Ich war in akuter Gefahr, völlig zu versuhrkampen
Interview mit Andreas Eschbach (Das Jesus Video, Exponentialdrift)
Hans Peter Roentgen: Andreas Eschbach, du hast mehrere sehr
erfolgreiche Bücher geschrieben. Auf deiner Homepage findet sich aber
nicht nur Werbung zu deinen Büchern, sondern eine Menge Anregungen zum
Schreiben, und du machst auch zahlreiche Schreibwerkstätten. Warum
machst du dir überhaupt diese Arbeit?
Andreas Eschbach: Ehrlich gesagt, die entsprechende Sektion
auf meiner Homepage betreibe ich, um mir Arbeit zu ersparen. Die
Alternative wäre nämlich, per Email immer wieder dieselben Fragen zum
Schreiben gestellt zu bekommen, und das wäre nicht so lustig. Was die
Schreibworkshops anbelangt, so viele sind es ja nicht - einer pro Jahr.
Das kann ich nicht im Ernst als Arbeit bezeichnen.
Hans Peter Roentgen: Wenn ich mir deine Antwort so ansehe und
daran denke, dass 99% der deutschen Autoren weder Schreibworkshops
machen, noch Emails mit Fragen zum Schreiben beantworten: Gehe ich
recht mit der Vermutung, dass dir das auch Spaß macht?
Andreas Eschbach: Es ist sogar eines der auffälligsten Motive
in meinem Leben - was immer ich gerade tue, wenn es irgendwie eine
Möglichkeit dabei gibt, nebenher ein wenig zu unterrichten, dann lande
ich unweigerlich dort. Als Schüler habe ich schwunghaften Handel
getrieben mit Kurzzusammenfassungen des für eine Prüfung wichtigen
Schulstoffs - man könnte auch sagen, mit Spickzetteln -, als Student
war ich der erste studentische Mitarbeiter am Institut, der ein Fach
betreut hat - Konstruktionslehre - bis hin zur Notenvergabe, und ich
hatte gerade bei einer EDV-Firma angefangen, als ich mitbekam, dass die
auch EDV-Kurse veranstaltete... Man rate mal, was ich bald darauf
machte. Na ja, und so ist es nur konsequent, dass ich als
Schriftsteller Schreibseminare gebe.
Hans Peter Roentgen: Hast du selbst an Schreibseminaren oder Schreibgruppen teilgenommen, bevor du deinen ersten Roman veröffentlicht hast?
Andreas Eschbach: Als ich angefangen habe zu schreiben, gab
es so etwas wie Schreibseminare hierzulande nicht nur nicht, man hatte
noch nicht einmal die Vorstellung, dass es so etwas überhaupt geben
könnte oder sollte. Trotzdem habe ich während meiner Studienzeit eine
Schreibgruppe besucht - allerdings eine von der Sorte, die einem eher
nicht gut tun. Das war, wie sollte es im universitären Umfeld anders
sein, der Literaturkreis des Studium Generale an der Universität
Stuttgart. In so einer Umgebung kann man mit
Science-Fiction-Geschichten natürlich überhaupt keine Punkte machen,
und so was wie Spannung ist absolut suspekt. Da muss man elitär sein,
schwierig, anspruchsvoll, dunkelsinnig und so weiter - alle waren sie
versammelt, die Krankheiten der typisch deutschen Art, mit Schreiben
umzugehen, hochkonzentriert in einem Raum und höchst virulent. Die
ersten Monate war ich völlig konfus, zweifelte an allem und jedem, vor
allem aber an meiner Fähigkeit zu schreiben, und fing an zu glauben,
nur Sonette, alexandrinische Versmaße und dunkle Metaphorik sei wahre
Literatur. Ich war, kurz gesagt, in akuter Gefahr, völlig zu
versuhrkampen. Aber irgendetwas - ein Überlebensinstinkt vermutlich -
bewahrte mich davor, indem es mich zunächst aufhören ließ, überhaupt
etwas zu schreiben. Die Genesung dauerte ein paar Jahre, aber
schließlich kam ich so weit zu sagen: Scheiß drauf, das, was Ihr für
Literatur haltet, ist alles gequirlte Kacke, und ich zeig Euch jetzt
mal, wie es wirklich geht.
