Schreiben lernt man schreibend
Am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gibt es einen Studiengang, der seinen Studenten das Schreiben lehren will. Geschäftsführender Direktor und einer der beiden festangestellten Dozenten ist Josef Haslinger, der auch als Autor der Romane "Opernball" und "Das Vaterspiel" kein Unbekannter ist.
Hans Peter Roentgen: Herr Haslinger, warum glauben Sie, dass man das Schreiben lernen kann?
Josef Haslinger: Weil man alles lernen kann. Mit voller Montur und Intelligenz ist nur Athene aus dem Kopf des Zeus gesprungen. Alle anderen haben das, was sie können, irgendwann lernen müssen.
Hans Peter Roentgen: Wie sieht der Studiengang in Leipzig aus? Was wird dort gelehrt? Schreiben die Studenten wie Dschingis Aitmanow in Moskau dort Romane als Abschlussarbeiten?
Josef Haslinger: Der Studiengang gliedert sich in drei Fächer: Prosa, Lyrik und Dramatik/Neue Medien. Man studiert mindestens zwei davon oder alle drei. Der Schwerpunkt des Studiums liegt in Werkstattseminaren, zu denen die Studenten literarische Arbeiten schreiben, die dann ausführlich besprochen werden. Darüber hinaus gibt es Theorie- und Ästhetik-Seminare. Die Diplomarbeit ist tatsächlich eine literarische Arbeit, zum Beispiel ein Roman, ein Band von Erzählungen, Gedichten oder Essays, ein Theaterstück oder ein Drehbuch. Im Prinzip könnte die Diplomarbeit auch eine literaturwissenschaftliche Arbeit sein. Von dieser Möglichkeit hat jedoch noch niemand Gebrauch gemacht. Die Studenten kommen zu uns, um Schriftsteller zu werden.
Hans Peter Roentgen: In der Zeit hat einer der Studenten geschrieben: "Am Anfang wirst du völlig auseinander genommen, und dann musst du dich allmählich wieder zusammenbauen." Entspricht das Ihrer Erfahrung? Ist das beabsichtigt oder einfach Folge eines Studiengangs, der vielleicht auch einige Mythen über das Schreiben zerstört?
Josef Haslinger: Es ist nicht ungewöhnlich, dass Studenten am Beginn des Studiums in eine Schreibkrise kommen. Wenn all das, was man bislang einfach getan hat, ohne groß darüber nachzudenken, zur Diskussion gestellt wird, dann scheint das Schreiben plötzlich eine unendlich schwierige Aufgabe zu sein. Tatsächlich ist es so, dass die Seminare den Teilnehmern nicht einen Stil vorgeben, sondern deren Möglichkeiten, sich auszudrücken erweitern sollen. Mythen werden zweifellos zerstört. Aber dabei soll nicht das Eigene zerstört werden, im Gegenteil, das soll sich entwickeln.
Hans Peter Roentgen: Wie viele Studenten beenden eigentlich das Studium, wie viele brechen es ohne Abschluss ab?
Josef Haslinger: Es gibt in jedem Jahrgang ein paar Abbrecher. Aber das sind nur wenige. Insgesamt liegen wir weit unter der durchschnittlichen Drop-out-Rate an Universitäten.
Hans Peter Roentgen: Wenn Sie sich die Texte der Studienanfänger ansehen und die der Studenten in der Abschlussprüfung, gibt es da Unterschiede? Worin unterscheiden diese sich hauptsächlich?
Josef Haslinger: Allgemein lässt sich das nicht sagen. Manche unterscheiden sich enorm von ihren Anfängen, andere weniger. Manche haben einfach ihr Thema gefunden, manche einen unverkennbar eigenen Stil. Es gibt auch immer wieder einige Studenten, die sich mit ihrer literarischen Weiterentwicklung sehr schwer tun. Sie versuchen alles aufzugreifen, was gesagt wird, versuchen gleichsam, alles richtig zu machen, aber es ist nicht ihres, was dabei entsteht. Den Texten fehlt die persönliche Identität, sie wirken konstruiert. Andere wiederum machen regelrechte Sprünge. Da gibt es plötzlich einen Text, der anders ist, als alle ihre Texte davor. Von da an schreiben sie tatsächlich anders. So als hätten sie plötzlich ihren Weg gefunden.
Hans Peter Roentgen: Jeder, so haben Sie mal behauptet, kann lernen, literarisch zu schreiben, die Frage ist bloß, wie weit er es bringt. Wieweit bringen es die Studenten am Leipziger Institut? Was ist der Hauptvorteil des Studiums, womit tun sie sich am schwersten?
