Schadaste

Kindergeschichte - ab 8 Jahre

Eine Tante auf Dienstreise

Immer schon hatte Hannas Tante etwas geheimnisvolles. Sie war Hannas Patentante und zu jedem Geburtstag besuchte sie Hanna. Das allein war schon etwas besonderes, einige Mitschülerinnen hatten Patentanten, die zum Geburtstag nur anriefen und andere nicht mal das.

Obendrein hieß sie Schadraste. Niemand sonst hieß so. Jedenfalls niemand, den Hanna kannte.

Tante Schadraste sagte nie, was sie arbeitete. Hannas Mama war Lehrerin, Hannas Papa arbeitete bei der Zeitung. Alle Erwachsenen arbeiteten.

Früher, als Hanna noch sehr klein war - da war sie nicht mal sechs und noch im Kindergarten - damals jedenfalls hatte sie geglaubt, Schadraste sei eine Hexe. Eine gute natürlich, nicht wie in Hänsel und Gretel. Schadraste fraß schließlich keine kleinen Kinder, da war sich Hanna ganz, ganz sicher. Und sie hatte auch kein Knusperhäuschen.

Aber sie hatte einen schwarzen Kater mit blauen Augen. Und hatten Hexen nicht schwarze Kater? Natürlich war sie eine gute Hexe, aber es musste ja auch gute Hexen geben, nicht wahr? Dornröschen hatte ja auch zwölf gute Feen und nur die dreizehnte war böse.

Schadraste lebte mit Onkel Hans zusammen, aber die beiden waren nicht verheiratet. Hans war gar kein besonderer Name und selbst wenn Schadraste ihn häufig Johnny nannte, auch Johnny war nichts besonderes. Trotzdem er ein ganz gewöhnlicher Onkel war, ein Feld-Wald-Wiesen-Onkel sozusagen, war Hanna fest davon überzeugt, dass Schadraste und Johnny sich sehr, sehr gern hatten. Und das war auch etwas besonderes, wo sie doch nicht mal verheiratet waren.

Aber Onkel Hans hatte eine Arbeit und Hanna wusste, was er tat. Onkel Hans arbeitete im Bauamt der Stadt und passte auf, dass die Häuser nicht einstürzten.

Doch was tat Tante Schadraste? Sie war oft fort, manchmal wochenlang. „Sie ist auf Dienstreise“, erklärte Onkel Hans dann.

Dienstreise ist eine Reise, die man wegen der Arbeit machen muss. Weil man in einer anderen Stadt oder einem anderen Land arbeiten muss, das wusste Hanna.

Aber was arbeitete Schadraste denn in anderen Städten oder Ländern? „Sie arbeitet für die Regierung“, sagte Onkel Hans und machte ein wichtiges Gesicht, als ob das eine Erklärung gewesen wäre. Es war natürlich keine, aber wenn Hanna weiter fragte, was die Tante denn für die Regierung arbeitete und in welcher Stadt, dann sagte Onkel Hans nur: „Das verstehst du noch nicht.“ Als wäre Hanna noch ein kleines Baby.

Weil Onkel Hans immer sagte, „Sie arbeitet für die Regierung“, dachte Hanna manchmal, sie sei eine Geheimagentin und verfolge ganz, ganz böse Leute, die die Welt in die Luft sprengen wollten oder so.

Aber da war Hanna noch kleiner. Denn Agenten sind Männer, meistens jedenfalls, auf jeden Fall groß und stark. Schadraste war aber klein und rund und Karate konnte sie auch nicht. Wenn sie in einem ganz, ganz schnellen Auto die Bösewichte verfolgt hätte, wie das im Fernsehen immer geschah, wären die sicher entkommen. Die Tante war nämlich eine furchtbar schlechte Autofahrerin. Sie zog am Lenkrad, wenn sie losfahren wollte, trat aufs Gas, um zu bremsen und sagte schließlich entnervt: „Ich bin es einfach anders gewohnt. Johnny, fährst du?“

Doch wer ist gewohnt, am Lenkrad zu ziehen, um anzufahren, fragte sich Hanna? Jedenfalls war die Tante doch keine Geheimagentin und machte keine Dienstreisen, um die Welt zu retten.