Wie das eben so ist im Leben: nichts ist nur schwarz oder nur weiß.
Vielleicht war es ein Trainingscamp, in das mich das Schicksal
schickte, zur Abhärtung gegen schwafelige Kritik und zur Stählung
meiner Entschlusskraft, wer weiß? Jedenfalls, eines Tages stellte ich
der Runde eine Kurzgeschichte vor, die ich ziemlich gut fand, und
danach kam einer der anderen Teilnehmer auf mich zu, outete sich als
Redakteur einer Stuttgarter Literaturzeitschrift und zuständig für
Science Fiction und fragte, ob ich nicht etwas für seine Rubrik hätte.
Ich sagte "Ja", und weil das gelogen war, ging ich heim und schrieb an
einem Tag die Story, die heute in unveränderter Form das erste Kapitel
der "Haarteppichknüpfer" ist.
Hans Peter Roentgen: Wer gerne Fußball spielt, fängt
vielleicht in der Kreisklasse an, besucht Trainingslager, spielt
irgendwann in der Landesliga und hofft, dass er, wenn er intensiv genug
trainiert und genügend Talent hat, einmal in der Bundesliga landen
wird. Beim Schreiben gibt es diese Hierarchie nicht, da wollen alle
gleich bei Suhrkamp oder Heyne veröffentlichen.
Andreas Eschbach: In Wirklichkeit gibt es sie natürlich doch,
diese Hierarchie, und es kann nicht schaden, beizeiten ein Gefühl dafür
zu entwickeln, dass man, wenn man eine Story in einem Literaturmagazin
veröffentlicht hat, gewissermaßen erst in der Kreisklasse spielt. Viele
denken nämlich, schreiben und veröffentlicht werden sei so eine
"alles-oder-nichts-Geschichte" - entweder nobelpreisverdächtig oder
aber völlig unfähig. Von diesem hierzulande sehr verbreiteten
Irrglauben muss man sich befreien. Schreiben ist eine Laufbahn, in der
man sein Leben lang lernt und übt und - hoffentlich - allmählich besser
wird. Und während man diesen Weg zurücklegt, veröffentlicht man immer
mal wieder etwas. Natürlich kann es dann passieren, dass man sich
Sachen anschaut, die man vor zehn Jahren geschrieben und poliert und so
gut gemacht hat, wie man damals konnte, und förmlich über Sätze und
Wendungen und Stellen stolpert, die man heute ganz anders machen würde.
Aber irgendwie muss es sich ja auswirken, wenn man dazulernt, nicht
wahr?
Ein solches "graduelles" Verständnis des Weges führt auch dazu, dass
man unterwegs viele kleinere, aber letztendlich genauso motivierende
Erfolgserlebnisse haben kann. Wie weit würde ein Fußballer kommen, der
sich jeden Morgen sagt, "ich bin nicht in der Nationalmannschaft, also
tauge ich nichts"? Jedenfalls nie in die Nationalmannschaft, soviel
steht fest. Nein, es geht darum, immer den sinnvoll nächsten Schritt zu
sehen. Wenn er in der Kreisklasse spielt, muss er sich Gedanken darüber
machen, wie er den Sprung in die Regionalliga schafft. Durchaus mit der
Vision der Nationalmannschaft im Hinterkopf, aber eben als Vision, als
Leitstern am Horizont, über dessen Betrachtung man den Weg nicht aus
den Augen lassen darf, den man gerade geht.
Hans Peter Roentgen: Glaubst du, in den USA ist dies anders?
Gibt es dort eher die Möglichkeit, durch entsprechendes Training
langsam immer besser zu werden?