Josef Haslinger: Der Hauptvorteil des Studiums besteht darin, dass man einer intensiven literarischen Erfahrung ausgesetzt wird und enorm viel Feedback hat, wie man es nie wieder in seinem Leben haben wird. Man lernt ja bei uns nicht das, was einem beigebracht wird, sondern man lernt nur das, was man sich selber beibringt, was man aus eigener Erfahrung, aus dem eigenen Versuch heraus gutheißt und annimmt. Die Ordentlichsten und Bravsten, die alles ganz richtig machen wollen, tun sich oft am schwersten. Weil es tatsächlich ja niemanden gibt und geben kann, der ihnen im Detail sagen könnte, wie man zu schreiben hat. Das Studium eröffnet einen literarischen Möglichkeitsraum, es vergrößert den Spielraum der literarischen Freiheit, aber es kann dem Einzelnen nicht sagen: So und nicht anders geht es. Entscheidend ist, dass sich die Schreibenden in einem halboffiziellen Rahmen, der hoch qualifiziert ist, in dem es aber nicht gleich ums Ganze geht, literarisch erproben und entwickeln können. Wir ermutigen unsere Studenten, diese Zeit zu nutzen und nicht zu früh dem Veröffentlichungsstress auszusetzen.
Hans Peter Roentgen: Ist das Studium auf "literarische" Texte beschränkt? Wenn heute eine deutsche Rowlings mit Fantasy Ambitionen sich bewirbt, würden Sie sie aufnehmen?
Josef Haslinger: Nein. Wir hätten kaum Lehrer, die ihr in diesem Genre weiterhelfen können. Wir würden aber mit der Bewerberin über diese spezielle Situation sprechen. Das war letztes Jahr bei einem Bewerber der Fall, der höchst interessante Fantasy-Ambitionen hatte und in diesem Genre vermutlich besser war, als alle Lehrer, die wir ihm bieten könnten. Wir mussten ihn aber dennoch abweisen, weil er sich für andere Genres und Gattungen nicht interessierte. Unser Studium hat auch etwas mit literarischer Allgemeinbildung zu tun. Wir sind ein Universitätsinstitut.
Hans Peter Roentgen: Manche Lektoren sagen, deutsche Autoren könnten nicht spannend schreiben. Und für viele literarisch ambitionierte Nachwuchsautoren ist "Spannung" immer ein bisschen suspekt. Welche Rolle spielt Spannung, Plot und Spannungsbogen in dem Studium?
Josef Haslinger: Die Mehrheit unsrer Lehrkräfte sind Gastprofessoren. Es sind jeweils vier. Sie bleiben ein Semester oder ein Jahr. Um eine Kontinuität des Studienaufbaus zu gewährleisten, einigen wir uns auf Themen und Inhalte, aber wir schreiben den Gastprofessoren nicht vor, auf welche Merkmale eines Textes sie Wert zu legen haben. Und so kann ich die Frage nur für mich selbst beantworten. Ich frage bei allen Prosatexten nach Plot und Spannung. Aber ich akzeptiere, wenn ein Text darauf keinen großen Wert legt, sondern andere Qualitäten in den Vordergrund stellt. Die Studenten können schreiben, was sie wollen. Aber sie sollten wissen, was sie tun und worauf sie verzichten.
Hans Peter Roentgen: Leipzig ist neben Hildesheim und eventuell noch Köln die einzige Möglichkeit, in Deutschland nicht nur Literaturinterpretation - wie ist ein Text aufgebaut - sondern Literatur schreiben zu studieren - wie erstelle ich einen Text. In den USA gibt es dagegen an vielen Hochschulen und selbst an Highschools solche Möglichkeiten. Glauben Sie, dass der Erfolg der amerikanischer Schriftsteller hierzulande damit zusammenhängt?
Josef Haslinger: Davon bin ich überzeugt. In Österreich lernt man an jeder Schule Schifahren. Daher werden unter den Spitzenschifahrern immer Österreicher sein. Der Pool, aus dem sich die Spitze rekrutiert, ist einfach größer. Ich bin ein absoluter Verfechter von Creative Writing an allen Schulen und Universitäten. Darüber hinaus soll es spezielle Studiengänge für Schriftsteller geben, nicht nur in Leipzig und Hildesheim.
