Eine Katastrophe ist immer ein guter Romananfang

                      Interview mit Rebecca Gablé

 

Mit dem historischen Roman „Das Lächeln der Fortuna“ gelang ihr ein Bestseller. Jetzt hat Rebecca Gablé mit „Die Hüter der Rose“ eine Fortsetzung vorgelegt. Grund genug für den Tempest, sie über das Schreiben historischer Romane zu interviewen.

 

 

Hans Peter Roentgen: In historischen Romanen treten neben den historischen Figuren meistens auch erfundene auf. In Ihrem Fall sind das die Personen der Familie Waringham. Wie entstehen bei Ihnen solche Personen? Legen Sie erst ein Beschreibung, eine Biographie an, oder entwickeln sie sich während des Schreibens?

 

Rebecca Gablé: Bevor ich anfange zu schreiben, erstelle ich ein Dossier über die fiktiven Figuren, das ihre Biographie (vor allem auch vor Einsetzen der Romanhandlung), die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens während des Romans, ein Psychogramm, ihre äußeren Erscheinungsmerkmale usw. enthält. Trotzdem passiert es immer noch, dass meine Figuren mich überraschen, beim Schreiben eine Art Eigenleben entwickeln und manchmal etwas tun, was ich nicht geplant habe. Ich versuche, diesem Phänomen möglichst viel Raum zu lassen, denn nach meinem Empfinden macht es die Figuren lebendiger.

 

 

Hans Peter Roentgen: Was tun Sie als Erstes nach der Recherche? Entwerfen Sie einen Plot? Entwickeln Sie die Personen? Oder schreiben Sie erst einmal drauflos? Oder ...?

 

Rebecca Gablé: Recherche und Schreibphase sind bei mir nicht getrennt. Natürlich steht am Anfang eines Romans immer ein mehrwöchiger Recherchemarathon, aber schon währenddessen entstehen einige der Figuren. Sobald ich einen Überblick über meinen Stoff habe, mache ich eine grobe Plotstruktur und fange an zu schreiben. Während des Schreibprozesses recherchiere ich laufend weiter und plotte detaillierter. Es ist, ehrlich gesagt, ein ziemlich chaotischer Prozess. Wenn ich einen Roman beginne, weiß ich zwar ungefähr wann, aber nicht wie er enden wird, und eines Tages werde ich damit vermutlich fürchterlich auf die Nase fallen.

 

 

Hans Peter Roentgen: Jede Person in „Die Hüter der Rose“ hat eine eigene Geschichte, die sich natürlich mit denen der anderen berührt. Wie verknüpfen, braiden Sie diese Geschichten? Ergibt sich das während des Schreibens? Gibt es einen Plan? Wird die Geschichte jeder Person erst mal getrennt entwickelt, und später werden die verschiedenen Teile zusammengefügt?

 

Rebecca Gablé: Vor Beginn entwerfe ich meine fiktive Hauptfigur in der oben beschriebenen Weise und entscheide, wer die historische Hauptfigur sein soll. Dann überlege ich, wie ich die persönlichen Geschichten dieser beiden miteinander verknüpfe. Der Rest ergibt sich weitgehend von selbst, durch die verwandtschaftlichen Verbindungen mit den übrigen Figuren, ihre politischen Interessen und Konflikte, ihre Gemeinsamkeiten und Gegensätze.

 

 

Hans Peter Roentgen: Ein historischer Roman benutzt ja viele Fakten, die die Leser nicht kennen. Anfänger erstellen deshalb gerne einen „Infodump“, packen alles zusammen auf ein paar Seiten. Was würden Sie jemandem raten, der am Beginn seines Textes so einen Infodump angelegt hat? Wie bringt man dem Leser die nötigen Fakten bei?

 

Rebecca Gablé: Ein solcher „Infodump“ ist die sicherste Methode, einen historischen Roman schon vor dem Stapellauf zu versenken, denn nichts nervt Lektoren und Lesepublikum so sehr wie das Gefühl, belehrt zu werden. Gerade am Romananfang ist das tödlich. Mein Rat ist: Weg mit dem Infodump. Zu Beginn des Romans sollte man mehr Gewicht auf die Figuren als auf die historischen Fakten legen. Bei jeder historischen Information, die man in den Roman einbaut, sollte man sich fragen, ob sie der Handlung dient, ansonsten lässt man sie besser weg. Und man muss sich immer wieder sagen: Ich habe Zeit. Historische Romane sind ja meistens lang und erzählen lange Zeiträume. Es ist nicht nötig, alle Informationen an den Anfang zu packen.