Andreas Eschbach: Ich glaube, dass die überragende Stellung
amerikanischer Autoren vor allem aus der enormen Konkurrenzsituation zu
erklären ist, in der sie heranwachsen. Das lässt diverse ungünstige
Ideen und Verhaltensweisen, die wir uns hierzulande leisten, gar nicht
erst aufkommen. Und abgesehen von der "Creative Writing"-Kultur - die,
was man hört, so furchtbar "creative" auch nicht immer sein soll - gibt
es eben dreimal mehr Amerikaner als Deutsche, dazu Kanadier und
Engländer und Iren und so weiter... also ein schlicht wesentlich
größeres Talentpotential. Direkt in der Weltsprache zu schreiben hat
nicht nur Vorteile. Es setzt einen auch unbarmherziger Konkurrenz aus.
Hans Peter Roentgen: In der Branche heißt es oft, ein Autor
solle sich nicht durch andere Autoren lektorieren oder gegenlesen
lassen, weil Autoren immer versuchten, das Manuskript so zu verändern,
wie sie es schreiben würden. In deinen Seminaren sitzen angehende
Autoren mit halbfertigen Texten, zu denen du und auch die Anderen etwas
sagen. Sollte ein Autor überhaupt über einen Text reden, bevor die
erste Fassung steht? Führt ihn das nicht dazu, dass er schreibt, wie
der Seminarleiter es möchte, oder die anderen Seminarteilnehmern, dass
er sich beeinflussen lässt, seine individuelle Stimme verliert?
Andreas Eschbach: Ein angehender Autor muss seine Stimme
sowieso erst finden, und was er dafür hält, sind zum größten Teil
Manierismen, die er besser heute als morgen los wird. Aber sich auf die
Erwartungen anderer einzustimmen und für die Gruppe oder den
Seminarleiter zu schreiben, um sich in der aktuellen Situation
Streicheleinheiten abzuholen auf Kosten der eigenen Entwicklung, das
ist eine ernste Gefahr. Der man im Grunde nur durch viel Abwechslung
entgehen kann - andere Leser, andere Meinungen, andere Umgebung. Und
dadurch, dass man sich sehr, sehr deutlich darüber klar wird, warum man
eigentlich schreibt.
Abgesehen davon gibt es tatsächlich einen Punkt, bis zu dem man eine
Idee oder eine Textfassung für sich behalten sollte, und man muss
unbedingt lernen, diesen Punkt wahrzunehmen und zu respektieren. Ist
diese "Schutzfrist" vorbei, kann man von Feedback profitieren - davor
schadet es in jeder Form, selbst als überschwängliches Lob.
Hans Peter Roentgen: Du zitierst oft Hemingway, einmal kann
ich mich an Dürrenmatt erinnern, beide gehören nicht zur Science
Fiction, sondern zur Hochliteratur. Was kann ein Science Fiction Autor
überhaupt von Autoren der Hochliteratur lernen? Kann er von der
klassischen Literaturwissenschaft lernen? Kann er aus Schreibbüchern
lernen?
Andreas Eschbach: Auch Science Fiction Literatur ist zunächst
einmal Literatur, und es wäre dumm zu glauben, dass sie nicht
grundsätzlich denselben Regeln unterliegt wie jede andere Literatur
auch. Im Grunde ist nur das Sujet anders. Hätte Hemingway sich für
Raumfahrt interessiert statt für Großwildjagd, hätte er sicher
hervorragende Geschichten geschrieben, die heute als SF laufen würden.
‚Schnee auf dem Olympus Mons' hieße dann vielleicht eine, und es gäbe
einen Roman mit dem Titel ‚Der alte Mann und das All'... Nun ja, das
ist natürlich eine nette Träumerei. Aber natürlich kann man von jedem
Autor lernen. Wenn man ein Buch liest, das einen beeindruckt - was
sollte einen daran hindern, sich dieses Buch wieder und wieder
vorzunehmen in dem Bemühen, herauszufinden, wie der Autor es gemacht
hat?
Kann ein Schriftsteller von der Literaturwissenschaft lernen?
Geradeheraus gesagt: Nein. Ich weiß nicht genau, wozu es so etwas wie
Literaturwissenschaft gibt und wozu sie gut sein soll, aber jedenfalls
nicht dazu, einem Schriftsteller zu helfen, besser zu schreiben. Ganz
verheerend ist es, Germanistik zu studieren - der sicherste Weg, sein
Talent abzutöten oder zumindest ernsthaft zu beschädigen.
