Twists und unvorhergesehene Plotwendungen II

Nach der Fantasie, dem freien Flug der Einfälle kommt Überlegung zum Zuge. Nicht wie könnte die Geschichte weitergehen, heißt jetzt die Frage, sondern wie sollte sie weitergehen? Welche der Lösungen soll übernommen werden? und warum?

Bevor es an die Auflistung der Pro und Contras geht, hier noch einige Überlegungen zu Twist und Spannung:

 

08/15

Jeder kennt sie, der mehr als einen Western gesehen hat. Die letzte Patrone ist verschossen, die heulenden Wilden galoppieren um die Wagenburg, merken, dass von dort keine Schüsse mehr fallen, ihre Gesichter verziehen sich zur blutrünstigen Fratze, langsam und genüsslich ziehen sie ihre Tomahawks, um die nun wehrlosen Siedler zu skalpieren, die ersten sind schon ins Innere gedrungen, einer hat ein hilf- und wehrloses, aber wunderschönes Mädchen an den Haaren, die Sonne blitzt auf die Schneide, die langsam niedersinkt (die Schneide, nicht die Sonne), um ihr grausames Werk zu vollenden. Da - ein Trompetensignal. Die Kavallerie erscheint, rettet Mädchen, Siedler und Amerika, die Wilden jagen feige davon, der Offizier und das Mädchen sinken sich seufzend in die Arme, Tusch, der Vorhang fällt.

Beim ersten Mal mag das spannend sein. Die vierte Wiederholung ruft bestenfalls Gähnen, schlimmstenfalls Gelächter und böse Bemerkungen aus dem Zuschauerraum hervor.

Eine Geschichte soll etwas neues, unerwartetes erzählen, oder zumindest etwas altbekanntes auf neue Art und Weise. Sonst lohnt es sich nicht, sie zu erzählen, lohnt es sich nicht, sie anzuhören.

Da schaut man sich lieber gleich das Original an (Stagecoach), statt des 123., langweiligen Remakes.

Also solltet ihr euere Lösungen daraufhin prüfen, ob sie nicht einfach ein Abklatsch schon erzählter Geschichten sind, ob der Leser nicht schon Stunden vorher weiß, was jetzt kommen wird.

 

Deus ex Machina

Das genaue Gegenteil ist der Deus ex Machina. Der Autor will eine originelle Lösung, hat aber keine glaubhafte. Die Heldin muss gerettet werden, der Autor weiß aber nicht wie. Also wird eine Lösung an den Haaren herbeigezogen. Und passt sie nicht willig, so braucht er Gewalt.

Unter den Siedlern ist eine nichtssagender kleiner Mann, den niemand ernst nimmt. Aber jetzt, ohne Patronen, wächst er über sich hinaus. Er kennt den Trick Old Shatterhands, einen Mann mit einem einzigen Faustschlag zu betäuben. Der Wilde, der sich grade seinen mühsam verdienten Skalp holen will, bricht röchelnd zusammen. Binnen kurzen liegen alle 123 Indianer betäubt auf dem Boden, ein einziger Mann hat sie besiegt.

Wenn es keine Satire sein soll, hat der Leser das Gefühl, der Autor wolle ihn verarschen. Nicht, dass dies nicht öfter vorkommt, mancher berühmte Autor hat sich nicht gescheut, die absurdesten Lösungen in seinen Büchern zu verwenden.

Natürlich passieren im täglichen Leben Zufälle. Und in Büchern gibt es Zufälle. Aber grade in den wichtigen Szenen sollte es möglichst wenige Zufälle geben.

Wenn die Kavallerie im letzten Moment kommt, weil sie grade "zufällig" in der Gegend war, haben wir den deus ex machina.

Wenn sie den Indianern gefolgt ist, und absichtlich erst in letzter Minute eingreift, um alle Indianer leichter fangen zu können, ist es kein Zufall mehr. Und auch kein deus ex machina.