Hans Peter Roentgen: Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Schreibbüchern in Deutschland, vor allem der Verlag Zweitausendeins ist nach dem Erfolg des Buches zum Drehbuch und Sol Steins "Über das Schreiben" sehr rührig. Was halten Sie von solchen Lehrbüchern?
Josef Haslinger: Wenn man sie nicht als Dogma, sondern als Anregung nimmt, können sie sehr nützlich sein. Solche Bücher können hilfreich sein, Fehler zu vermeiden. Aber in der Kunst ist es ja bekanntlich so, dass immer auch das Gegenteil gilt. Es muss bloß mit der nötigen Überzeugungskraft auftreten.
Hans Peter Roentgen: Im Internet gibt es mittlerweile etliche Diskussionsforen für Autoren. Haben Sie damit Erfahrung? Können Sie sich vorstellen, dass diese einem Autor weiterhelfen? Was wäre die wichtigste Bedingung dafür?
Josef Haslinger: Mich haben die Diskussionsforen im Internet bislang hauptsächlich gelangweilt. Eine Zeitlang habe ich mich darum gekümmert und auch Studenten dafür zu interessieren versucht. Das Ergebnis war bescheiden. Internetforen sind mit der Lebendigkeit unserer Werkstattseminare nicht vergleichbar. Dennoch ist das Internet natürlich ein wichtiges literarisches Medium geworden. Unsere Studenten betreuen ja auch selbst eine Website. Wenngleich nicht mit überbordendem Interesse.
Hans Peter Roentgen: Wie haben Sie selbst Schreiben gelernt? Durch Versuch und Irrtum? Durch Kurse? Durch Schreibbücher?
Josef Haslinger: Mein Schreiblehrer war Gustav Ernst, der damalige Herausgeber der Literaturzeitschrift "Wespennest", in der ich dann selbst Mitherausgeber wurde und es 15 Jahre lang blieb. Literaturzeitschriften waren früher häufig in den Händen von Autoren und für den Nachwuchs wichtige Foren literarischer Diskussion und Weiterbildung. Im Zuge der Professionalisierung des Zeitschriftenmarktes sind die Autorenzeitschriften weitgehend verschwunden. Heute sitzen professionelle Herausgeber und Redakteure in den Zeitschriften. Immer noch gibt es darunter einige, die mit Autoren an Texten arbeiten, aber nicht mehr in dem Ausmaße wie vor 20 Jahren.
Hans Peter Roentgen: Wie alt waren Sie, als Sie Ihre erste Geschichte geschrieben haben. Und wielange hat es gedauert, bis Sie zum ersten Mal einen Verlag für ein Buch gefunden haben?
Josef Haslinger: Die Frage ist unpräzise gestellt. Es geht wohl um die erste Geschichte, die ich veröffentlichen wollte. Das war am Beginn des Studiums. Und ich konnte sie dann auch veröffentlichen, in einer Literaturzeitschrift. Am Ende des Studiums, 1980, habe ich im deutschen Verlag AutorenEdition (München) meinen ersten Erzählungsband publiziert, mit Geschichten, die ich großteils zuvor in der Zeitschrift "Wespennest" veröffentlicht hatte. Der Kontakt zum Verlag AutorenEdition hat sich über die Zeitschrift ergeben. Ich habe nicht lange einen Verlag suchen müssen. Das wiederfuhr mir erst mit dem nächsten Buch, weil es die AutorenEdition mittlerweile nicht mehr gab. Hier kam mir 1984 das Klagenfurter Literaturspektakel zu Hilfe. Ich war zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb geladen, gewann zwar keinen Preis, wurde aber gleich von zwei Verlagen angesprochen. Der erste, der mich fragte, war ein Lektor des Luchterhand-Verlags. Und so erschienen meine beiden nächsten Bücher im Luchterhand-Verlag (damals in Darmstadt).
Hans Peter Roentgen: Bekannt geworden sind Sie durch "Opernball" und "das Vaterspiel". Beide Werke haben eines gemeinsam, das auf gut Neudeutsch "Braiden" heißt: die Verbindung verschiedener Perspektiven und Schicksale in einem Roman. Ist es Zufall, dass Sie diese Technik in beiden Romanen gewählt haben? War dies geplant?
Josef Haslinger: Zufall ist das keiner. Diese Technik fördert den "republikanischen" Charakter des Romans, wie Friedrich Schlegel das einmal nannte, im Gegensatz zu monarchischen Ich-Erzählung. Ob ich dabei bleiben werde, ist freilich ungewiss.
