“Wie ihr (k)einen Verlag findet”

(c) Hans Peter Roentgen

 

„Wie finde ich einen Verlag“ ist der häufigste Titel von Schreibbüchern. Nicht, dass falsch wäre, was sich dort findet – meist ist es durchaus fundiert -, schlimmer: Es ist die richtige Antwort auf die falsche Frage.

Natürlich sollte man Manuskripte an Verlage als Normseiten ausdrucken. Natürlich sollte man einen literarischen Text nicht an Perry Rhodan, ein Kochbuch nicht an S. Fischer schicken. Alles richtig. Doch selbst wenn ihr das beachtet, werdet ihr – wenn es euer erster Roman ist – nur die üblichen Absagebriefe bekommen. Wetten?

 

Wie sind Bestsellerautoren an eine Verlag gekommen?

Ich habe einige Autoren im Tempest interviewt. Juli Zeh, Andreas Eschbach, Josef Haslinger, Alexander Wichert und Tom Liehr gehören dazu. Eigentlich interessierte mich vor allem, wie man Romane schreibt, die von Verlagen angenommen werden.

Erfahren habe ich Unerwartetes: Alle diese Autoren, die unterschiedliche Texte in unterschiedlichsten Genres schreiben, haben eines gemeinsam: Ihr erster veröffentlichter Roman war nicht ihr erster Roman. Und ich habe bei weiteren Autoren nachgeforscht. Gleiches gilt auch für Stephen King und J. K. Rowling. Noch etwas ist allen gemeinsam: Sie haben mindestens zehn, meist aber eher zwanzig Jahre geschrieben, bevor sie veröffentlich wurden.

Die beliebte Meinung: Da setzt sich jemand hin, schreibt einen Roman, und der wird zum Bestseller, scheint ein Mythos zu sein. Ein beliebter zwar, den die Zeitungen immer wieder verbreiten, aber dennoch ein Mythos.

Wer das erste Mal eine Hahnenkamm-Abfahrt ohne Sturz schafft, ist deshalb noch kein Rennass. Wer sein erstes Tor geschossen hat, noch nicht reif für die Bundesliga. Und wer „Ende“ unter seinen ersten Roman schreibt, ist deshalb noch nicht reif für eine Veröffentlichung. Traurig? Vielleicht. Aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Was viele Autoren noch sagten: dass sie heute froh sind, dass niemand das erste Werk verlegen wollte. Natürlich steht das nicht in den üblichen Interviews, die ihr in den Tageszeitungen findet. Das wollen die nicht hören, und deshalb fragen sie nicht danach. Schließlich würde es die schöne Legende vom Shooting Star zerstören.

Auch auf dem Buchmarkt dauern Wunder etwas länger. Nichts dagegen, dass ihr happy seid, wenn ihr „Ende“ unter euer erstes Werk setzt. War ich auch. War vermutlich schon Homer, als er sein erstes Lied vollbracht hatte, aber das war wohl kaum die Ilias und auch nicht die Odyssee.

 

Ausnahmen bestätigen die Regel: Wenn Ihr einen Namen habt

Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel. Wenn Ihr einen Namen habt wie Dieter Bohlen oder eure Mutter Madonna heißt, dürfte sich auch euer erstes Buch verkaufen und deshalb einen Verlag finden. Der Verlag wird euch sogar einen erfahrenen Ghostwriter zur Seite stellen.

Doch die Regel ist es nicht. Tom Liehr hat Anfang der Neunziger den ersten und den dritten Platz des Playboy-Geschichtenwettbewerbs gewonnen und einen Agenten gefunden. Ich habe eines seiner Romanprojekte lesen dürfen, es war witzig geschrieben, aber es fehlte die Tiefe. Dann kam sein Text „Radionights“. In der Gruppe ProjektPhönix waren alle begeistert, selbst Leute, die sonst nie bei einem Text gleicher Meinung sind. Die Reaktion auf den Text unterschied sich deutlich von der auf Toms vorherige Texte. Der Roman hatte, was seinen Vorgängern fehlte – und fand auch prompt einen Verlag (Aufbau). In diesem März ist es erschienen.

Wenn euer Roman nur Standardabsagen erntet, überlegt einmal, ob es an dem Text liegen könnte und eurer fehlenden Erfahrung. Fünf Jahre Schreiberfahrung sind nicht viel. Dann seid ihr fortgeschrittene Anfänger, mehr nicht. Gute Autoren sind wie gute Weine: Sie brauchen viel Zeit, um zu reifen.