Die sogenannten "Schreibbücher"... Das ist so eine Sache. Was nicht
funktioniert, ist, sich zu sagen: "Ich kann doch nicht einfach drauf
los schreiben, ich muss erst mal lernen, wie man das richtig macht, und
deswegen les' ich erst ein paar Bücher übers Schreiben." So jemand wird
im Lauf der Zeit zu einer beeindruckenden Sammlung derartiger Bücher
kommen und zum Dauergast in Schreibseminaren werden, bloß eines wird er
nicht zustande kriegen, nämlich ein Manuskript, unter dem "Ende" steht.
Anfangen muss man mit dem Schreiben selbst. Aufs Geratewohl, einfach
drauf los. Man muss es erst mal kräftig falsch machen, ehe man eine
Chance hat zu verstehen, was einem jemand übers Schreiben erzählen
will.
Hans Peter Roentgen: Ich kenne Texte von Hobbyautoren, da
habe ich das Gefühl, der Autor weicht konsequent der Geschichte aus,
schlägt überall Haken, wo es interessant wird. Ich kenne das auch von
eigenen Texten. Du hast es mal "die Angst des Autors vor dem eigenen
Stoff" genannt. Ist dir das auch passiert? Woher kommt diese Angst?
Woran kann der Autor diese Falle erkennen, was könnte er deiner Meinung
nach dagegen tun?
Andreas Eschbach: Naja, woran erkennt man, dass man Angst
hat? Eben daran. Im praktischen Leben äußert sich das auf
verschiedenste Weise - vielleicht hat man angeblich eine
Schreibblockade, oder man weicht eben den heiklen Szenen aus. Und was
tut man gegen Angst? Man muss sich ihr stellen, eine andere Möglichkeit
gibt es nicht. Das ist wie im richtigen Leben. Da gibt es für Autoren
keine Sonderbehandlung. Und das ist ein Punkt, an dem sich, wie es so
schön heißt, "die Männer von den Knaben scheiden".
Hans Peter Roentgen: Wie entwickelt man sich zum Mann (oder
zur Frau)? Dürenmatt soll gesagt haben, eine Geschichte wäre erst dann
fertig, wenn sie den schlechtest möglichen Verlauf genommen hat. Hieße
das, ein Autor muss vor allem an den Stellen weitererzählen, die er
lieber nicht erzählen würde, die ihm unangenehm sind, wo er zunächst
nicht weiter weiß?
Andreas Eschbach: Vor allem sind das die Momente, in denen
die Geschichte sich des Autors bemächtigt, nach ihm greift und ihn
zwingt, sich einer Wahrheit zu stellen. Wobei ich nicht einer
Psychologisierung das Wort reden will. Es geht nur darum, dass man sich
eingesteht, hier stocke ich, weil ich nicht weiter weiß; mein
ursprüngliches Konzept funktioniert irgendwie nicht, und ich weiß
nicht, wie es weitergeht. Das ist wichtig: sich einzugestehen, "ich
weiß gerade nicht weiter". Ich glaube, das allein entsetzt einen Autor
ja erst mal. Man hält es nicht aus, nicht sofort eine Lösung parat zu
haben, und ist deshalb leicht bereit, nach dem nächstliegenden
Strohhalm zu greifen, und das ist eben die Vermeidung. Vielleicht weiß
man nicht weiter, weil man vor einer Szene steht, der man sich von
seinen Fähigkeiten nicht gewachsen fühlt. Dann lässt man es aus,
schildert die notwendigen Ereignisse in der Rückschau oder als Bericht
dritter Hand - das macht man ein paar Mal, und das ganze Buch besteht
aus Vermeidungen. Nein, man muss ran an die Sache. Da ist also diese
Szene. Ein erbitterter Streit zwischen einem Mann und einer Frau.
Liebesdrama. Man schreibt die Szene, so gut man kann, und sie wird
nicht gut. Man schreibt sie um, schreibt sie nochmals. Schreibt
vielleicht erst was anderes, um dann zu diesem Punkt zurückzukehren.
