Notfalls hätte ich die Biographie des Verlagschefs getippt
Interview mit Tom Liehr, Autor von Radio Nights, Aufbau Verlag
Hans Peter Roentgen: Tom, Anfang der Neunziger Jahre hast du im Playboy den ersten und dritten Platz in dem Kurzgeschichten Wettbewerb gewonnen. Dein erster Roman "Radio Nights" ist grade im Aufbau-Verlag erschienen, zehn Jahre später. Hast du in der Zwischenzeit nichts geschrieben?
Tom Liehr: Oh, nach dieser Playboy-Sache kam unter anderem ein Literaturagent - Reinhold Stecher, AVA Herrsching - auf mich zu und nahm mich unter Vertrag. Den habe ich mit Short Stories regelrecht zugemüllt; einige davon sind auch erschienen, in Anthos bei Heyne, Lübbe und so. Aber das meiste war Ausschuss. Für einen Roman fehlte mir die Idee, ich habe mit SF herumlaviert und autobiografischen Dünnschiss produziert. Wir gingen auseinander, nach ein, zwei Jahren, fortan sind Kurzgeschichten ohne große Ambitionen entstanden, quasi für den Hausgebrauch, um nicht aus der Übung zu kommen. Durch einen weiteren Wettbewerb, Mitte der Neunziger von einem "CompuServe"-Forum ausgerichtet, bin ich wieder zum Sorichtigschreiben gekommen. Seither sind drei Romanmanuskripte entstanden - und das letzte war's dann. Zugegeben, bei dem habe ich auch geplottet, Figuren entwickelt und all diese Sachen gemacht.
Hans Peter Roentgen: Wann hast du überhaupt angefangen zu schreiben?
Tom Liehr: Als Dreizehnjähriger, auf einer quälend lauten, fürchterlich klapprigen elektrischen Schreibmaschine - "Der Aufstand der Menschen", ein SF-Traktat, über 300 Seiten, enggetippt. Grauenhaft.
Hans Peter Roentgen: Du wirst von der Literaturagentur Meller vertreten. Warum hast du einen Literaturagenten eingeschaltet? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Tom Liehr: Mir hat das gefallen, wie Stecher damals meine Ausdünstungen zur Kenntnis nahm und an den Mann zu bringen versuchte, was ja sogar klappte, gelegentlich. Der hat mich motiviert, Stories für monothematische Anthologien angefragt, mein Zeug Verlegern gezeigt - ohne dass ein Romanprojekt in Aussicht gewesen wäre - und mir die meistenteils recht netten Antworten gereicht. Das fand ich bequem und einfach, sehr lässig sozusagen. Als ich dann wieder ernsthaft zu schreiben begann, stand außer Frage, das Manuskript an ein paar Agenten zu schicken, und nicht an zigtausend Verleger. Meller sagte: Ja, aber. Einmal, zweimal. Und dann: Okay, damit kann ich was anfangen. Drei Wochen später habe ich im Aufbau-Chefbüro gesessen und Hände geschüttelt. Meller ist allerdings ein anderer Typ Agent, als Stecher das war: Die "Michael Meller Lit. Agency" befasst sich im Hauptgeschäft mit Drittrechten, hat Blue Chips wie "Die Asche meiner Mutter" oder Franzens "Korrekturen" an der Hand, und ein paar deutsche Autoren, davon ein Gutteil Promis, wie Carmen Thomas mit ihrem "Ein ganz besonderer Saft - Urin" und solche Sachen. Er ist rezeptiv, lässt machen, sagt mal ein paar Worte á la "Wie wäre es mit plotten?" oder "Die lange Pause zwischen Teil eins und zwei hat dem Ms nicht gut getan", ohne dass ich ihm von einer Pause erzählt hätte. Ein Literaturagent muss nicht notwendigerweise lektorische Fähigkeiten haben, und ich ganz persönlich würde nicht zu einem Agenten mit "zusätzlichem Lektoratsangebot" gehen. Meller ist ein Verkäufer, ein ziemlich guter, wie ich meine, und ich muss dafür sorgen, dass seine Ware was taugt. So sehe ich das - wenn es klappt, ist es die fünfzehn Prozent von allem wert.
Hans Peter Roentgen: Wie sahen überhaupt die Vertragsverhandlungen beim Aufbau Verlag aus? Wurde da nur dein Text "Radio Nights" behandelt oder auch andere Texte? Was ist Verlagen deiner Meinung nach besonders wichtig?
Tom Liehr: Die Verhandlungen hat tutti kompletti Meller geführt, er rief mal an und fragte mich, ob mir ein Vorschuss in der und der Höhe recht wäre. War er natürlich. Jesus, ein Vorschuss! Dann ging es schnell, die Agentur hat den Vertrag vorgegeben, all diese Sachen von wegen zweite Auflage , Drittrechte, Verramschung und so weiter. Damit bin ich kurz beim Anwalt vorbeimarschiert, der nickte und ich unterschrieb. Aus die Maus. Gleich eine der ersten Fragen von Verlagsseite war, ob von mir noch mehr zu erwarten wäre - die wollen keine Autoren aufbauen, ohne nachlegen zu können, sollte sich die Investition als sinnreich erweisen. Eine der folgenden Fragen betraf meine Überarbeitungswilligkeit. Ich meine, notfalls hätte ich die Biographie des Verlagschefs getippt, um meinen Namen auf einem Buchdeckel zu sehen. Die Antwort fand Gefallen.
Hans Peter Roentgen: Nach dem Vertragsabschluß wurde das Manuskript nochmals überarbeitet. Wie umfangreich waren die Änderungen? Wie viel Zeit hast du in diese Überarbeitung gesteckt? Ist diese Überarbeitung deines Wissens üblich?