Und Auto fuhr ja auch meistens Onkel Hans.

Ein Kater mit blauen Augen

Wenn Schadraste auf Dienstreise war, war auch ihr Kater fort. Castro hieß er und Hanna hatte noch nie einen Kater mit solch blauen Augen gesehen. Eigentlich hatte sie überhaupt noch keinen Kater mit blauen Augen gesehen. Weshalb es gut möglich war, dass Schadraste wirklich eine Hexe war, die öfters auf ihrem Besen auf Dienstreisen flog und dabei musste sie den Kater natürlich mitnehmen. Denn zu einer Hexe, vor allem einer auf Dienstreise, gehört ein schwarzer Kater, das ist mal sicher.

Jedenfalls wenn man klein ist und noch nicht zur Schule geht. Später wusste Hanna natürlich, dass es gar keine Hexen gibt, weder gute noch böse und keine Besen, auf denen sie auf Dienstreisen gehen. Das gibt es nur im Märchen - Hexen jedenfalls - und Hanna war jetzt groß und wusste, dass das nur Geschichten waren, Märchen eben.

Dienstreisen allerdings gab es schon. Auch andere Erwachsene machten Dienstreisen. Marthas Vater zum Beispiel. Der verkaufte ganz, ganz komplizierte Maschinen an Krankenhäuser, die konnte man ans Herz anschließen, wenn jemand herzkrank war und dann wurden die Kranken wieder gesund. Und konnten wieder aufstehen und herumlaufen. Martha behauptete sogar, dass die Maschinen ihres Vaters auch Tote wieder lebendig machen konnten, aber das glaubte Hanna dann doch nicht, denn Martha erzählte viel.

Das mit den Maschinen für’s Herz klang auch nach Hexerei, aber Hanna wusste, das war keine, sondern Technik. Denn Hanna war jetzt ja schon acht.

Doch wenn Schadraste keine Geheimagentin war und keine Hexe, was war sie dann? In welchem Beruf ging man mit einem schwarzen Kater mit blauen Augen auf Dienstreisen für die Regierung? Hanna wusste keinen und auch ihrer Freundin Annemarie fiel nichts dazu ein.

Einmal hatte Hanna sogar Castro mit ganz viel Kartoffelchips gefüttert - denn das war seine Lieblingsspeise - und hatte ihm versprochen, er würde noch viel, viel mehr bekommen, wenn er ihr nur verriete, was die Tante wirklich arbeitete.

Aber Castro leckte sich die Lippen und kotzte in der Nacht Schadrastes Wohnung voll, sagte aber nichts.

Ein Bruder auf Pump

Hanna hatte keine Geschwister. Natürlich hatte sie Papa und Mama und sie liebte beide sehr, aber es gibt einfach manchmal Sachen, die kann man nur mit Geschwistern machen. Vor allem über Papa und Mama reden natürlich. Aber auch vieles andere.

Manchmal stellte Hanna sich vor, sie hätte eine jüngere Schwester, die würde Laila heißen. Und Laila wäre ganz begeistert von Hanna, sie würde sie bewundern und für Laila wäre Hanna die wichtigste Person im ganzen Weltall. Vor allem, wenn Hanna allein war, träumte sie von Laila, die mit ihr spielte, wann immer Hanna eine Spielkameradin brauchte. Laila widersprach Hanna nie, sie nahm ihr nie die Spielsachen weg und stiebitzte auch nicht Hannas Schokolade. Sie war die ideale Schwester.