Dann, beim siebzehnten Umschreiben, kommen einem plötzlich Erinnerungen
an eine eigene schmerzhafte Trennung hoch, die ganze Verletztheit, die
ganze Enttäuschung, alles wieder da, frisch, als wäre es gestern
gewesen, und aus diesem Zustand heraus schreibt man die Szene - und sie
wird gut. Womöglich großartig. Und man selber ist ein Stück heiler
geworden, vielleicht. Oder vielleicht auch nicht, das weiß man nie
vorher.
Hans Peter Roentgen: Oft fragen sich Autoren, wenn sie ein
paar Jahre erfolglos einer Veröffentlichung hinterhergejagt sind: Habe
ich überhaupt Talent? Sollte ich mir nicht ein anderes Hobby suchen,
Squaredance zum Beispiel?
Andreas Eschbach: Ich zucke immer zusammen, wenn jemand vom
Schreiben als "Hobby" spricht. Für mich ist Schreiben kein Hobby und
ist es nie gewesen. Hobby, das ist etwas, das man ohne allzu großen
Anspruch an sich selbst macht. Wenn ich mit meiner Frau eine Wanderung
mache, dann ist das Hobby - ich bin froh, fünfzehn oder zwanzig
Kilometer bis zum Ende zu schaffen und fühle mich hinterher schön müde,
aber ich habe keinerlei Ehrgeiz, irgendwelche Rekorde aufzustellen oder
an irgendwelchen Meisterschaften teilzunehmen oder was man da so machen
könnte. Null. Mir reicht es, wie es ist. Aber wer mit dieser
Einstellung ans Schreiben herangeht, der, so leid es mir tut, gehört
nicht zu denen, zu denen ich spreche, wenn ich übers Schreiben spreche.
Insofern kann ich dazu nichts sagen. Für mich ist Schreiben eine
todernste Sache.
Hans Peter Roentgen: Es gibt auch genügend Kritiker, die
aufgrund vorgelegter Texte entscheiden, ob jemand Talent habe oder
nicht. Wie stehst du dazu?
Andreas Eschbach: Also, auf Kritiker zu hören würde ich
niemandem empfehlen. Ich habe das Gefühl, dass viele Kritiker werden,
weil sie sich nicht trauen, selber etwas zu schreiben. Da schwingt dann
immer entweder Missgunst und Neid mit in dem, was sie sagen, oder aber
völlig überzogene Heldenverehrung. Das erstere ist verletzend, das
letztere darf man tunlichst nicht ernst nehmen, bloß nützlich ist
beides nicht.
Ob man Talent hat...? Na ja, das ist so ein Wort. Talent haben
viele. Die Welt wimmelt von talentierten Leuten - die halt nur nichts
daraus machen. Insofern sollte man sich sein eigenes Durchhaltevermögen
ansehen. Wenn die Ausdauer nicht von Talent unterfüttert ist, wird sie
eines Tages nachgeben.
Hans Peter Roentgen: Ein Autor kommt zu dir, der drei
fertige, aber hundertfach abgelehnte Romanmanuskripte in der Schublade
liegen hat. "Soll ich weiterschreiben, oder mich einer
Verhaltenstherapie wegen chronischem Schreibzwang unterziehen?" fragt
er dich. Was antwortest du?
Andreas Eschbach: Ich bezweifle, dass es das überhaupt gibt,
hundertfach abgelehnte Romanmanuskripte, und dann gleich drei davon.
Die meisten schicken ihr Ding doch an eine Handvoll Verlage und
kapitulieren, wenn sie damit keine Begeisterungsstürme auslösen. Aber
selbst wenn doch: drei Romane, das ist noch keine Menge, mit der man es
ausgereizt hätte. In den guten alten Zeiten, als in den
CompuServe-Foren noch echt was los war, bin ich mal auf eine Notiz von
C.J. Cherry gestoßen, in der sie erzählte, dass sie zehn Jahre lang
jedes Jahr einen Roman fertiggestellt und auf die Reise geschickt hat -
bis schließlich einer angenommen wurde und ihre Karriere beginnen
konnte!