 

Natürlich muss man seinem Publikum trotzdem mehr erklären als in einem Roman, der in heutiger Zeit spielt. Das lässt sich auf unterschiedlichste Weise in die Handlung integrieren. Zum Beispiel, indem eine erwachsene Figur einem Kind politische Zusammenhänge erklärt, ein Einheimischer einem Ausländer etc. Ein anschauliches Lehrstück ist Ken Folletts Beschreibung einer typischen Burganlage des 12. Jahrhunderts in “Die Säulen der Erde”: Er beschreibt sie uns aus der Perspektive des Schurken, der die Burg in Augenschein nimmt, die er kurz darauf einnehmen will. So wirkt es spannend und natürlich, dass er uns ihre Verteidigungsanlagen etc. aufzählt.

 

 

Hans Peter Roentgen: Ihr neuer Roman beginnt mit dem Brand in einem Pferdestall. Ist diese Szene bewusst an den Anfang gestellt worden? Was waren die Gründe dafür?

 

Rebecca Gablé: Eine Katastrophe ist immer ein guter Romananfang, finde ich. Das Publikum begegnet den Figuren in einer Extremsituation – ein Identifikationsangebot, dem man sich schwer entziehen kann. Mitgefühl und Sympathie werden gleich zu Anfang geweckt, und sofort ist der erste, kleine Spannungsbogen eröffnet: Wird der Junge es aus dem brennenden Stall schaffen? Ist er verletzt? Wie verkraftet sein greiser Vater die Situation? Springt das Feuer auf andere Gebäude über? Werden die Pferde gerettet? Für jeden Leser, jede Leserin ist irgendetwas dabei, worum er oder sie sich sorgen kann, und schon hat man sie.

 

 

Hans Peter Roentgen: ... nicht zu vergessen: In der Szene erfährt der Leser auch nebenbei eine Menge über die Personen ganz ohne Infodump:

- die Waringhams sind bekannte und erfolgreiche Pferdezüchter

- John hat den berühmten Pferdeverstand der Waringhams

- Pferde geraten durch Feuer so in Panik, dass sie nicht freiwillig den Stall verlassen

und manches mehr.

 

Rebecca Gablé: Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Eine Katastrophe ist eine gute Gelegenheit, dem Leser Informationen „unterzujubeln“, ohne dass er es wirklich merkt, weil er – im Idealfall – atemlos das Geschehen verfolgt. Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse, Konflikte der Figuren, die politische Ausgangslage, geographische Beschreibungen – all das lässt sich dort beinah unbemerkt einflechten. Nur sollte man dies äußerst sparsam tun, damit der Spannungsfaden nicht reißt.

 

 

Hans Peter Roentgen: In dem Buch verändert sich John Waringham; durch den Krieg wird er härter, brutaler, und selbst seine Frau fürchtet sich irgendwann vor ihm. Im Vorwort schreiben Sie, dass das Buch weit mehr vom Krieg handelt, als Sie selbst geahnt hatten. Ist Ihnen das schon öfter passiert, dass sich Handlungen oder Personen verselbständigen, anders laufen als geplant?

 

Rebecca Gablé: Da ich, wie gesagt, nicht bis ins letzte Detail plane, passiert mir das relativ häufig. Natürlich war mir von Anfang an klar, dass die Schlacht von Agincourt, die Eroberungsfeldzüge in der Normandie und die Jungfrau von Orléans eine wichtige Rolle im Roman spielen würden, aber welche Auswirkungen all das auf die Psyche des Protagonisten haben würde, wurde mir erst nach und nach bewusst.

 

 

Hans Peter Roentgen: Was ist überhaupt – neben der Recherche – das Wichtigste bei historischen Romanen? Was soll jemand, der einen schreiben möchte, auf jeden Fall beachten?

 

Rebecca Gablé: Ich würde sagen, das kommt darauf an, was er oder sie erreichen möchte. Wer sein Publikum unterhalten will und – sprechen wir’s ruhig mal aus – auf kommerziellen Erfolg hofft, sollte vor allem Billy Wilders oberstes Gebot befolgen: Du sollst nicht langweilen.