Natürlich gab es so eine Schwester gar nicht, das wusste auch Hanna. Denn ihre beste Freundin Annemarie hatte gleich zwei Geschwister, einen jüngeren Bruder, Robert und eine ältere Schwester, Sabina. Und Robert bewunderte Annemarie nur manchmal und Birgit wollte oft gar nicht mit ihr spielen. Auf ihre Schokolade musste Annemarie auch immer aufpassen und da Robert noch klein war, machte er oft Annemaries Spielzeug kaputt. „Geschwister sind so toll auch wieder nicht“, sagte Annemarie deshalb immer, „sei froh, dass du keine hast.“

Aber Hanna war gar nicht froh darüber. So ist das eben, was einer nicht hat, das will er unbedingt haben, auch wenn er weiß, dass es nicht so toll ist. Annemarie hatte ihr sogar einmal angeboten, Hanna könne ihren Bruder ausleihen. „So für zwei Monate oder so.“ Natürlich war Robert keine Laila und er widersprach seiner Schwester ständig. Trotzdem wäre es wenigstens etwas gewesen und Hanna war sofort Feuer und Flamme. Aber Robert schrie, als Annemarie ihm sagte, er solle zu Hanna ziehen und ihr Bruder sein und wehrte sich und Annemaries Mutter kam und schimpfte sie aus.

Also wurde es nichts mit dem Bruder auf Pump. „Ist wahrscheinlich auch besser so“, meinte Annemarie dann und dass sie ihren Bruder ja doch ganz gern habe, auch wenn er oft eine Landplage sei.

Und Robert wäre ja auch nicht Laila gewesen. Obwohl sich Hanna gar nicht sicher war, ob eine Schwester, die nie widersprach und einen nur bewundert, auf Dauer nicht auch langweilig wäre.

Einmal fragte sie Tante Schadraste, warum sie keine Kinder hatte. Dann hätte Hanna immerhin Vettern oder Kusinen gehabt, das wäre doch auch was gewesen. Aber Tante Schadraste antwortete: „Ich kann keine Kinder bekommen“, und schaute dabei so traurig, dass Hanna sie nie mehr danach fragte.

Hanna hatte also immer noch keine Geschwister und auch keine Vettern oder Kusinen, aber dafür ihre Freundin Annemarie.

Und natürlich Tante Schadraste. Tante Schadraste aß Hanna nicht die Schokolade weg und machte auch nicht ihre Spielsachen kaputt. Vielleicht war Tante Schadraste sogar besser als Geschwister?

Pippi Langstrumpf und Piraten, die früh schlafen gehen müssen

Als die Tante wieder von einer Dienstreiste zurückkam, fragte Hanna sie, was sie gemacht hatte. Wieder antwortete die Tante nur: „Das verstehst du noch nicht.“ Und: „Das darf ich dir nicht erzählen.“

Hanna stampfte mit dem Fuß auf und wurde so wütend, dass sie nicht mehr mit Schadraste redete.

Und zwar einen ganzen Tag lang. Doch nicht länger. Denn eigentlich liebte sie ihre Tante. Auch wenn sie nichts über ihre Dienstreisen erzählen wollte. Dafür erzählte sie sonst umso mehr. Oder las Hanna vor.

Wenn Tante Schadraste Hanna vorlas, saßen beide auf dem Sofa eng aneinander gekuschelt und Schadraste las aus „Tintenherz“, aus „Mio, mein Mio“, aus „Pippi Langstrumpf“ und vielen, vielen anderen Büchern vor.

Hanna liebte diese Abende. Sie konnte natürlich längst selbst lesen. Aber sich an die Tante zu kuscheln und ihr zuzuhören, wie sie den Menschen in den Büchern Stimmen gab, das war doch etwas ganz, ganz anderes. Da klang der böse Ritter wirklich böse und die Brüder Löwenherz mutig und Pippi Langstrumpf so frech, als säße sie direkt neben Hanna auf dem Sofa. Mit zwei verschiedenen Strümpfen.