Ich denke, man sollte das Schreiben so ähnlich betrachten wie eine
Sportart. Laß uns doch noch einmal das Beispiel von vorhin aufgreifen,
das mit dem Fußball. Fast jeder spielt irgendwann Fußball - sogar ich
habe mal Fußball gespielt, man höre und staune! -, und man wäre ja kein
menschliches Wesen, wenn man sich dabei nicht vorstellen würde,
Beckenbauer zu sein oder so jemand. Aber die meisten lassen es
letztlich wieder sein. Nur wenige packt es so, dass sie einen Beruf
daraus machen. Man muss dazu ja nicht nur viel Talent mitbringen,
sondern vor allem Bereitschaft, auch die außergewöhnlichen Mühen auf
sich zu nehmen, die eine außergewöhnliche Laufbahn erfordert. Bestimmt
ist es toll, im schweißgetränkten Hemd dazustehen, den Worldcup in die
Höhe zu halten und von Hunderttausenden begeisterter Zuschauer bejubelt
zu werden. Aber der Preis dafür - der Preis allein für die vage Chance,
irgendwann dahin zu kommen - sind eben furchtbar viele Stunden
Training, viele anstrengende Spiele, gefährliche Verletzungen, jede
Menge Kampf und Anstrengung. Da muss jeder für sich entscheiden, ob es
ihm das wert ist.
Es geistert dummerweise so eine seltsame Vorstellung in vielen
Köpfen, man MÜSSE ein Buch schreiben im Leben. Ein Haus bauen, einen
Sohn zeugen, ein Buch schreiben, so ungefähr. Da schwingt Angst mit,
ansonsten dereinst an der Himmelspforte abgewiesen zu werden. Was ganz
bestimmt Blödsinn ist. Es gibt keinen Himmel der Schriftsteller, und
was die Welt ganz bestimmt nicht braucht, ist ein weiteres Buch.
Ich denke, das Kriterium muss sein, dass man sich die Frage stellt:
will ich es wirklich - oder tue ich es nur, um mir etwas zu beweisen?
Ich habe mal geglaubt, mir beweisen zu müssen, dass ich ein toller
Geschäftsmann und Unternehmer bin. Verführerischerweise eine Zeitlang
nicht mal unerfolgreich, so dass diese leise Stimme, die mir von Anfang
an zuflüsterte, "das ist aber nicht das, was du wolltest im Leben",
fast kein Gehör gefunden hätte. Zum Glück habe ich dann die Kurve
gekriegt und bin jetzt da, wo ich hingehöre. Ich bin aber überzeugt,
dass sich viele mit dem Schreiben abplagen, die eigentlich woanders
hingehören und eigentlich im Leben etwas ganz anderes machen wollen.
Wenn man ihnen nur nicht eingeredet hätte, sie müssten schreiben. Sie
müssen nicht. Sie dürfen es auch lassen. "Wenn Sie im Leben etwas
anderes tun können als zu schreiben, dann tun Sie das", pflegte Georges
Simenon zu sagen.
Deswegen, wenn man sich plagt mit dem Schreiben, wenn einem nicht,
unabhängig von allen Veröffentlichungen und Preisen und dem ganzen
Drumherum, der Akt des Schreibens an sich Freude bereitet, dann ist man
mit ziemlicher Sicherheit auf dem falschen Dampfer. Wobei ich jetzt
nicht behaupten will, dass Schreiben jederzeit besser ist als Sex - das
ist es nur manchmal.
Hans Peter Roentgen: Wie viel, wie lange hast du überhaupt geschrieben, bis dein erster Roman erschienen ist?
