Wozu Bücher über das Schreiben?

(c) Hans Peter Roentgen

 

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland eine große Zahl von Büchern über das Schreiben; die meisten sind Übersetzungen aus dem Amerikani- schen. Sol Stein, James N. Frey, Ursula K. LeGuin und Stephen King sind nur einige derer, die das Schreiben lehren wollen.

 

Was können solche Bücher leisten?

Sie können "das Handwerk" lehren. Beim Schreiben gibt es, wie bei je- dem anderen Handwerk auch, einige Grundregeln, es gibt Kniffe, und es gibt typische Anfängerfehler.

Dazu finden sich in jedem Lehrbuch eine Menge Hinweise. Aber es gibt zwischen den Büchern deutliche Qualitätsunterschiede. Und was Peter Maier hilft, muss nicht notwendigerweise auch Hanna Müller weiterbringen.

Wer gerade angefangen hat zu schreiben, kann vielleicht mit Schreibbüchern gar nichts anfangen. Da kommt es erst mal darauf an, überhaupt zu schreiben. In den ersten Reitstunden ist auch jeder Reitschüler froh, wenn er nicht vom Pferd fällt, und macht sich keine Gedanken, wie er das Pferd lenken kann.

Aber irgendwann kämpft jeder Anfänger mit einem Problem, sieht, dass an seinem Text etwas nicht stimmt, aber weiß nicht, was das Problem ist, und erst recht nicht, wie er es lösen könnte. Hier setzen Anfän- gerbücher an, die den Leser erst mal bei der Hand nehmen und ihn durch die üblichen Anfängerfehler geleiten, ihm beibringen: Wie kann ich einen Text korrigieren? In diesem Stadium macht es aber keinen Sinn, sich ein Spezialbuch über Plotentwicklung zu besorgen. Jenes Buch ist das beste, das die Schwierigkeiten behandelt, mit denen der Autor gerade kämpft.

Ich habe mich früher immer schwer damit getan, meine Texte zu korrigieren, Schwachstellen zu entdecken. Für mich war Sol Steins "Über das Schreiben" eine Offenbarung, weil ich genau dies dort gelernt habe.

Ein Anfänger, der merkt, dass sein Stil eine Schwachstelle seiner Texte ist, wäre vielleicht mit Stephen Kings "Über das Leben und das Schreiben" gut bedient. Dort ist kurz und prägnant zusammengefasst, was sich Grundlegendes zum Stil sagen lässt, und es ist spannend zu lesen.

 

Lust aufs Schreiben

Damit komme ich zum ersten Kriterium eines guten Schreibbuches. Für mich ist das die Frage: Macht das Buch Lust aufs Schreiben? Das klingt vielleicht merkwürdig, aber ich kenne Schreibbücher, deren Lektüre da- zu führte, dass mich mein Bleistift juckte und ich schreiben musste. Daneben gibt es solche, die zu lesen eine einzige Qual war. Wie soll man aus einem Buch lernen, spannend zu schreiben, dessen Inhalt so faszinierend ist wie die EU-Norm für Stachelschweinzüchter?

Ein Buch, das den Leser gähnen lässt oder - noch schlimmer - aus Meisterwerken zitiert, die der Leser ehrfürchtig anstarrt, ahnend, dass er dieses Niveau nie erreichen wird, taugt nichts.

Wenn der Leser aber schon nach ein paar Seiten das Gefühl hat: "Das muss ich zu Ende lesen!" oder "Ich muss jetzt unbedingt meine Ge- schichte korrigieren!", dann hat er ein Buch gefunden, das für ihn passt.

Denn Schreiben kann und soll Spaß machen. Nicht immer (jeder kennt die furchtbaren Momente, wenn nur gezwungene Sätze den Weg aufs Papier finden), aber immer öfter.

Schon an dieser ersten Hürde scheitern manche Schreibbücher.

 

Beispiele: das A und O

Jedes Schreibbuch verwendet Beispiele. Das meistverwendete Beispiel dürfte der erste Satz aus Anna Karenina sein: "Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich."

Der Satz ist genial und ein hervorragendes Beispiel für einen gelungenen Romaneinstieg, er weckt sofort die Neugier des Lesers. Aber wie schaffe ich es, einen derartig perfekten Satz zu finden? Das ist das Problem mit Beispielen aus Meisterwerken. Wenn ein Schreibbuch keine anderen bringt, nützt es wenig. Schließlich fängt jeder mit schlechten oder mittelmäßigen Texten an. Schreibbücher sollten zeigen, wie man daraus gelungene Texte bauen kann.