Schadraste las vor und las vor und hörte gar nicht mehr auf und irgendwann sagte Hannas Mama: „Hanna, jetzt musst du wirklich ins Bett.“

Dann sagten Hanna und Schadraste im Chor: „Nur noch ein paar Seiten. Nur noch ein kleines bisschen.“ Und: „Wir sind noch gar nicht müde.“

Hannas Mama fand aber, dass es doch Zeit für Hanna wäre, doch Schadraste überredete sie „Nur noch zwei Seiten. Nur noch das Kapitel.“, und dann las sie doch ganz viel mehr. Bis Hanna wirklich die Augen zufielen und Schadraste sie ins Bett brachte. Sie deckte Hanna zu, strich ihr die Decke glatt und gab ihr einen Kuss.

„Du bist meine Lieblingstante“, sagte Hanna dann.

„Du bist auch meine Lieblingsnichte“, antwortete Schadraste. „Schlaf schön und träum einen ganz, ganz langen Traum.“

Da war Hanna aber schon eingeschlafen und träumte wirklich einen ganz, ganz langen und spannenden Traum. Sie fuhr mit Pippi Langstrumpf auf einem großen Segelschiff um die Welt und sie jagten Piraten. Die Piraten, die sie fingen, mussten den ganzen Tag das Deck putzen zur Strafe für ihre Untaten und Samstags mussten sie die Segel in großen Bottichen waschen. Deshalb glänzte das Holzdeck, als sei es aus purem Gold und auf den Segeln war nicht der kleinste Fleck zu sehen.

Und jeden Abend mussten die Piraten ganz, ganz früh schlafen gehen, auch das als Strafe. Weil sie so viele Schiffe ausgeraubt hatten.

Die Piraten bettelten und baten, jammerten und wimmerten und bimmerten jeden Abend „Nur noch fünf Minuten“, aber Pippi und Hanna waren sehr streng und sagten „Nein“ und Hanna klatschte mit ihrer Peitsche. Da kriegten die Piraten Angst und gingen ganz, ganz schnell und ohne Widerrede in ihre Hängematten. Nicht mal heimlich unter der Bettdecke wagten sie zu lesen, sondern schliefen brav ein.

Hanna und Pippi aber saßen noch lange auf Deck unter einem gleißenden Sternenhimmel. Schließlich waren sie die Herren des Schiffes und deshalb gab es niemanden, der ihnen sagen konnte: „Jetzt ist es Zeit, ab Marsch ins Bett.“

Hanna erzählt Pippi von Tante Schadraste, dass sie ihr Geschichten erzählte, aber nicht, was sie arbeitete. Und dass die Tante keine Kinder bekommen konnte und Hanna gerne Geschwister hätte – oder wenigstens Vettern oder Kusinen.

Pippi lachte und dann turnte sie wie ein Äffchen den Mast hoch und oben im Mastkorb hielt sie die Hand über die Augen und schaute sich um. Dann schwang sie sich von einem Segel zum nächsten und sprang wieder aufs Deck.

„Irgendwo habe ich deine Tante mit einem Baby gesehen“, sagte sie.

„Aber sie kann doch keine Kinder kriegen.“

„Vielleicht ist es ja auch nicht ihr Kind. Aber jedenfalls wird sie ein Baby haben, auch wenn sie keins kriegen kann.“

„Blödsinn“, stellte Hanna fest. „Wie soll jemand ein Baby haben, der keine kriegen kann?“

Doch da irrte sich Hanna.

Napoleon will nicht mehr

Hanna hatte es längst aufgegeben, jemals zu erfahren, was Tante Schadraste arbeitete, da passierte das mit Napoleon.

Tante Schadraste war auf einer langen Dienstreise gewesen und Hanna und ihre Mutter besuchten sie. Schadraste las Hanna im Garten vor und sie tranken Kakao und später gingen Mama und Schadraste ins Haus. Aber Hanna wollte noch draußen bleiben.

