, und seinen Schwur immer wieder bricht? Jetzt haben wir nicht nur eine Figur, die sich eindeutig von anderen unterscheidet, sondern eine, die etwas unbedingt will: Sie will christlich, nicht mehr sündig leben. (Das Tagebuch eines kanadischen Premiers behandelt übrigens dieses Thema ausführlich. War ein Schock für die armen Kanadier.)

Was wäre, wenn unser Politiker aus Tradition in die Messe geht, weil ein konservativer Politiker in den Zwanzigern das tun muss, aber wenn das Wichtigste für ihn Macht und Karriere sind? Ganz sicher hat diese Figur nicht den Wunsch, gläubig zu leben, erst recht nicht wird sie deshalb wünschen, dass sie keine Prostituierten mehr besuchen möge. Aber vielleicht hat sie Angst, dass jemand Wind davon bekommt? Der sie dann erpresst oder ihre Karriere zerstört? Andere Figur, anderer Wunsch.

Was wäre, wenn unser Politiker heute in Bayern lebte und der CSU angehörte? Gar nichts. Weder hätte er die Probleme des gläubigen Puritaners noch die Angst, erpresst zu werden. Wieder eine andere Person mit anderen Wünschen.

Das, was eine Person wirklich will, kann sich auch erst im Laufe der Geschichte herausstellen.

Was wäre, wenn ein Anwalt kurz vor der Pensionierung steht? Hurra, nie mehr ein Prozess, kein Aktenstudium mehr! Da wird ein Freund verhaftet, des Mordes angeklagt, die Indizien sprechen gegen ihn, die eigene Frau belastet ihn schwer. Er hat einen Pflichtverteidiger, der sich wenig Mühe gibt und keine Erfahrung mit Mordprozessen hat. Der Anwalt übernimmt nach einigem Zögern den Prozess des Freundes.

Am Anfang ist die Pensionierung der Wunsch des Anwalts. Aber bald stellt sich heraus, dass es für ihn Dinge gibt, die noch wichtiger sind als dieser ursprüngliche Wunsch.

Aus dem, was eine Person unbedingt will, entwickelt sich die Geschichte. Deshalb braucht jede Figur eine herausragende Eigenschaft und etwas, das sie unbedingt will. Ein Mann, wunschlos glücklich, seine Frau versteht ihn, jeden Morgen begibt er sich fröhlich und gut gelaunt ins Büro, ist happy über seinen Job - der taugt wenig als Protagonist (und ist auch ein bisschen irreal).

Seht euch jetzt noch mal eure Hauptfigur an. Was wünscht diese Person sich unbedingt? Was will sie unbedingt erreichen? Steht dies in eurer Charakterskizze? Wenn nein, müsst ihr sie ändern.

 

Eurer Figur in die Tasche schauen

Wenn ihr Probleme habt, euch die herausragende Eigenschaft eures Protagonisten vorzustellen, zu entwickeln, was er wirklich will, dann versucht einmal folgende Tricks:

- Schaut eurer Figur in die Taschen. Findet ihr dort etwas, was euch überrascht? Das der Held niemandem zeigen würde, weil es ihm peinlich wäre?

- "Was willst du, lieber Autor, das wichtiger ist als das, was deine Person will?" Wenn du jetzt rot wirst, Bingo. Nein, Ruhm, einen Spitzenplatz in der Bestsellerliste, das gilt nicht. Diesen Wunsch hat jeder Autor. Prüft euren Wunsch. Habt ihr etwas, das wichtiger ist als der Wunsch eures Helden, dann fragt euch: Könnte eure Figur diesen Wunsch auch haben? Oder einen verwandten? Ihr hättet den Vorteil, das eure Figur etwas will, das ihr genau kennt - das heißt noch lange nicht, dass ihr mit eurem Helden identisch seid oder sein müsstet. - Gibt es etwas, das euer Held unbedingt geheimhalten möchte? Das er selbst seinem besten Freund, selbst seiner Frau nicht erzählen würde? Hängt das vielleicht mit einem Wunsch zusammen? Folgt daraus etwas, was eure Figur unbedingt möchte?

Schaut euch euren Text jetzt nochmals an. Möchtet ihr nach diesen Hinweisen noch etwas ändern, hinzufügen oder überarbeiten? Dann tut das. Erst dann lest in der Übung weiter.

 

Weitere Fragen an den Protagonisten

Wenn ihr wisst, was euer Protagonist unbedingt will, kennt ihr eine seiner wesentlichen Eigenschaften. Aber natürlich gibt es noch weitere. Hier drei weitere wichtige Fragen zu dem Protagonisten:

Hat eure Figur eine Eigenschaft, die ihr nicht habt? Falls euch keine einfällt, überlegt euch eine. Außer in autobiographischen Romanen sollte die Hauptfigur sich vom Autor schon unterscheiden. Nur so kann sie eine eigene Stimme gewinnen. Doch es muss sich nicht um eine völlig andere Figur handeln. Sofern ihr nicht lange Jahre in Indien gelebt habt, ist ein gläubiger Hindu nicht gerade eine geeignete Figur. Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn euer Protagonist gleiche oder ähnliche Wünsche hat wie ihr. Ganz im Gegenteil: Jeder Autor sollte über das schreiben, was er kennt. Aber eine Figur sollte sich vom Autor unterscheiden, damit der Autor sie von sich trennen kann, objektiver ihr gegenüber ist und genug Distanz hat, um sie wirklich kennen zu lernen.

Hat eure Figur eine Schwäche? Eine Figur, die alles kann, ist nicht nur ein Übermensch, sondern auch langweilig. Hätte Siegfried nicht die verletzliche Stelle an der Schulter gehabt, wäre er irgendwann an Altersschwäche gestorben - und niemand hätte sich die Mühe gemacht, ihn in den "Nibelungen" auftreten zu lassen. Figuren, die unbesiegbar sind, alles können, geraten nie in Gefahr. Nicht mal in die, Held einer spannenden Geschichte zu werden. Bestenfalls werden sie Helden langweiliger Geschichten.

Hat eure Figur auch eine oder mehrere negative Eigenschaften? Nur Gott ist unfehlbar. Menschen können egoistisch, herrschsüchtig, aggressiv, ungeduldig, unbescheiden, gierig sein, sie haben Mundgeruch, Achselschweiß und bohren in der Nase. Euer Protagonist soll ein Mensch sein, kein Gott. Übrigens zeigt auch Gott in der Bibel durchaus schillernde Eigenschaften, er kann rachsüchtig sein, herrisch, brutal ...

Jetzt schaut euch nochmals eure Charakterskizze an, und prüft sie in Bezug auf die obigen Fragen. Wollt ihr etwas ändern oder hinzufügen? Dann tut das.

 

 

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