 

Das Entscheidende, um das zu erreichen, ist meiner Meinung nach, seine Figuren dem Publikum ans Herz zu schreiben. Das ist gerade im historischen Roman nicht so einfach, wie es klingt, denn seine Figuren stehen im Spannungsfeld zwischen erzählter Vergangenheit und der Gegenwartserfahrung des Publikums. Die Figuren müssen Kinder ihrer Zeit sein, um dem Roman Authentizität zu verleihen, aber für das Publikum in ihrem Verhalten nachvollziehbar bleiben, um real und lebendig zu wirken. Es gibt eine Vielzahl von Methoden und narrativen Techniken, um das zu erreichen. Natürliche, glaubwürdige Dialoge gehören zu den wichtigsten.

 

 

Hans Peter Roentgen: Wie schaut eigentlich Ihre Zusammenarbeit mit dem Verlag und Lektor aus? Beraten Sie sich schon während des Schreibens, oder sieht der Lektor erstmals etwas davon, wenn Sie den Roman fertig geschrieben haben? Wie viel ändert sich im Lektorat?

 

Rebecca Gablé: Ich bin in der glücklichen Lage, seit zehn Jahren mit derselben Lektorin zusammenzuarbeiten, und über einen so langen Zeitraum kann man ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das letztlich dem Werk zugute kommt. Meine Romane sind in der Regel in mehrere große Teile von ca. 300 Seiten gegliedert. Wann immer solch ein Teil fertig ist, bekommt meine Lektorin ihn zum Lesen, und wir reden anschließend über Handlung und Figuren. Ich schätze ihr Urteil sehr, weil sie viel Erfahrung hat, und ich arbeite diejenigen ihrer Anregungen ein, die mir gut erscheinen. Der Arbeitsgang des eigentlichen Lektorats wird dadurch zu einer reinen Textredaktion reduziert.

 

 

Hans Peter Roentgen: Eines Tages liegen Sie im Bett, plötzlich steht ein wunderschöner Elf neben Ihnen und sagt: „Rebecca, Sie haben so viele historische Romane geschrieben, deshalb haben Sie eine Wunsch für die deutsche Literatur frei.“ Was wünschen sie sich?

 

Rebecca Gablé: Ich wünsche mir, dass Bücher endlich teurer werden. Warum?, wird der Elf mich vielleicht verwundert fragen. Weil bei den derzeitigen Buchpreisen einfach nicht genug herauskommt, um alle Beteiligten angemessen zu entlohnen. Seit über zehn Jahren stagnieren die Buchpreise. Bücher gehören zu den wenigen Produkten, die durch die Umstellung von D-Mark auf Euro sogar eher preiswerter als teurer geworden sind. Nun kommen obendrein die ganzen „Billigeditionen“ bei Zeitungen und Zeitschriften.

 

Ein Buch, wird dem Publikum suggeriert, darf nicht teurer sein als eine Kinokarte, dabei ist der Genuss beim Lesen doch viel länger und wiederholbar, und eine beinah unbegrenzte Personenzahl kann ein einzelnes Exemplar „konsumieren“.

 

Papierkosten, Energie, Lohnkosten und viele andere Größen, die die Kosten einer Buchherstellung beeinflussen, sind in den vergangenen zehn Jahren jedoch gestiegen, teilweise drastisch. So bleibt vom Verkaufserlös des einzelnen Buches für die eigentlichen Literaturschaffenden immer weniger übrig. Darum werden Literaturübersetzer mit unverschämt geringen Seitenhonoraren abgespeist (die seit ein paar Jahren sinken), und unerfahrene, noch nicht etablierte Autoren werden von den Verlagen mit lächerlichen Vorschüssen oder sogar mit Buy-out-Verträgen über den Tisch gezogen.

 

Ich wünsche mir, dass das Buch-Dumping ein Ende nimmt und ein Roman im Hardcover wenigstens so viel kosten darf wie ein Besuch beim Italiener um die Ecke. Derzeit wird das „Produkt Buch“ unter Wert verschleudert, und die Urheber – die i. d. R. gegenüber den Verlagen wenig Macht haben – sind die Leidtragenden.

 

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für dieses Interview.

 

Leseprobe „Die Hüter der Rose“

Homepage von Rebecca Gablé

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