„Ich spiel noch was mit Castro“, rief sie den Beiden nach und zog einen Ball an einer Leine übers Gras. Castro sprang danach, ließ es wieder los und Hanna zog es plötzlich zu sich oder warf es weit weg und beide hatten viel Spaß.

Dann wurde es kühler und Hanna ging ins Haus, weil sie ihre Jacke holen wollte. Die Jacke hing im Flur und Mama und Tante Schadraste saßen im Wohnzimmer. Deshalb sahen sie nicht, dass Hanna ins Haus gekommen war. Und die Wohnzimmertür war nur angelehnt.

„Wie war Napoleon?“, fragte Mama.

„Schwierig. Wir haben ihn immer noch nicht.“

Hanna spitzte die Ohren. Jetzt würde sie erfahren, was Schadraste wirklich auf Dienstreisen tat.

Sie beugte sich vor, um besser zu hören. Und stieß dabei an den Schirmständer. Der fiel um. Und machte Krach, genau dann, als Hanna keinen Krach gebrauchen konnte. So ist das manchmal. Es passieren genau die Sachen, die grade nicht passieren dürfen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment. Sonst ja, das ganze Jahr hätte der blöde Schirmständer umfallen dürfen, so oft er wollte und noch öfters. Hanna hätte es nicht gestört. Doch grade jetzt, im einzigen Moment des Jahres, in dem er bitte, bitte stehen bleiben und ganz ruhig sein sollte, in diesem Moment musste er umfallen. Mit großem Getöse. Als habe er das ganze Jahr auf diesen Moment gewartet. Um Hanna zu ärgern. Das war Hexerei, obwohl es natürlich keine Hexerei gab.

Mama und Schadraste kamen gleich in den Flur gestürzt und Mama fragte: „Was machst du da?“ und Schadraste: „Hast du etwa gelauscht?“

Hanna schüttelte den Kopf. Sie war furchtbar erschrocken. Am liebsten hätte sie den Schirmständer getreten. Auch wenn das jetzt nichts mehr nützen würde.

„Ich wollte nur meine Jacke holen“, verteidigte sie sich, „Weil es jetzt kalt ist.“ Sie griff nach ihrer Jacke und wollte schnell wieder in den Garten. Aber Mama packte sie am Arm und befahl: „Hier geblieben, kleines Fräulein. Was hast du gehört?“

„Nur Napoleon.“ Wer zum Teufel war eigentlich Napoleon?

„Und was über Napoleon?“

„Er ist weg.“

„Soso. Wir haben also doch gelauscht.“

„Nein. Stimmt gar nicht. Ich wollte die Jacke holen und die Tür stand offen und ihr habt eben so laut geredet.“ Und dann fing Hanna an zu weinen, weil sie so aufgeregt war und alles schiefgelaufen war wegen dem blöden Schirmständer und weil Mama so bös war und überhaupt. Das war ein Schieflauftag, ganz sicher. Und an solchen Schieflauftagen war es besser zu weinen, wenn die Erwachsenen Theater machten und ihr nicht glaubten und dabei waren sie doch selbst Schuld, weil sie so laut redeten und vergessen hatten, die Tür zu schließen.

Die Wackelpuddingaliens

Dann wurde Hanna neun. Mama backte einen riesigen Kuchen mit neun Kerzen und neun Freundinnen kamen zu Besuch. Und schließlich kam Tante Schadraste. Sie keuchte heftig, denn sie war gerannt.

„Sonst wäre ich nicht mehr rechtzeitig gekommen“, sagte sie. Und zu Hannas Mama sagte sie: „Stell dir vor, sie haben ihn immer noch nicht gefunden.“

„Wen haben sie nicht gefunden?“ fragte Hanna.

„Ach, dass ist bloß Ärger in der Arbeit. Aber ich habe eine neue Geschichte, extra für dich.“

Zu jedem Geburtstag erzählte Schadraste Hanna und ihren Freundinnen eine Geschichte. Eine, die sie sich extra dafür ausgedacht hatte. Eine Geschichte nur für Hannas Geburtstag. Eine, die in keinem Buch stand und die man nirgendwo kaufen konnte. Sie war wirklich eine ganz besondere Tante.