Verlage lesen eingesandte Manuskripte nicht

Das ist auch ein Mythos unter Nachwuchsautoren – die dennoch trotz dieser Klagen unverdrossen ihre Manuskripte an Verlage senden. Und es stimmt. Von den allermeisten Manuskripten werden nur die ersten Seiten gelesen. Weil dann bereits feststeht, dass das Manuskript nicht zur Veröffentlichung taugt. Arrogant? Sicher. Aber nicht ohne Grund. Auf einem Seminar vor etlichen Jahren in Langen zeigte der Eichborn-Lektor uns, wie man anhand der ersten vier Seiten bereits die Hauptprobleme eines Textes erkennt. Ihr werdet es mir nicht glauben, aber glaubt es mir trotzdem: Es geht. Schon auf den ersten Seiten sieht man, ob ein Autor nicht weiß, welche Geschichte er erzählen will, sein Erzählziel nicht kennt. Ob seine Figuren blasse Pappkameraden sind. Ob er endlos beschreibt, aber nichts erzählt. Ob er die einfachsten Grammatikregeln des Deutschen nicht beherrscht. Ob sein Stil wie ein Schlafmittel wirkt. Ob die Sprache holpert, als hätten die Sätze einen Achter.

Falls eines dieser oder andere Probleme bereits in den ersten Seiten auftauchen, wandert das Manuskript unweigerlich mit Standardabsage zum Autor zurück. Ich muss es wissen, ich habe oft genug solche Absagen aus meinem Briefkasten gezogen.

Doch dann gab es den Roman „Stimmen“. Plötzlich waren etliche Testleser begeistert. Die Rückmeldungen klangen anders. Nicht mehr so distanziert, offenbar unterschied sich der Text von den bisherigen. Und als ich den Roman wegschickte, erhielt ich zwar auch einige Standard-Ablehnungen, aber plötzlich auch persönliche Briefe. Zwei wollten das ganze Manuskript haben. Einer schrieb, leider falle mein Text nicht in sein Metier, aber er fände ihn sehr gut. Kurz gesagt, die Reaktion auf den Text war ganz anders als vorher.

Ein Standardrückschreiben bedeutet nicht mehr und nicht weniger als: „Das reicht (noch) nicht.“

 

Schreiben lernt man schreibend

Je mehr man schreibt, desto besser kann man’s. Also im stillen Kämmerlein so lange Romane schreiben, bis man endlich einen guten Text hat? Nein, ganz im Gegenteil. Tauscht eure Romane mit anderen Romanschreibern aus, das Internet bietet da viele Möglichkeiten. Stellt das erste Kapitel, die erste Szene in Diskussionsforen vor, in Lesekreisen, in einer Schreibgruppe. Und wenn die ersten Leser euren Köder schlucken und den ganzen Text lesen wollen, wisst ihr, dass ihr eine wesentliche Hürde geschafft habt. Jetzt könnt ihr langsam daran denken, den Text an Verlage zu senden.

Vorher ist das Porto rausgeschmissenes Geld, die Zeit, die ihr zitternd auf die Antworten wartet, vertan.

Übrigens gelingt es auch den wenigsten Drehbuchautoren, ihr erstes Drehbuch zu verkaufen. Linda Seger, die mehr als 2 000 Drehbuchprojekte betreut hat, sagt, dass es vier bis fünf Drehbücher und mindestens fünf Jahre dauere, bis ein Autor erstmals eine Option oder ein Drehbuch verkauft habe. „Einige Autoren, die ich kenne, erzielten ihren ersten Durchbruch mit dem achten oder neunten Drehbuch und wurden dann in Hollywood ‚hoch’ gehandelt. Aber um herausragende Werke zu schaffen, um ein Meister auf seinem Gebiet zu werden, braucht man erheblich länger. Selbst der ungeheuer erfolgreiche Steven Spielberg hat jahrelang mit Filmen herumgespielt, bevor ihm der kommerzielle Durchbruch gelang. Und es dauerte noch mal zwanzig Filme und fünfundzwanzig Jahre, bevor er den Oskar für ‚Schindlers Liste’ bekam.“ (Linda Seger, Wie gute Autoren noch besser werden, Emons Verlag)

Also genießt das Gefühl, wenn euer erstes Buch fertig ist. Zeigt es möglichst vielen Leuten, hört euch an, was sie meinen. Notiert es euch. Was könnt ihr aus diesen Rückmeldungen lernen, was sind offenbar eure Stärken und Schwächen? Aber spart das Porto für unverlangt eingesandte Manuskripte. Dat krieje mer später.

 

aus: tempest August 2003

 

 

 

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