Die Lösung muss zu eurer Geschichte passen, sie sollte den Leser nicht nur überraschen, sie sollte auch glaubwürdig und möglich sein. Und zwar im Rahmen eurer Geschichte. Die riesige Miesmuschel mag noch so phantastisch sein, noch so einfallsreich, in eine realistische Agentenstory passt sie nicht. In einer märchenhafte Geschichte oder in einer Satire hätte sie durchaus Platz.

 

die Personen

Was wird die Heldin denken und tun, sobald sie merkt, dass das Flugzeug binnen kurzem auf dem Wasser aufschlagen wird?

Wenn sie der weibliche James Bond in einer Fernsehserie ist, wird ihr blitzschnell eine Lösung einfallen, ohne zu zögern wird sie sich und die Passagiere retten. Angst hat sie auch keine, denn sie weiß: "Ich kann nicht sterben, sonst könnte die Serie nicht weitergehen."

Die geglückte Rettung verändert die Heldin auch nicht. Sie hat dadurch nichts gelernt, sie ist nicht klüger, mutiger, feiger geworden, sondern bleibt so, wie die Serie es vorschreibt.

Falls es sich nicht um eine Serie handelt und die Heldin zum ersten Mal in ihrem Leben in Lebensgefahr gerät, dann muss die Lösung für eure Heldin machbar sein. Sie kann ruhig alle ihre Kräfte anstrengen, an die Grenze ihrer Möglichkeiten gehen, sie sollte alle ihre Möglichkeiten ausnutzen.

Wenn sie technisch versiert ist und Erfahrung mit der Wartung und Reparatur ihres Flugzeuges hat, wäre es denkbar, dass sie die Ursache der Sabotage entdeckt und behebt.

Wenn sie allerdings eine verträumte Umweltschützerin ist, die Technik verabscheut und sie nur nutzt, wenn es unbedingt nötig ist, verbietet sich diese Lösung.

Und was würde sie aus dem Vorfall lernen? Wenn sie vorher eine verträumte Umweltschützerin war, ist sie jetzt härter, realistischer geworden? Oder will sie jetzt das ganze Unternehmen aufgeben, denkt sie: Es hat doch keinen Zweck, gegen DIE komme ich nicht an? Oder eine Kombination: Sie gibt erst auf, aber dann fasst sie doch wieder Mut?

Twists sind nicht nur spannend, weil sie action enthalten. Sondern auch, weil Menschen sich dadurch verändern, wachsen, hinzulernen. Wenn aus der Szene nur die Rettung der Heldin folgt, die selbst für die Rettung gar nichts getan hat und daraus nichts lernt, vergibt der Autor eine ganz wichtige Chance. Wer interessiert sich schon für Leute, die immer gleich bleiben, es sei denn, sie heißen Buster Keaton?

Also wäre die dritte wichtige Überlegung: Würde die Heldin so reagieren, wie eure Lösung es vorsieht? Kann sie überhaupt so reagieren? Und was würde sie daraus lernen, wie würde sie sich dadurch verändern? Bietet die Lösung überhaupt die Chance der Veränderung?

 

Wie geht es weiter

Wenn die Heldin beim Absturz stirbt, ist eure Geschichte vermutlich zu Ende.

Wenn ihr aber eine Lösung habt, die euren Plot weitertreibt, habt ihr nicht nur eine gute Szene, sondern gleichzeitig einen roten Faden, der für Spannung sorgt.

Eine Geschichte ist immer auch die Geschichte ihrer Hauptpersonen und wie sie mit der Geschichte umgehen.

Folglich sollten die Hauptpersonen auch aktiv die Geschichte gestalten oder zu gestalten versuchen.

Wenn die Heldin beim Absturz von einem Fischerboot gerettet wird und die Besatzung des Fischerbootes dabei Kopf und Kragen riskiert, ist es vielleicht die Geschichte der Besatzung des Fischerbootes, aber nicht die der Fliegerin.