Doch wen hatte sie noch nicht gefunden? War Napoleon ein Bankräuber und die Tante arbeitete bei der Geheimpolizei und musste ihn fangen? Aber dann setzte sich Schadraste und Hanna vergaß Napoleon, denn Schadraste erzählte die Geschichte von den Wackelpudding-Aliens.

 

Jedes Jahr finden in der Stadt Bremen die internationalen Wackelpudding-Weltmeisterschaften statt. Die Siegerin wird zur Wackelpudding-Königin gekürt - oder zum Wackelpudding-König, wenn es ein Mann ist.

Dieses Jahr gab es ein spannendes Wackelpuddingrennen. Maria Wockel und Wasila Puddowa hatten die besten Puddings gekocht. Köstlich schmeckten beide. Der Jury fiel es schwer zu entscheiden, wen sie zur Königin krönen sollten.

Maria Wockel hatte einen Wackelpudding gekocht, der gelb war, mit roten Streifen. Und grünen Punkten! Außerdem konnte er zur Melodie von "Oh Tannenbaum" wackeln.

Wasila Puddowas Pudding hatte obendrein ganz blaue Wellen, die leuchteten und sich bewegten, als ob es echte Wellen im Meer wären. Und er konnte zur Musik von "Hänschen Klein" und "Alle Vögel sind schon da" wackeln. Dafür schmeckte er ein bisschen, ein ganz kleines bisschen weniger gut als der Pudding von Maria Wockel. Aber wegen der leuchtenden blauen Wellen und weil er auch das ganze Jahr und nicht nur zur Weihnachtszeit zur Musik wackeln konnte, deshalb wurde Wasila Puddowa zur Wackelpudding-Königin des Jahres gewählt. Maria Wockel wurde nur Wackelpudding-Vizekönigin.

Und dann war sie plötzlich verschwunden.

Erst dachten alle, sie habe sich aus Verzweiflung in den Fluss gestürzt, weil sie nur Vizekönigin geworden war. Die Stadt ließ den ganzen Fluss von der Quelle bis zur Mündung von Tauchern absuchen, aber Maria Wockel wurde nicht gefunden.

Denn in Wirklichkeit hatten sie Aliens vom Planeten Wiggel-Wackel-Wongola entführt. Diese Aliens essen für ihr Leben gerne Wackelpuddings. Und weil Marias Pudding besser schmeckte - wenn auch nur ein ganz kleines bisschen -, deshalb entführten sie die Vizekönigin Maria und nicht die Wackelpuddingkönigin Wassila. Auf leuchtende blaue Wellen und Musik legten sie eben weniger Wert.

Sie zwangen Maria jeden Tag eine riesige Schale Wackelpudding zu kochen. Dann kamen die Aliens. Sie hatten acht Arme und sahen aus wie Tintenfische. Und sie steckten alle acht Arme gleichzeitig in Marias Wackelpudding und zermanschten ihn total! Und fraßen ihn einfach auf! Kein Benehmen hatten sie, überhaupt kein Benehmen. Sie steckten alle ihre acht Arme voll Wackelpudding gleichzeitig in den Mund und schlürften und schmatzen. Maria bekam Wackelpudding-Alpträume! Sie konnte keinen Wackelpudding mehr kochen und wenn sie es doch versuchte, lief sie gelb an mit roten Streifen. Und grünen Punkten! Deshalb schickten die Aliens sie wieder nach Hause.

Weil sich so viele Leute für die Wackelpudding.-Nachricht interessierten, machte das Fernsehen außerdem eine Talkshow damit. Eine Talkshow ist eine Sendung, da sitzen Leute um einen Tisch und reden. Meistens schimpfen sie aber oder weinen. Wie im Kindergarten, dabei sind sie schon groß. Sie sind sogar erwachsen.

