Das Wichtigste ist, dass man zusammenpasst

Interview mit Marie T. Martin

 

Marie T. Martin hat schon während der Schulzeit an den "Jugend schreibt" Projekten" des Literaturforums Südwest in Freiburg teilgenommen. 2002 bewarb sie sich für das Studium am deutschen Literaturinstitut Leipzig - und zählte zu den wenigen, die aufgenommen werden konnten.

 

Hans Peter Roentgen: Jedes Jahr bewerben sich Hunderte in Leipzig, nur zehn bis zwanzig werden aufgenommen. Wie sieht so ein Aufnahmeverfahren aus? Was wurde von dir verlangt?

Marie T. Martin: Zunächst muss man TeXtproben einsenden, 20 bis 30 Seiten TeXte unterschiedlicher Art. In meinem Fall war es hauptsächlich Kurzprosa, aber auch Lyrik und Rezensionen. In einem zweiten Schritt werden einige Bewerber zu einem Auswahlgespräch gebeten, das die eigene Motivation und die Erwartungen noch einmal überprüfen soll. Nach diesem Gespräch, das drei DozentInnen mit den Bewerbern führen, bleibt dann ein kleiner Rest übrig, der zum Studium zugelassen wird. Es gibt aber keine Mindest- oder Höchstanzahl von Bewerbern, die zugelassen werden müssen. Das Wichtigste ist, dass man "zusammenpasst".

 

Hans Peter Roentgen Warum hast du dich für das "Schriftstellerstudium" in Leipzig beworben?

Marie T. Martin Ich hatte mich außerdem noch für Kulturwissenschaften in Hildesheim und Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen beworben, wurde auch bei beiden angenommen. Das Literaturinstitut kannte ich bereits aus Zeitungsartikeln. Den Ausschlag für Leipzig gab dann tatsächlich das Aufnahmegespräch, das sehr angenehm war. Mir ging es vor allem um einen künstlerischen und praktisch orientierten Studiengang, auf das Schreiben war ich nicht unbedingt fixiert. Inzwischen finde ich es fast schade, dass ich im Moment doch sehr um das Schreiben kreise, obwohl ich sehr gern am Literaturinstitut studiere.

 

Hans Peter Roentgen: Wie sieht dein Studium aus? Was ist anders, was so, wie du es erwartet hattest?

Marie T. Martin: Es ist eine Mischung aus theoretischen und praktischen Seminaren, wobei der Schwerpunkt schon auf den Werkstattseminaren, also dem Verfassen eigener literarischer TeXte liegt. Dabei geht es vor allem auch um die Gespräche über die TeXte der anderen, ein ins Seminar eingebrachter TeXt wird von allen gelesen und dann diskutiert, und im Idealfall weiß der Schreibende danach, wie er weiter mit dem TeXt verfahren soll. In den Theorieseminaren werden, wie an jeder Uni auch, Referate gehalten und Hausarbeiten geschrieben, oft besteht auch die Möglichkeit, sich in einem Essay mit dem Seminarthema auseinander zu setzen. Die Fächer sind Prosa (was die meisten machen), Lyrik und Dramatik / Neue Medien, wobei zwei Hauptfächer oder ein Haupt- und zwei Nebenfächer studiert werden. Die Diplomarbeit ist dann eine literarische Arbeit.

Erwartungen hatte ich keine besonderen, gefreut habe ich mich über das Drehbuchseminar, in dem wir unsere Kurzfilmdrehbücher auch realisiert haben. Erfreulich ist auch, dass es Lesereihen gibt, z. B. mit einem Café oder dem Haus des Buches Leipzig.

 

Hans Peter Roentgen: Studierst du nur an dem Leipziger Institut, oder hast du noch ein anderes Fach? Vielleicht als Sicherheitsleine, Schriftsteller ist ja kein sehr einträglicher Brotberuf?

Marie T. Martin: Nein, ich war so waghalsig, nur am Institut anzufangen, manchmal frage ich mich, ob ich tatsächlich mit dem Schreiben Geld verdienen möchte. Kulturjournalistisch oder als Dramaturgin zu arbeiten könnte ich mir vielleicht eher vorstellen als Schriftstellerin, zumal ich immer noch recht kurze TeXte schreibe. Ich schließe es aber auch nicht aus, nach dem Studium noch eine Ausbildung zu machen.

