Schreibgruppen und Textwerkstätten im Internet

 

Sie heißen Fantasy-Ecke, Textkrafttraining oder 42er, sind Schreibgruppen oder Textwerkstätten, aber die Mitglieder treffen sich nicht. Jedenfalls nicht in Realität.

Stattdessen tauschen sie Texte und Kritiken über Emaillisten aus. Das Prinzip ist einfach: Ein Mitglied schreibt eine Email direkt an die Gruppe, diese Email wird automatisch an alle anderen Mitglieder verteilt. Eine andere antwortet darauf, ein dritter ebenfalls, aber keiner muss zur gleichen Zeit online sein. Die Emails werden gelesen, wenn Zeit ist, können beantwortet werden und jeder hat die Meinung der anderen schwarz auf weiß vor sich.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

- ein gemeinsamer Termin ist nicht nötig (wer jemals für zehn oder mehr Personen einen Termin suchen musste, weiß, wovon ich rede).

- ein gemeinsamer Ort ebenso wenig, teilnehmen kann man überall, wo es Internet gibt

- Jeder hat die Argumente der anderen vor Augen, kann sie in Ruhe überdenken und wenn er Zeit hat, seinen Senf dazugeben.

Die Nachtteile sind ebenso klar:

- die Mitglieder kennen sich nicht persönlich, da fällt manchmal die Hemmschwelle und es wird geflamt (=geschimpft).

- da die Kommunikation zeitversetzt läuft, muss man manchmal etwas warten.

Manche Emaillisten sind klein. Manche sehr groß, die 42er z.B. haben mehr als 180 Mitglieder auf der Diskussionsliste. Jeden Sonntag wird ein Text in die Liste gestellt, der in den folgenden Tagen diskutiert wird.

Natürlich nehmen nicht alle 180 Mitglieder an jeder Diskussion teil. Aber wer einen Text einreicht, kann schon mit zwanzig bis dreißig Rückmeldungen rechnen. Da auch um die Kritiken oft heftig gefochten wird, ist so eine Diskussionswoche für den Autor des Textes Schwerarbeit.

Stil und Anspruch der Listen können sehr unterschiedlich sein. Vom öffentlichen Tagebuchschreiben bis zu ernsthaften professionellem Lektorat ist alles möglich. Wer gerade die ersten Schreibversuche macht, sollte seinen Text nicht gleich bei den 42ern vorstellen. Dort kann einem der Text heftig um die Ohren fliegen, die Mängel minutiös aufgelistet werden. Nicht angenehm, aber sehr lehrreich.

Je mehr Rückmeldungen, desto besser. Dann sind die Kritiken nicht durch die Brille einiger weniger verzerrt, sondern eine Vielzahl von Meinungsäußerungen gibt dem Autor die Möglichkeit, dem Leser quasi über die Schulter zu sehen. Und festzustellen, welche Stellen von der Mehrzahl kritisiert, welche von der Mehrzahl gelobt werden.

Generell gilt: In Schreiblisten kann man sich meist einfach eintragen und ein paar Wochen nur zuhören. So kann man erst mal testen, wie der Umgang in der Liste ist, ob die Art der Kritik einem etwas sagt, ob man sich vorstellen könnte, selber Kritiken zu mailen oder einen eigenen Text vorzustellen.

Solche Listen könnt ihr auch leicht gründen. Unter http://groups.yahoo.com lässt sich jederzeit eine neue Liste eröffnen. Dort kann auch festgelegt werden, ob jeder an der Liste teilnehmen kann, ob die Liste nur nach Antrag neue Mitglieder aufnimmt oder geschlossen ist.

Manche Schreibliste – z.B. die 42er - haben neben der Besprechungsliste eine Textwerkstatt, andere wie das Textkrafttraining sind von vorneherein als Textwerkstätten konzipiert. In einer Textwerkstatt werden Aufgaben gestellt, es gibt professionelle Moderatoren, die die Teilnehmer betreuen und Ratschläge geben können. Wichtig: Die Moderatoren sollten einige Erfahrungen mit Textarbeit im Internet haben und die Lösungen sollten anschließend gemeinsam besprochen werden .

Denn lernen können Autoren auch durch die Kritik anderer Texte. Warum hat mir der Text von X. so gut gefallen? Warum ist der Y. so langweilig? Diese Diskussion bringt Autoren weiter, schärft den Blick für Fehler und Probleme eines Textes und kommt dem eigenen Schreiben zugute. Und erkundigt euch vorher, ob ihr jederzeit Fragen stellen dürft und ob schaut euch die Beispielübungen einer Textwerkstatt an, damit ihr nicht die Katze im Sack kaufen müsst.

Wie Schreibseminare Geld kosten, gleich ob bei der VHS oder der Bundesakademie in Wolfenbüttel, so verlangen die meisten Textwerkstätten im Internet Beiträge. Die Arbeit ist sehr viel intensiver als in einer Schreibliste und die Moderatoren gehen schließlich auf jede Lösung, Frage und Beiträge der Teilnehmer ein. Das kostet Zeit.

Textwerkstätten sind kleiner und verbindlicher als Schreiblisten, in der Regel nicht mehr als fünfzehn Teilnehmer und fordern mehr Zeit. Dort muss man sich mindestens für einen Monat verbindlich anmelden, erhält dafür aber auch Aufgaben zum Bearbeiten und hat Moderatoren, die den Teilnehmern jederzeit Rede und Antwort stehen.

Eine professionelle Internet-Schreibwerkstatt kann so weit nützlicher als ein Fernlehrgang sein, in dem man einmal im Monat eine Lösung einsenden darf und dann mehrere Wochen auf die Antwort warten muss und kostet auch nicht mehr.

Daneben gibt es geschlossene Gruppen, deren Mitglieder sich gut kennen und intensiv miteinander arbeiten. In der Liste ProjektPhöniX wurden in den letzten zwei Jahren vier Romane besprochen, die nun erschienen sind, zwei weitere, die von Literaturagenturen angenommen wurden und fünf, die immer noch in der Phase der Überarbeitung stehen. Natürlich geht das nicht mit 180 Mitgliedern, die Gruppe hat denn auch nur siebzehn Mitglieder, aber die leben über ganz Deutschland und Österreich verteilt.

Adressenauswahl:

http://de.groups.yahoo.com/group/Fantasy_ecke

http://www.Textkraft.de

http://de.groups.yahoo.com/group/42erAutoren/

http://www.fiction-writing.de

http://www.literaturcafe.de/

http://www.storials.com

Unter http://literaturwelt.de/links/index.htm findet ihr weitere Adressen

 

Aus: www.literature.de, © Hans Peter Roentgen

 

 

 

 

 

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