Der Fernsehsender machte also eine Talkshow mit der Wackelpudding-Vizekönigin und einem der Alien. "Nicht ohne meine Wackelpudding" hieß die Sendung. Und der Alien hatte eine große Schüssel Wackelpudding vor sich, in der er mit allen acht Armen gleichzeitig rummantschte und dabei fürchterliche Grimassen schnitt.

Die Wackelpudding-Vizekönigin weinte und hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht. Sie hatte auch einen Ausschlag, der gelb war mit roten Streifen. Und grünen Punkten.

"Nie mehr werde ich Wackelpudding kochen können! Diese Aliens haben mein Leben verpfuscht!" rief sie weinend und zeigte mit der Hand, die das Taschentuch hielt, anklagend auf das Alien. Das musste daraufhin auch weinen. Und alle waren gerührt.

"Jetzt habe ich ein Wackelpudding-Trauma", schrie die Schauspielerin und putzte sich mit dem Taschentuch die Nase, damit sie besser weinen konnte. Ein Trauma ist, wenn jemand was ganz schreckliches passiert und davon seine Seele krank wird und er zum Beispiel nur noch weinen muss und nicht mehr lachen kann.

Ein Professor war auch in der Talkshow, der erklärte: "Die Probandin hat durch die Vermengung der leuchtenden Colorisierung ihres Speisefetischs eine bleibende Traumatisierung mit rot-gelben Ausschlag davongetragen, welche infolge der Destruktion der grünen Punkte ..."

Und da fielen dem Alien, das weiter in dem Wackelpudding rummantschte, zwei der angeklebten Arme in den Pudding.

Dem Professor blieb der Mund offen stehen. Die Vizekönigin vergaß zu weinen. Und die Arme mantschten und spritzen im Pudding herum. Den ganzen Tisch spritzten sie voll und auch die Kameras, so dass im Fernsehen plötzlich alles gelb mit roten Streifen war. Und grünen Punkten. Weil die Kameras so vollgespritzt worden waren.

Das Alien brüllte: " Ich kann keinen Wackelpudding mehr sehen!" und der Kameramann schrie: "Wischt diesen Dreck von meiner Kamera" und die Vizekönigin ließ ihr Taschentuch fallen und stöhnte: "Endlich muss ich nicht mehr weinen!" Auch wenn man nichts mehr sah, außer Wackelpudding auf dem Fernseher, die Stimmen konnte man weiter hören.

Das Fernsehen hatte den Alien, die Wackelpuddingkönigin und die ganze Entführung erfunden. Dem Schauspieler, der das Wackelpudding-Alien spielte, hatten sie sechs weitere Arme angeklebt, damit er wie ein Tintenfisch aussähe. In den künstlichen Armen saßen kleine Motoren, die sie bewegten, damit es wie echt aussah. Und deshalb manschten die Arme einfach weiter, nachdem sie dem Alien abgefallen waren. Das Taschentuch der Wackelpuddingkönigin war voll klein geschnittener Zwiebeln, damit sie besser weinen konnte. Denn sie war ja nicht wirklich entführt worden, sondern nur eine Schauspielerin.

Seit dieser Wackelpudding Fernsehsendung macht die Stadt Bremen wirklich jedes Jahr einen Wackelpudding-Wettbewerb. Man darf alle Puddings kosten und zum Schluss wird die Wackelpudding-Königin und Wackelpudding-Vizekönigin gewählt. Die werden dann von einem Alien mit acht Armen gekrönt, aber jeder weiß jetzt, dass die Arme nur aufgeklebt sind.

Die Wackelpuddings schmecken sehr gut und sehen toll aus. Aber leuchtende blaue Wellen, die sich bewegen, hat keiner und zur Musik kann auch keiner von ihnen wackeln.

Und das ist ganz eindeutig ein Fehler, schloss Schadraste ihre Geschichte.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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