 

Hans Peter Roentgen: Du hast schon als Schülerin an "Jugend schreibt" des Literaturforums Südwest in Freiburg teilgenommen. Wie sah das aus? Was versteckt sich hinter diesem Namen?

Marie T. Martin: Es passierte eigentlich das, was mir jetzt täglich im Studium begegnet, nur in wesentlich kleinerem und familiärem Rahmen. Wir haben über mitgebrachte TeXte gesprochen, einmal im Jahr gab es eine ganztägige TeXtwerkstatt, es sind Anthologien entstanden, und manchmal gab es auch Lesungen. Es war sozusagen der erste Schritt in eine winzige Öffentlichkeit, aus Neugierde, wie die eigenen TeXte von Fremden aufgenommen werden, und auch aus dem Wunsch nach Kontakt mit ebenfalls Schreibenden.

 

Hans Peter Roentgen: Hat dir die Teilnahme bei "Jugend schreibt" bei der Aufnahme im Literaturinstitut geholfen? Hast du dort Erfahrungen gesammelt, die dir weitergeholfen haben?

Marie T. Martin: Auf jeden Fall. Es wäre ein Schock gewesen, wenn ich vorher nie einen TeXt in eine Gruppe eingebracht hätte. Auch wenn es bei "Jugend schreibt" im Gegensatz zum Institut nie wirklich harte Kritik gegeben hat, war es doch wichtig, von der subjektiven Sichtweise auf die eigenen TeXte loszukommen. Am Institut ist es wichtig, dass man zum Leser des eigenen TeXtes wird und dass man Neugierde auf und Bereitschaft für fremde TeXte mitbringt. Da war das Projekt "Jugend schreibt" eine gute und förderliche Vorbereitung. Ich denke, es ist für die jugendlichen Schreibenden auch wichtig, dass man, wie es im Literaturbüro der Fall ist, sehr freundlich und höflich mit Verbesserungsvorschlägen vertraut gemacht wird. Wird das Schreiben mit den Jahren ernsthafter, ist man früh genug, spätestens bei den ersten Publikationen mit "wirklicher", erbarmungsloser Kritik konfrontiert. Ich teile nicht die Auffassung mancher Eltern und Lehrer: "Je früher man mit der Härte des Berufslebens Bekanntschaft schließt, desto besser." Es ist erfreulich für Jugendliche, dass es Einrichtungen wie "Jugend schreibt" gibt, ich hoffe, dass das Projekt nicht Opfer irgendwelcher Sparmaßnahmen wird.

 

Hans Peter Roentgen: Seit wann schreibst du eigentlich?

Marie T. Martin: Seit der Grundschule. Damals habe ich Comics gezeichnet und kleine Geschichten geschrieben, in der Pubertät kam klassischerweise die Lyrik dazu, und die TeXte wurden etwas länger. Jetzt, nach dramatischen Übungen, soll ein TheaterteXt entstehen.

Hans Peter Roentgen: Gibt es Gemeinsames in deinen TeXten, Themen, die immer wieder auftauchen, oder hat sich, was du schreibst, im Laufe der Zeit verändert?

Marie T. Martin: Im Moment steht die zwischenmenschliche Beziehung im Vordergrund, Verletzungen, Eifersucht, Sehnsucht. Ängste und Andersartigkeit sind wohl Themen, die ich beibehalten habe und nach wie vor spannend finde. Eine Zeitlang habe ich eher märchenhafte TeXte geschrieben, das kommt heute nicht mehr vor. Zur Zeit finde ich meinen Stil zu nüchtern, zu unexperimentell. Ich habe das Gefühl, meine TeXte sind weniger bildhaft als früher.

 

Hans Peter Roentgen: Eines Tages wachst du auf, und ein wunderschöner Elf mit einem Zauberstab steht neben deinem Bett und sagt: "Du hast so viel geschrieben, das soll dir belohnt werden. Du hast einen Wunsch für dein Schreiben frei.” Was wünscht sich Marie Martin?

Marie T. Martin: Tja, ich wünsche mir, dass ich einen Roman schreibe, von dem ich sagen kann: Dieses Buch ist bizarr, tief, originell, und man vergisst es schwer.  

 

Hans Peter Roentgen: Vielen Dank für das Interview.

 

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