Ein Schreibbuch zum Plot sollte die Entwicklung eines Plots von der ersten Idee, von der ersten, mittelmäßigen Fassung zu einem spannenden Plot zeigen. Ein Kapitel über Spannung sollte nicht nur spannende Sze- nen aus Meisterwerken vorstellen, sondern auch zeigen, wie der Leser aus einer langweiligen Szene eine spannende machen kann - es braucht "schlechte" Beispiele.

Zuckerman hat in seinem Buch "Bestseller. Wie man einen Erfolgsroman schreibt" den Weg eines Romans von Ken Follett nachgezeichnet. Er hat vier verschiedene Stadien des Plotentwurfs in seinem Buch als Beispiel vorgestellt. Selbst dieser Bestsellerautor fängt mit einem mittelmäßi- gen Text an, der so lange verbessert wird, bis ein spannender daraus wird. Tröstlich zu wissen: Auch Bestsellerautoren kochen nur mit Was- ser. Und spannend zu lesen, wie sie daraus Schritt für Schritt einen Bestseller konstruieren.

Sol Steins Buch "Über das Schreiben" enthält eine Vielzahl von "schlechten Beispielen", aus denen er bessere Texte entwickelt.

Linda Segers "Von der Figur zum Charakter" enthält eine bärig schlechte Szene (Nachwuchsautor trifft Produzent), und sie macht daraus zwei verschiedene spannende Szenen.

An dieser zweiten Hürde müssen uns eine Menge weiterer Schreibbücher verlassen. Ansen Dibells Buch "Plot" ist meiner Meinung nach ein Buch, das auf der Kippe steht. In der ersten Hälfte arbeitet sie auch an der Verbesserung eines vorhandenen Plots. In der zweiten Hälfte finden sich nur noch Beispiele aus bekannten Meisterwerken, und dieser Teil war für mich sehr mühsam zu lesen.

"Dramentechnik für Prosatexte" von Robert Bahr ist ein Beispiel für ein Buch, dem es vor allem an Beispielen mangelt.

 

Die Regeln der Kunst

Jede Kunst, jedes Handwerk hat seine Regeln, und beim Schreiben ist es nicht anders.

"Wenn Sie ein Adjektiv finden, bringen Sie es um", soll Mark Twain gesagt haben, und Recht hatte er. Fast alle Anfänger verwenden zu viele und vor allem nichts sagende Adjektive.

Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Ich erinnere mich an eine Übung aus dem Buch von LeGuin, "Steering the craft". Verlangt wurde, aus einer Seite eigenem Text alle Adjektive zu streichen.

Also nahm ich mir die erste Seite eines meiner Texte vor. Leider gab's da nur ein Adjektiv. Die erste Seite eines anderen Textes war auch nicht ergiebiger, zwei Adjektive deuteten nicht auf einen Missbrauch dieser Wortart hin. Seit diesem Tag weiß ich, dass obige Regel für mich bedeutungslos ist; ich muss eher darauf achten, meinen Texten ab und zu ein Adjektiv zu gönnen.

Was ich damit sagen möchte: Jede Regel hat Gründe. Diese Gründe müssen in einem Schreibbuch zu finden sein, sonst ist das Buch so dogmatisch wie der letzte Papstrundbrief. Am besten lässt sich das natürlich an Beispielen zeigen. Wer einen typischen Anfängertext liest, der mit Ad- jektiven gespickt ist, und dann die Version, in der sich nur noch ein Viertel davon findet, begreift sofort, welchen Sinn diese Regel hat, wo sie angewendet werden sollte und - genauso wichtig! - wo nicht.

Damit schmilzt die Zahl brauchbarer Schreibbücher weiter zusammen. James N. Frey "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" wäre für mich ein Beispiel eines Schreibbuches, das manchmal die Tendenz hat, ins Dogmatische abzugleiten. Was nichts daran ändert, dass es eine Menge guter Kapitel vor allem zur Charakterentwicklung enthält.

Christopher Voglers Buch "Die Odyssee des Drehbuchschreibers" erweckt den Eindruck, es gebe "eine" Form, der alle Geschichten gehorchen. Für mich das klassische Beispiel eines Schreibbuches, das gut lesbar ist, eine Menge guter Ansätze enthält, aber die Gefahr birgt, den Leser in dogmatisches Fahrwasser zu lenken.

Selbst das hervorragende Buch von Zuckerman enthält Dogmen. Zuckerman ist der festen Überzeugung, ein Autor müsse seinen Plot komplett entworfen habe, bevor er zu schreiben anfängt. Doch es gibt eine Menge Autoren, die das Gegenteil beweisen. Stephen King geht von der Fragestellung "Was wäre wenn ..." aus und schreibt auf ein sehr vages Ziel hin, das sich im Prozess des Schreibens verändert. Gleiches gilt für Toni Hillermann, der in den USA sehr erfolgreiche Krimis schreibt, und für viele andere Autoren. Was nichts daran ändert, dass der Plot eines Buches extrem wichtig ist und das volle Augenmerk des Autors verlangt.