Andreas Eschbach: Laß mal rechnen... Als ich ernsthaft
angefangen habe zu schreiben war ich 12, das dürfte so im Frühjahr 1972
gewesen sein. Ich hatte gerade die Schreibmaschine entdeckt und war
nicht mehr davon loszukriegen. Mein erster Roman ist im Frühjahr 1995
erschienen - macht also eine Differenz von reichlich entmutigenden 23
Jahren. Nun habe ich natürlich nicht all diese Jahre hindurch versucht,
veröffentlicht zu werden, im Gegenteil, ich habe die Existenz von
Verlagen praktisch nicht zur Kenntnis genommen. Mein Schreibaufkommen
verteilt sich auch sehr ungleichmäßig. In meiner Jugend habe ich einige
Dutzend kurze und eine Handvoll längere Romane geschrieben, aber das
dünnte aus, als die Schule vorbei war und ich auf der Uni war - mit 21,
22 habe ich meinen damals letzten Roman mühsam beendet und dann, wie
erwähnt, erst mal lange nur Tagebuch und seltsames Zeug geschrieben.
Den nächsten Roman habe ich erst 1989 wieder in Angriff genommen, ihn
auch beendet - was der eigentliche Gewinn war, ansonsten ist er
ziemlich missraten. Ich dachte nach dem ersten Lesen wirklich, ich
hab's verlernt. Eingerostet. Aber dann fiel mir diese Story wieder in
die Hände, und ich dachte, hmm, wie wäre es, wenn ich daraus einen
Roman mache? Na ja, und das habe ich dann gemacht.
Hans Peter Roentgen: Wenn du dir ansiehst, wie viel du
geschrieben hast: Wurde das meiste davon veröffentlicht oder quellen
deine Schubladen über von nicht fertiggestellten, nicht
veröffentlichten Texten?
Andreas Eschbach: Nein, meine Schubladen sind mittlerweile
ziemlich leer. Das weitaus meiste, was ich seit Anfang der Neunziger
geschrieben habe, ist auch veröffentlicht. Allerdings gibt es da auch
noch Kisten und Kästen im Keller, in denen ein Haufen nicht
fertiggestelltes und nicht veröffentlichtes Zeug aus meinen
Jugendjahren vor sich hin modert. Das ist an Menge und Umfang leicht
noch mal so viel wie das, was ich veröffentlicht habe, doch es taugt
nur zum Heraufbeschwören sentimentaler Erinnerungen, nicht dazu,
veröffentlicht zu werden.
Hans Peter Roentgen: Stephen King ist ein intuitiver Autor,
dessen Handlungen und Personen sich während des Schreibens entwickeln.
Andere Autoren planen jede Szene genau, bevor sie auch nur ein Wort zu
Papier gebracht haben. Wie machst du es? Würdest du dich eher als
"Bauch-" oder als "Kopfschreiber" bezeichnen?
Andreas Eschbach: Weder noch. Oder beides, vielleicht. Wenn
ein Text, den ich schreibe, gut gerät, dann habe ich meistens schon
beim Schreiben ein Gefühl von umfassendem Einklang, von Ganzheit, um
mal dieses heutzutage vielstrapazierte Wort zu gebrauchen. Wenn's was
zu überlegen gibt, dann erledigt der Kopf das, und wenn's was zu
erspüren gibt, der Bauch.
Hans Peter Roentgen: Manchmal geschieht es, dass die eigenen
Figuren ein Eigenleben führen, den geplanten Plot durcheinanderwirbeln,
sich störrisch den Plänen ihres Schöpfers widersetzen. Passiert dir das
auch? Wie gehst du damit um?
Andreas Eschbach: Das passiert mir auch, zum Glück, denn
genau das ist ja eines der sichersten Zeichen dafür, dass es einem
gelungen ist, lebendige Figuren zu schaffen, nicht wahr? Ein Wesen, das
einem vollkommen gehorcht und kein Eigenleben entwickelt, ist ein
Roboter, und Romane, die mit literarischen Robotern bevölkert sind,
gibt es schon genug. Nein, ich finde es immer höchst spannend, wenn das
passiert - ich warte regelrecht darauf während des Schreibens eines
Romans. Und dann gehe ich einfach mit und schaue, was sich entwickelt.
Da verliere ich auch das Gefühl, den Roman zu "machen" - er macht sich
sozusagen von selbst, ich brauche nur noch mitzuschreiben. Also auch
ein höchst ökonomischer Effekt.
