Testbericht WritePro Fiction
Ein Computerprogramm, um schreiben zu lernen? Was für ein Unsinn, dachte ich, als ich das erste Mal darüber las. Seit Jahrzehnten versuchen sie, dem Computer beizubringen, dass er gesprochene Sprache erkennt und in Text verwandelt, nicht einmal das klappt einwandfrei. Also ein Windei?
Nein, kein Windei. Zweitausendeins hat nach Sol Steins Büchern auch seine Computerprogramme WritePro Fiction und WritePro FictionMaster auf Deutsch herausgebracht. Hier geht es jetzt um WritePro Fiction.
Was als Erstes auffällt, ist, was fehlt. Die Installation erwartet vom Benutzer nicht Zustimmung zu allen möglichen Lizenzbedingungen und läuft für ein Windowsprogramm erstaunlich schnell und einfach ab. Das gilt auch für das Programm selbst. Ausnahmsweise mal ein Programm, das sich wirklich sofort bedienen lässt, ohne des Anwenders Geduld und Intelligenz einer harten Prüfung zu unterziehen.
Das Prinzip ist einfach. Sol Stein erläutert etwas - sehr kurz - und stellt eine Frage oder Aufgabe, unter der ein Eingabefeld erscheint, in das der Benutzer seinen Text einträgt. Da er Vertreter der "character-driven" Plots ist, nimmt es nicht Wunder, dass man als Erstes eine Person beschreiben soll. Danach wird der neue Autor mit Fragen bombardiert: Hat ihr Held auch eine negative Eigenschaft? Und schon soll man seine Figur überarbeiten. Könnte man ihn aufgrund ihrer Beschreibung in einer Gruppe mit zehn Personen sofort erkennen? Wenn nein, überarbeiten Sie Ihren Text.
So entsteht in kleinen Schritten die Beschreibung einer Figur, die mit jedem Schritt (hoffentlich) besser, spezifischer wird. Nach Vollendung des ersten Kapitels sollte es einen Protagonisten und einen Antagonisten geben, die keine 08/15-Pappkameraden sind, sondern lebende Figuren, für die sich ein Leser interessieren könnte. Da gleichzeitig die Erstfassung gespeichert wird, kann der angehende Autor seine Fortschritte verfolgen. Hauptvorteil gegenüber einem Schreibbuch: Der Autor liest nicht nur, sondern schreibt die meiste Zeit, übt also das, was er lernen möchte.
Dazu liefert Sol Stein Schreibregeln, die immer kurz begründet werden. Der Anwender begreift so auch, warum diese Regeln vorgeschlagen werden, etwas, das in manchen Schreibbüchern viel zu kurz kommt. Die Regeln sind einsichtig, prägnant, die Begründungen kurz, und zu jeder gibt es eine Übung. Wichtige Regeln und Fragen werden bei späteren Übungen immer wieder ins Gedächtnis gerufen ("Hat Ihr Liebhaber auch negative Seiten?").
Wer sich die Mühe macht, die Übungen durchzuarbeiten und seine Texte anhand der Fragen und Regeln genau überprüft, braucht zwar einige Zeit, hat danach aber wirklich Texte geschrieben und überarbeitet. Wie es in WritePro heißt: "Schreiben heißt Umschreiben". Noch eine weitere, wichtige Anmerkungen zum Ende seines Programms: "Übrigens ist jede hier aufgestellte Regel lediglich als Richtlinie zu verstehen, denn jeder Autor ist irgendwann so weit fortgeschritten, dass er weiß, wann er sich mit gutem Grund über eine Regel hinwegsetzen sollte."
Weil wir schon mal dabei sind: Das Programm arbeitet damit, dass dem Benutzer Fragen gestellt werden. Kein Wunder, dass eine weitere Regel heißt: "Was wäre, wenn ? ist die kürzeste und klügste Frage, die sich ein Autor stellen kann". Natürlich scheinen viele der Regeln und Fragen banal, aber grade das ist der Vorteil des Programms: Er zwingt den Benutzer dazu, sich auch solche banalen Fragen zu seinem Text zu überlegen und immer nur eine gleichzeitig.
Ein weiterer Vorteil gegenüber Schreibbüchern: Alle Aufgaben werden zuerst vom Anwender bearbeitet. Wenn Sol Stein selbst eine Lösung vorschlägt, dann erst danach. Das hat den Vorteil, dass man vergleichen kann: Was gefällt mir bei meiner Lösung besser, was bei der vom Meister himself? Insbesondere in dem Kapitel, in dem es um überflüssige Adjektive, Worte und Klischees geht, ist das sehr nützlich. Ingesamt acht Kapitel finden sich in WritePro Fiction: "Held und Gegenspieler", "Entwicklung einer Handlung", "der Anfang eines Romans und seine Perspektive", "Beschreibung, narrative Zusammenfassung und direkte Szene", "Texte überarbeiten", "Dialoge", "Liebesszenen" und "detaillierte Figurencharakteristik".
Das Programm ist kein Sesam-öffne-dich, das den Nachwuchsautor direkt in die Bestsellerliste katapultiert, wie die Marketingabteilung von Zweitausendeins behauptet - und auch kein Mittel, um Schriftsteller heranzubilden, die alle gleich schreiben, wie mancher befürchtet. Es ist ein gutes Hilfsmittel, um schreiben zu lernen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die 35 Euro ist es jedenfalls wert.
Ärgerlich sind allerdings die Reaktionen mancher Feuilletonredakteure. Offenbar ist die Zeit vorbei, in der man den Gedanken, schreiben könne man lernen, einfach als Blödsinn abtun könnte. Aber so richtig ernst nehmen darf man es wohl auch nicht, jedenfalls deutet der Eiertanz mancher Redakteure darauf hin, die versuchen, keine Meinung zu vertreten, die sie lächerlich machen könnte. Dementsprechend sind die Artikel über das Programm wie auch über die Schreibbücher gehalten. Sie helfen dem Leser nicht weiter, sondern versuchen, keinen zu vergrätzen. Den Vogel schoss die Taz ab, die Mark Twains berühmten Ausspruch: "When you catch an adjektiv, kill it" mit "Töten Sie das Adjektiv" übersetzte.
Nun ja, offenbar wird es noch einige Jahre dauern, bis Kulturredakteure sowohl Fachkenntnis wie auch Mut genug haben werden, um über Schreibbücher und Schreibprogramme berichten zu können.
WritePro ist nur in den Läden von Zweitausendeins und im Internet (http://www.zweitausendeins.de) erhältlich,
Preis 35 Euro, Demoversion verfügbar bei Zweitausendeins
Englische Version bei WritePro.com
Eine gekürzte Fassung des Artikels wurde im November Tempest 2002 veröffentlicht.
(c) Hans Peter Roentgen