 

Müssen Schreibbücher von erfolgreichen Autoren sein?

Quatsch. Von einem Schreibbuch erwarte ich nicht, dass es ein Thriller ist, sondern dass es das Schreiben lehrt. Die besten Mathematiker sind oft lausige Mathematiklehrer. Sie können sich längst nicht mehr in die Probleme von Anfängern hineinversetzen. Und die besten Mathematiklehrer sind oft mittelmäßige Mathematiker.

Ich halte Stephen Kings Buch "Über das Leben und das Schreiben" für hervorragend, aber nicht, weil der Autor viele Bestseller geschrieben hat, sondern weil es gut zu lesen ist und fundierte Tipps zum Schreiben gibt.

Zuckerman ist ein erfolgreicher Literaturagent, hat aber meines Wissens nie einen Bestseller geschrieben. Trotzdem ist sein Buch "Bestseller. Wie man einen Erfolgsroman schreibt" lesenswert, weil er lange mit Autoren zusammengearbeitet hat und weiß, wie man an Texten arbeitet.

 

Und wie komme ich an die Bücher?

Da haben wir ein Problem. Anders als in den USA gibt es bei uns so gut wie keine Buchhandlungen, die ein Sortiment von Schreibbüchern haben. Einzige Ausnahme ist Zweitausendeins. Wer das Glück hat, in einer Stadt mit einer Filiale zu leben, findet hier eine ganze Reihe von Schreibbüchern, in denen er blättern kann. Aber die Läden führen nur die eigenen Bücher. Bücher aus anderen Verlagen sucht man hier vergeblich.

Man kann bei Amazon.de oder Buch.de vorbeischauen und hoffen, dass es dort Textauszüge gibt. Leider stellen noch längst nicht alle Verlage Textauszüge ihrer Bücher ins Netz. Bei Amazon lohnt es sich, die ame- rikanischen Bücher zu besuchen, dort finden sich zumindest die Kritiken von Lesern. Überhaupt gibt es im englischsprachigen Raum ein Vielfaches an Schreibbüchern, die meisten sind leicht und gut lesbar. Probiert mal http://www.writersdigest.com, dieser Verlag hat Hunderte von Büchern zu allen möglichen Themen. Dort findet ihr auch zahlreiche Spezialthemen, z. B. "Deadly Doses, A Writer's Guide to Poison".

Oder man kann seinen Buchhändler fragen, ob er ein Buch zur Ansicht bestellen kann. Nicht zu vergessen: der Tempest, der immer wieder Bücher ausführlich bespricht.

 

Meine persönliche Hitliste

Anfänger und fortgeschrittene Anfänger:

Sol Steins "Über das Schreiben" halte ich für ein ganz ausgezeichnetes Buch, es hat hervorragende Kapitel zur Überarbeitung von Texten.

Stephen Kings "Über das Leben und das Schreiben" ist nur zur Hälfte ein Schreibbuch, liest sich aber spannend wie ein Roman und enthält ebenfalls gute Tipps vor allem zum Stil.

Sybille Knauss' "Schule des Erzählens" fällt aus den üblichen Schreibratgebern heraus, beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von ak- tuellen Texten und Mythen, erfüllt einige meiner Kriterien nur ungenü- gend, ist aber ungeheuer amüsant zu lesen.

James N. Freys "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" empfehle ich nur bedingt; es enthält gute Kapitel zur Charakterentwicklung, aber manchmal ist es arg dogmatisch.

 

Fortgeschrittene:

Ursula K. LeGuins "Steering the Craft" enthält sehr gute Übungen für Fortgeschrittene.

Linda Segers' "Von der Figur zum Charakter" zeigt, wie man an den Fi- guren eines vorhandenen Drehbuchs feilt. Nichts für Anfänger, aber auch für Romanautoren interessant.

Syd Fields "Das Handbuch zum Drehbuch" liefert eine Menge Stoff zum Aufbau eines Spannungsbogens, darunter die berühmten "Plot Points". Auch für Romanautoren zu empfehlen und ein weiteres Beispiel dafür, dass ein Sachbuch nicht langweilig sein muss.

Zuckermans "Bestseller. Wie man einen Erfolgsroman schreibt" habe ich oben schon des Öfteren zitiert; gut vor allem zum Aufbau eines spannungsreichen Plots.

 

Zu guter Letzt

Eins sollte man nie vergessen: Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Reiten und Skifahren auch: Übung macht den Meister. Schreiben lernt man vor allem dadurch, dass man schreibt. Das Lesen von Schreibbüchern kann diese Übung nicht ersetzen, es kann nur dabei helfen.

 

(aus: Tempest 3/2001)

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