Hans Peter Roentgen: Wie habe ich mir das vorzustellen? Du
hast eine Idee für einen Roman, dir fällt auch ein, auf welchen Text
der Schluss zusteuert. Schreibst du dann los, Szene nach Szene? Oder
machst du auf Packpapier ein Konzept wie der Schriftsteller im Jesus
Video? Schreibst du jeden Tag eine bestimmte Textmenge? Legst du es
darauf an, dass deine Figuren die Herrschaft übernehmen und du ganz
woanders ankommst, als du gedacht hast?
Andreas Eschbach: Ich entwickle ein Konzept, aber nicht auf
Packpapier wie Peter Eisenhardt, sondern meist in einem kleinen DIN
A5-Ringblock. An dem spiele ich herum und probiere Varianten und male
es immer wieder neu zusammen, bis mir der Roman in seiner Gesamtheit
ziemlich klar vor Augen steht. Daraus leiten sich dann Szenen und
Kapitel ab, und wenn ich das Gefühl habe, ich weiß jetzt, wie's laufen
wird, fange ich an. Meistens am Anfang, eine Szene nach der anderen
schreibend - auf diese Weise entwickelt sich alles in der Regel am
besten; wenn man weiter hinten liegende Szenen im voraus schreibt - was
ich trotzdem manchmal mache -, muss man sie meist wieder ändern, wenn
man den Leerraum dazwischen aufgefüllt hat.
Ich schreibe nicht jeden Tag eine bestimmte Textmenge, sondern ich
verteile die Gesamtaufgabe auf die Zeit, die ich mir einräume. Also
wenn der Roman z.B. 350 Seiten haben soll, ich im Januar anfange und
ihn Ende Dezember fertig haben will, dann muss ich Ende Juni bei Seite
175 sein und von der Handlung her in der Mitte, und das kann man noch
feiner herunterbrechen, bis man recht genau weiß, wann welches Kapitel
fertig sein muss. Das trage ich in einen Jahreskalender ein, der zu den
sonstigen Begleitunterlagen kommt, und in diesem Kalender führe ich
auch Buch darüber, wann welches Kapitel tatsächlich fertig wird. So
sehe ich, ob ich meinem Plan voraus oder hinterher bin. Wobei man ihm
am Anfang meist etwas hinterher hinkt und ihn am Schluß überholt - in
der zweiten Hälfte eines Romans läuft es meist wesentlich schneller.
Wie auch immer, jedenfalls weiß ich jederzeit, ob ich sagen kann, "ja,
klar, lassuns morgen ins Freibad gehen" oder "nein, du, ich kann leider
nicht zu deiner Party kommen". Das ist das ganze Geheimnis.
Was die Figuren anbelangt, so fließt ein Teil von deren
"Eigeninitiative" bereits in den Entwurf ein. Wenn man sich mit einer
Figur angefreundet und sie klar vor Augen hat und plötzlich merkt, die
würde das, was man ihr zugedacht hat, nicht tun, dann denkt man sich
eben etwas anderes aus.
Und wenn man es dann tatsächlich niederschreibt, wird es meistens noch mal anders als gedacht...!
Hans Peter Roentgen: Eines Nachts liegst bist du schon halb
eingeschlafen im Bett, plötzlich steht eine gute Fee neben dir und
sagt: "Du hast soviel geschrieben, das soll dir belohnt werden. Du hast
einen Wunsch zur deutschen Literatur- und Buchszene frei." Was wünscht
sich Andreas Eschbach?
Andreas Eschbach: Dass es plötzlich wie eine Seuche um sich
greift, Fernsehen doof zu finden und stattdessen Bücher zu lesen,
vielleicht? Obwohl auch schon viel gewonnen wäre, wenn in Straßenbahnen
anstatt dieser entsetzlich unpraktischen Zeitungen Bücher gelesen
würden. Zeitung lesen ist ohnehin eine der größten Zeitverschwendungen,
die es gibt.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Gespräch.
(aus: tempest 3/4 2002)
Spannung: der Unterleib der Literatur - ein Seminar in der Bundesakademie Wolfenbüttel mit Andreas Eschbach und Klaus Frick