Eine genaue und unverwechselbare Sprache

Interview mit Günther Opitz

Günther Opitz ist Lektor beim Fischer Verlag  und hat im März ein Seminar zu "Form und Stil" im Rahmen der "Lektorenschulung für Laien" an der VHS Langen geleitet.

Hans Peter Roentgen: Günther Opitz, wie viele Manuskripte bekommt der Fischer Verlag eigentlich so im Durchschnitt?

Günther Opitz: Nach meinen Einschätzung sind es ungefähr 2 000 Manuskripte im Jahr, die unverlangt zu uns kommen.

 

Hans Peter Roentgen: Und wie viele davon können Sie maximal annehmen? Wie viele haben Sie im letzten Jahr angenommen?

Günther Opitz: In den letzten drei Jahren haben wir ein unverlangt eingesandtes Manuskript veröffentlicht. Auf den ersten Blick scheint dies wenig zu sein. Doch auf gute Autoren wird man z. B. auch durch Literaturzeitschriften und Literaturwettbewerbe aufmerksam.

 

Hans Peter Roentgen: Was ist der häufigste Grund für eine Ablehnung, außer, dass es nicht in das Programm passt?

Günther Opitz: Streng genommen gibt es nur diesen einen Grund: Ein Manuskript passt ins Programm oder nicht. Ich entscheide als Lektor nicht über die literarische Qualität, sondern nur darüber, ob es derzeit möglich ist, den betreffenden Text ins Programm des Verlages zu nehmen oder nicht.

 

Hans Peter Roentgen: Wenn Ihnen ein Text zugesandt wird, was bevorzugen Sie? Eine Textprobe oder den ganzen Text? Mit oder ohne Exposé?

Günther Opitz: Entscheidend ist die Textprobe. Ein Exposé ist in vielen Fällen allerdings sehr hilfreich, um sich schnell einen Überblick über die Struktur des Romans zu verschaffen.

 

Hans Peter Roentgen: Wie kommen Sie an neue Autoren? Hauptsächlich durch eingesandte Manuskripte? Durch Empfehlungen anderer Autoren? Durch Literaturzeitschriften, Fanzines?

Günther Opitz: Neue Autoren kommen auf vielfältigen Wegen zu uns. Durch eingesandte Manuskripte, durch Empfehlungen, durch Agenturen. Wichtig sind selbstverständlich auch Literaturzeitschriften, Zeitungen und Literaturwettbewerbe. Einen normierten Weg gibt es letztlich nicht.

 

Hans Peter Roentgen: Wenn Sie ein Manuskript vorliegen haben, wie viel müssen Sie davon in der Regel lesen, bevor Sie wissen, ob es überhaupt lohnt, sich weiter mit dem Text zu befassen?

Günther Opitz: Wie viele Seiten eines Textes ich lese, hängt ganz entscheidend vom Text selbst ab. Oft sind grammatikalische und stilistische Schwächen leider schon auf den ersten Seiten zu beklagen. Dann lohnt eine weitere Lektüre nur selten.

 

Hans Peter Roentgen: Was verstehen Sie unter Stil und Form eines Textes? Warum ist das wichtig, was ist daran wichtig?

Günther Opitz: Stil und Form sind für mich zwei Begriffe, die dazu dienen können, einen Text zu beschreiben. Sie sind wichtig, um die Eigenheiten eines Textes genau zu erfassen. Ein klarer Blick auf die gewählten Darstellungsmittel hilft oft, einen Text besser zu verstehen.

 

Hans Peter Roentgen: Im Seminar haben Sie von dem "Erzählziel" eines Textes gesprochen. Was verstehen Sie darunter?

Günther Opitz: Die Antwort auf die Frage: Was will der Text erzählen?

 

Hans Peter Roentgen: Das heißt, aus einem Text soll hervorgehen, was er eigentlich erzählen will, und diesem Ziel muss der ganze Text dienen?

Günther Opitz: Jeder Text verfolgt eine Absicht – eine Idee soll veranschaulicht, eine Stimmung vermittelt, ein Konflikt aufgezeigt werden. Jeder Autor sollte sich bewusst der erzählerischen Mittel bedienen, die in der Summe sein Anliegen am besten zum Ausdruck bringen.

 

Hans Peter Roentgen: Wie hängt das "Erzählziel" eines Textes mit der Form und dem Stil zusammen? Wie sollte beides - im Idealfall - in einem Text verbunden sein?

Günther Opitz: Es gibt keine Regelpoetik. Man kann nicht Stilelement A nehmen und mit Stilelement B kombinieren, um ganz sicher einen Text der Sorte C zu erhalten. Aber man kann sich fragen, was eigentlich erzählt werden soll und welche Mittel als geeignet erscheinen, die angestrebte Wirkung zu erhalten.

 

Hans Peter Roentgen: Glauben Sie, dass Autoren durch Schreibseminare wie in Langen lernen, bessere Texte produzieren?

Günther Opitz: Ich denke ja. Ein Schreibseminar kann den Blick schärfen für die handwerklichen Vorausetzungen des Schreibens. Es kann dazu beitragen, die eigenen Texte kritisch zu betrachten.

 

Hans Peter Roentgen: Werden Sie auch in Zukunft Schreibseminare wie in Langen machen?

Günther Opitz: Sollte sich die Gelegenheit ergeben, dann ja. Die gemeinsame Lektüre von Texten ist meist ein großer Gewinn.

 

Hans Peter Roentgen: Wenn Fischer ein Manuskript angenommen hat, wie viel Arbeit steckt dann noch im Durchschnitt in dem Lektorat? Haben Sie auch Manuskripte direkt, ohne Änderungen und Lektorat übernommen?

Günther Opitz: Auch hier gibt es keine pauschale Antwort. Die Arbeit am Text hängt ganz vom Text ab. Ich betrachte mich als erster Leser eines Textes, der dem Autor einen sehr genauen Leseeindruck zu geben versucht. Wie sehr der Autor diesen Blick von außen integrieren will, bleibt in letzter Instanz dem Autor überlassen.  

 

Hans Peter Roentgen: Was ist Ihrer Meinung nach der häufigste Fehler von Nachwuchsautoren?

Günther Opitz: Oft, so mein Eindruck, mangelt es an der nötigen Entschiedenheit, mit der eine Geschichte erzählt werden sollte.

 

Hans Peter Roentgen: Sollte also jeder Autor vor der Versendung eines Manuskriptes sein Erzählziel genau überdenken und prüfen, ob er es im Text erreicht? Möglichst einen Überarbeitungsgang nur für diese Fragestellung einschalten?

Günther Opitz: Wie eine Geschichte erzählt werden soll, sollte am Beginn des Schreibens geklärt werden. Überarbeitungen können nur Detailverbesserungen erbringen.

 

Hans Peter Roentgen: Eines Abends steht plötzlich eine wunderschöne Fee neben Ihrem Bett und sagt: "Herr Opitz, Sie haben sich so um die Literatur verdient gemacht, Ihnen soll ein Wunsch bezüglich der Texte erfüllt werden, die der Fischer Verlag erhält." Was wünscht sich Günther Opitz von eingesandten Texten?

Günther Opitz: Eine genaue und unverwechselbare Sprache.

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

 

aus: Autorennewsletter tempest

 

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