Das gilt auch für weit weniger dramatische Ereignisse. Wenn die Heldin Mutter dreier kleiner Kinder ist, das Baby schreit, weil es in die Windeln geschissen hat, der Zweijährige hat den Futternapf der Katze entdeckt und ist grade dabei, ihn aufzuessen, der Sechsjährige jagt die Katze durch die Wohnung, diese flüchtet auf die Spüle, wo grade die gespülten Gläser zum Trocknen stehen und die Milch fängt an überzukochen ..

Folgende Lösung wäre denkbar: Der Liebhaber der Heldin betritt das Haus, reißt mit der Linken die Milch vom Herd, mit der rechten fängt er die Katze im Fluge auf, stößt mit dem Fuß den Futternapf außer Reichweite des hungrigen Sohnes und pfeift ein Schlaflied, dass das Baby augenblicklich einschlafen lässt.

Nicht sehr wahrscheinlich? Nein. Spannend ist es auch nicht, es sei denn, der Liebhaber ist der Held der Geschichte.

Personen müssen im realen Leben auch reagieren (siehe oben), selbst wenn sie nicht die aufregende Aufgabe haben, die Kamtschatka Robbe zu retten, sondern die höchst prosaische ihre drei Kinder in Zaum zu halten.

Und in Geschichten müssen sie das auch. Wenn die Heldin immer rechtzeitig von anderen gerettet wird, egal ob beim Flugzeugabsturz oder bei häuslichen Katastrophen, wird das albern, unglaubwürdig und langweilig.

Das heißt nicht, dass keine phantastischen oder märchenhaften Elemente verwendet werden können. Durchaus möglich, dass die Heldin einen Abscheu-Zauber über den Fressnapf der Katze schleudert, einen Ohne-Gewicht-Zauber über die Katze, die daraufhin miauend und außer der Reichweite des Ältesten unter der Zimmerdecke schwebt und die Hitze der Milch nach draußen zaubert, wo sie sich krachend mit der kalten Luft mischt. Die Scheiße muss sie per Hand abwischen, ein Zauber, der gegen Scheiße hilft, wurde noch nicht entwickelt.

Soweit gut.

Aber was wäre, wenn der Liebhaber zum Kamin hereinfährt, den Sohnemann vom Katzennapf wegzaubert, die Milch ....

Ich denke, ihr merkt, was ich meine.

Natürlich heißt das nicht, dass dem Helden oder der Heldin alles gelingen muss. Gut möglich, dass der Hitze-fort Zauber in der Eile misslingt, die Hitze mit lautem Knall in der Küche zerplatzt und der Heldin eine gewaltige Brandblase beschert. Dass der Sechsjährige frühreif ist, der Mutter einige Zaubersprüche abgeguckt hat und so die Katze von der Decke in die Gläser fallen lässt, dass ....

Womit es neue Abenteuer gibt, die die Heldin zu bestehen hat.

Langer Rede kurzer Sinn: Eure Hauptpersonen sollen handeln, müssen handeln. Anfänger haben oft Scheu vor solchen Actionszenen und umgehen sie, in dem sie die Schwierigkeiten sich auflösen lassen, hilfreiche Personen einführen, oder die eigentliche Szene im Nachhinein kurz narrativ erzählen, statt den Leser mitfiebern zu lassen. Kann die Heldin sich aus dem Flugzeug retten? Werden die kostbaren Gläser der Oma doch im letzten Moment gerettet werden?

Werft also auch einen Blick darauf, welche Möglichkeiten eure Lösung bietet, die Geschichte voranzutreiben. Einige haben das angedeutet. Das soll *nicht* heißen, das ihr jetzt das komplette Expose, die komplette Storyline verfassen sollt.

 

So jetzt genug der Theorie. Im zweite Teil sollt ihr euch eure Lösungen anschauen und Pro und Contra dahinter notieren. Ihr sollt keine Romane dazu verfassen, Stichworte, wie zB. passt nicht zur Heldin oder treibt die Handlung voran, reichen.

 

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