Hans Peter Roentgen: Gerade Vaterspiel verbindet zwei extrem unterschiedliche Schicksale miteinander, das eines litauischen Juden, der Ghetto und KZ überlebt und eines österreichischen Ministersöhnchens, der eine vergleichsweise wenig aufregende Lebensgeschichte hat. Wie sind sie auf diese Kombination gekommen? Hatten Sie einen Plot und daraus die Figuren entwickelt? Oder hatten Sie Figuren und wollten die beiden zusammenbringen? Oder war es etwas anderes?
Josef Haslinger: Ich wollte einen unpolitischen jungen Menschen mit einem alten Nazi zusammenbringen und sehen, was dabei herauskommt. Alles andere hat sich im Laufe des Schreibens und Neuschreibens entwickelt. Die erste Fassung habe ich nach 120 Seiten abgebrochen. Dann lief es besser. Im Hintergrund steht die Erfahrung, die ich in Wien mit jungen Menschen aus sozialdemokratischen Wohlstandsfamilien gemacht habe. Sie interessierten sich nicht für Politik und für unsere NS-Vergangenheit schon gar nicht. Ich bin im "Vaterspiel" der Minister und nicht der Sohn. Das war vielen Rezensenten nicht bewusst.
Hans Peter Roentgen: Wenn Sie sich die Entstehung Ihrer Romane anschauen, gibt es da Gemeinsamkeiten? Bei der Idee, bei der Entwicklung, bei der Realisierung?
Josef Haslinger: Am Anfang steht eine Idee, um die herum ich einen Plot konstruiere. Dann kommt die Phase, in der das Projekt scheitert, aber erste Figuren da sind. Nach einer Phase der Verzweiflung beginne ich von vorne, diesmal von den Figuren her, und damit komme ich nach langer Zeit zu einem Ende.
Hans Peter Roentgen: Bedeutet das, der Plot müsse aus den Personen folgen, nicht umgekehrt, wie z.B. Sol Stein fordert?
Josef Haslinger: Das bedeutet, dass ich mir zwar aus der Plotentwicklung heraus eine Personenkonstellation suche, dass ich die Geschichte dann aber in umgekehrter Ordnung schreibe, von den Personen her. Und damit ändert sich natürlich der Plot. Manches, was ich mir erdacht habe, machen die Figuren einfach nicht mit. Und sie entwickeln sich in Richtungen und in Interessen hinein, die ich ursprünglich für sie nicht vorgesehen hatte.
Hans Peter Roentgen: Viele Lektoren sagen, die meisten Texte müssen gekürzt werden. Ist das auch Ihre Erfahrung? Wie war das bei Ihren eigenen Romanen?
Josef Haslinger: Ja, die meisten Texte müssen gekürzt werden. Das gilt auch für meine eigenen. Allerdings fällt mir das Kürzen bei den eigenen Texten am schwersten. Immer noch.
Hans Peter Roentgen: Wurden Ihre Romane von dem Verlag so übernommen, wie Sie sie abgegeben hatten oder folgte danach noch ein Lektorat? Wie umfangreich war diese Überarbeitung?
Josef Haslinger: Bei beiden Romanen war ich mit dem Lektor in einem ausführlichen Gespräch, noch bevor sie fertig waren. Bei "Opernball" war es sogar so, dass ich am ersten Teil schon die Fahnen korrigierte, während ich am letzten Teil noch schrieb. Mir ist es wichtig, einen "strengen" Lektor zu haben, der vorbehaltlos alles sagt, was er sich denkt. Nicht dass ich ihm immer recht gebe, aber ich nehme alle seine Überlegungen sehr ernst. Ein Autor ist nicht ganz allein auf sich gestellt. Er hat zwei zusätzliche Chancen. Die erste ist sein Lektor, die zweite ist sein Übersetzer.
Hans Peter Roentgen: Was ist Ihr wichtigster Ratschlag für jemand, der schreiben möchte?
Josef Haslinger: Schreiben lernt man schreibend.
Hans Peter Roentgen: Eines Nachts wachen Sie auf und eine wunderschöne Fee steht neben Ihrem Bett, einen Laptop in der Hand und sagt: "Lieber Josef Haslinger, Sie haben sich so darum bemüht, Schriftstellern das Schreiben beizubringen, dafür haben sie einen Wunsch frei für die deutsche Literatur." Was wünscht sich Josef Haslinger?
Josef Haslinger: Immer noch träume ich vom großen politischen Roman, ohne zu wissen, wie er aussehen müsste.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.r