Twist und unvorhergesehene Plotwendungen I

 

Es geht um Twists in einer Geschichte, um unerwartete Wendungen. Nichts langweilt einen Leser mehr, als wenn die Geschichte so vorhersehbar ist wie das morgige Wetter in der Regenzeit. Oder ständig der Deus ex machina aus der Kiste springt und Geschichte, Autor und Helden in der letzten (ebenfalls vorhersehbaren) Minute rettet.

Wie kann eine Geschichte, die scheinbar in einer Sackgasse gelandet ist, weitergehen, wenn der Leser (und der Autor) denkt, jetzt ist Schluss, keine Rettung mehr möglich oder einfach eine Standardlösung erwartet.

Ich hatte mal eine Geschichte angefangen: Tanka ist Lehrling der Heiler in einem Fantasyland. Sie lebt in dem Dorf der Heiler, besucht dort die Schule der Heiler. Das Dorf liegt in der Nähe eines großen Flusses, ähnlich dem Missisipi und auch das Klima ähnelt dem in Tennessee oder Kansas.

Dann entstand in einer Schreibgruppe eine Szene, in der Tanka im hohen Norden lebt, in einem Handelsposten der dortigen Eskimos.

Die Szene hat mir gefallen. Sie hatte nur zwei Nachteile: Wie zum Teufel ist Tanka dorthin gekommen, immerhin liegt ein Gebirge, größer als die Alpen dazwischen? Ich hatte keine Ahnung.

Und was, bei den Huren der Jungfrau, hat sie dort zu suchen? Woher soll ich, der arme, ahnungslose Autor, das wissen?

Also diese Szene wegschmeißen?

Oder soll ich mir irgendetwas ausdenken, wie und warum Tanka plötzlich in den hohen Norden verschlagen wird? Eine Lösung, die vermutlich jeder Leser als an den Haaren herbeigezogen empfinden würde - das kommt in Fantasy oder Thrillern schließlich häufig vor, wenn der Autor seine Heldin aus einer unmöglichen Situation zu erretten hat.

Aus solchen Situationen kann sich ein massiver Schreibblock entwickeln, der sich erst löst, wenn das Manuskript sicher in der Mülltonne gelandet ist.

Aber es gibt eine Methode, die an diesem Punkt weiterhelfen kann (Quelle: Fiction Writers Brainstormer, James V. Smith jr., writers digest books).

Sucht keine glaubhafte, zu eurer Geschichte passende Lösung. Sucht vor allem nicht nur eine Lösung. Denkt euch zwölf Lösungen aus, egal, wie absurd, lächerlich, unbrauchbar sie euch erscheinen mögen. Wenn euer innerer Zensor schreit: "So ein Quatsch", dann verbietet ihm das Maul. Erst wenn ihr zwölf Lösungen habt, dürft ihr überlegen, welche Lösung (oder welche Kombination von Lösungen) für eure Geschichte in Frage kommt.

Das geht nicht? Ihr habt nicht einmal eine gefunden? Ihr werdet lachen, es klingt absurd, aber funktioniert. Es ist leichter zwölf Lösungen zu finden als eine! Probiert es einfach mal aus.

Damit die Lösungen etwas einfacher werden, könnt ihr Stichworte für einzelne Lösungen vergeben. Im Falle Tankas könnte das so aussehen:

08/15 Lösung: Tanka ist der letzte Sproß des sagenhaften Königsgeschlechtes der Ranizkis, deren letzter Herrscher seine feurige Zunge im ewigen Schnee des Nordens vergrub, damit sie nicht dem bösen Feind Te Henn in die Hände fällt. Wieder bedroht Te Henn das Land. Tanka ist die einzige, die diese Zunge benutzen kann und reist deshalb in den Norden, um sie zu suchen.

Romantische Lösung: Tanka liebt heimlich einen anderen Lehrling, einen Eskimo, der nach Beendigung seiner Studien im Dorf der Heiler in seine Heimat zurückkehrt. Sie will ihn vergessen, kann es nicht, lässt Lehre Lehre sein und reist ihm heimlich nach.

Magische Lösung: Sie hat einer Zauberin den Mann ausgespannt und diese rächt sich, in dem sie die Konkurrentin in den hohen Norden zaubert.

Märchenhafte: Ein Drache entführt Tanka in seine Höhle in den Berge, weil er eine Haushälterin benötigt. Aber Tanka hat sich ihre Zukunft anders vorgestellt und kann fliehen.

Persönliche: Sie ändert ihren Berufswunsch und will Pelzhändlerin werden.

Absurde: Sie will endlich mal die arktische Küche kennen lernen.

Standard: Sie hat etwas getan, was Lehrlinge nicht dürfen und wird in Norden verbannt

Fantasy-Lösung: Sie hat mit Zaubersprüchen hantiert, die sie noch nicht beherrscht und jetzt hat sie den Salat.

Seltsame: Sie will als erste Frau an dem berüchtigten Nordlandlauf quer durch die Arktis teilnehmen.

Thriller: Jemand hat einen Mordanschlag auf sie verübt, sie konnte entkommen, flieht zu einem entfernten Verwandten, der eine Handelsstation in der Arktis betreibt. Aber der Mörder ist ihr auf den Fersen ...

Berufliche: Bei den Eskimos ist ein neuer Schamane aufgetaucht, der wunderbare Heilungen vollbringt. Sie möchte das miterleben.

Ausgeflippte: Sie schreibt sich die Frauenemanzipation auf ihre Fahnen und will die Eskimofrauen aus dem Patriarchat befreien.

Einige dieser Lösungen sind völliger Unsinn? Richtig. Aber sie helfen mit, eine brauchbare zu finden. Welche Lösung nachher tatsächlich verwendet wird, spielt zunächst keine Rolle.

 

Nach soviel Theorie jetzt die Praxis:

Eure Heldin ist im Umweltschutz aktiv und möchte die Kamtschatka Schnurrbart-Robben retten, die bedroht sind, weil immer mehr Schiffe ihre Tanks vor Kamschatka ausspülen, wo es keine Umweltbehörde gibt. Sie fliegt deshalb von Alaska über die Beringsee nach Sibirien. Leider gibt es böse Menschen und einer davon sabotiert ihr Flugzeug. Die Radarüberwachung zeigt, dass die Maschine mitten in der Beringsee abstürzt. Das Wasser ist dort so kalt, dass ein Mensch binnen kurzem erfriert.

Die Heldin hat keine Chance? In die Tonne mit der Geschichte? Das wäre naheliegend.

Die Rettung der Robben wird ihrem Bruder anvertraut, der sich seit seiner Middlife-crisis mit wechselndem Erfolg der Zucht von biodynamischem Ananas am Yukon widmete?

Willy (free willy), der Orca, schwimmt vorbei, bietet der Heldin seine Rückenflosse an und bringt sie sicher nach Anaheim, Disneyland? Auch eine Lösung.

Denkt euch zwölf weitere Lösungen aus, wie die Heldin gerettet werden kann. Verwendet für eure Ideen die Einteilung wie oben (08/15, romantische Lösung, magische, märchenhafte, persönliche, absurde, Standard, Fantasy, seltsame, Thriller, berufliche, ausgeflippte). Wenn ihr drei persönliche Lösungen findet, aber keine Fantasy, auch gut. Wenn ihr die zwölf Kategorien ändern oder gar nicht verwenden möchtest, das ist okay. Sie dienen nur als Leitfaden, als Einstieg in die Übung.

Zwölf Lösungen sind gesucht, nicht weniger. Welche das sind, bleibt euch überlassen. Also lasst eure Phantasie spielen, wenn ihr in der Schlange beim Einkaufen stehst oder in der Straßenbahn (vielleicht eine schwimmende Straßenbahn?). Alles ist erlaubt. Aber zwölf sollen es sein.

Wenn ihr bereits eine Geschichte habt, in der ihr nicht weiterkommt, könnt ihr die Übung auch an diesem Text versuchen. Wie gesagt, alles ist erlaubt, nur kreativ muss es sein.

Now it goes loose: One, two, three ...

 

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