Tom Liehr: Es wurde sogar dreimal überarbeitet, kleinere Umstellungen, Streichungen, zusätzliche Kapitel, Figurenmotivation verdeutlichen, solche Sachen. Da die Erzählstruktur im ersten Teil leicht amorph ist - die Kapitel wechseln in der zeitlichen Abfolge - habe ich mit dem Lektor eine etwas spannendere Anordnung ausgearbeitet. Kapitel sind verkürzt worden, ein bisschen Hookerei und Cliffhangerei wurden eingebaut. Das hat drei Monate gedauert, brutto, vielleicht drei Wochen Arbeit netto. Es sind aber keine dramatischen Änderungen gewesen, hauptsächlich Dinge, die die Lesbarkeit steigern, den Fluss erhöhen, die Figuren verstärken - okay, und das Ende habe ich komplett neu verfaßt, das war nicht gut in den ersten Versionen. Meiner Kenntnis nach und anhand der Erfahrungen, die u.a. einige meine 42erAutoren gemacht haben, ist das Usus, meistens sogar in verschärfter Form. Der lockere und partnerschafliche Umgang, wie ich das mit Andreas Paschedag bei Aufbau erleben konnte, ist nicht notwendigerweise üblich - manchmal bürsten Lektoren Manuskripte recht eigenwillig zurecht. In vielen Fällen muss komplett neugeschrieben werden, da gefallen Stil und Idee, aber Umsetzung und Dramaturgie nicht. Deshalb sollte man durchaus auch mal mit den ersten beiden Kapiteln und einem Expo an den Markt gehen, statt das komplette Buchstabengebirge aufzuschütten, um es später wieder abtragen zu müssen.
Hans Peter Roentgen: Wenn du dir ansiehst, wie viel du geschrieben hast: Quellen deine Schubladen über von nicht fertiggestellten, nicht veröffentlichten Texten?
Tom Liehr: Yep. Definitiv. Dutzende Romananfänge, sechs komplette Manuskripte, tonnenweise Short Stories, ganze Festplatten voller Notizen, meistens dünne Ideen, die ein paar gute Eingangssätze hergaben, sich dann aber verflüchtigten. Das gehört dazu - wer schreiben will, muss eine große Menge Ausschuss produzieren, sich in Selbstkritik üben und, vor allem, ein Testpublikum aus dem direkten Dunstkreis meiden, wie der Alki den Zapfhahn. Es gibt ein paar Naturtalente, die von sich aus enormes Gefühl für Diktion, Spannungsaufbau, Dramatik, Sprache haben, von denen man einfach alles drucken könnte, aber die meisten - zu denen ich auch gehöre - müssen sich ihre Werke erarbeiten, ihre Erzählweise finden, ihre Thematiken. Währenddessen laufen die Schubladen über. Wer nicht allzu sentimental ist, sollte den Inhalt gelegentlich verklappen. Lange Zeit habe ich nach dem Verfahren schreiben beim Schreiben gearbeitet - wäre ich früher auf die Idee gekommen, Strukturen vor der Umsetzung zu entwerfen, hätte der Ausschussberg wahrscheinlich eine etwas geringere Höhe.
Hans Peter Roentgen: Du bist nicht der erste, der lange geschrieben hat, bevor er veröffentlicht wurde. Offenbar gehört auch zum Schreiben erst einmal eine lange Lehrzeit und der erste Roman ist immer Schrott. Könnte man das so sagen?
Tom Liehr: Ausnahmen gibt es immer, leider beziehen sich Leute häufig auf eben jene Ausnahmen, wenn sie argumentieren. "Der und der hat es doch auch so geschafft", hört man dann, und, ja, der und der hatte es wirklich nicht nötig, an sich zu arbeiten, konnte seine Lebensgeschichte runterklopfen und landete damit einen Megaseller á la "Die Asche meiner Mutter". Für die meisten Autoren gilt m.e. jedoch, dass sie eine lange Durststrecke hinter sich bringen müssen, bis die Ergüsse richtig lesbar werden. Sprachgefühl, Rhythmus und diese Dinge lernt man erst mit der Zeit - es sei denn, man gehört zu den wenigen Hochbegabten. Und selbst nach diesen Lehrjahren kann man nicht davon ausgehen, dass der erste akzeptable Roman auch so gedruckt wird, wie man ihn durch die Gegend geschickt hat - Überarbeitungswillig- und -fähigkeit sind Grundvoraussetzungen, um irgendwann "in Produktion" zu gehen. Die Zeit zwischen Vertrag und Veröffentlichung kann im Rahmen dessen schon recht lang werden - bei mir war es ein gutes Jahr, bei anderen dauert's noch länger, bis zu drei Jahre, je nach Verlag.
Hans Peter Roentgen: Wenn du dir deine früheren Texte ansiehst, die du vor "Radio Nights" geschrieben hast, denkst du, da hat sich was verändert in deinem Schreiben? Glaubst du, du hast in der Zwischenzeit dazugelernt?
Tom Liehr: Mal von den Short Stories abgesehen, bei denen es einige Frühwerke gibt, zu denen ich immer noch - sogar stolz - stehen kann: Ja zu beiden Fragen. Bei Kurzgeschichten ist es mir meistens - gelegentlich auf wundersame Weise - gelungen, die Kurve zu kriegen, es irgendwie zusammen zu fuddeln, weil häufig die Idee für das Ende, die Pointe stand; so was gibt's ja bei Romanen nicht, nicht in dieser Form. Da muss der Autor Nähe entwickeln, Identifikationspotentiale schaffen, die nicht beim ersten Windhauch zusammenbrechen, Handlungsstränge entwerfen, die sich auch irgendwann wiederfinden, eine gute Geschichte einfach gut erzählen, und zwar eine verdammt lange. Über das Immerwiederneuanfangen, insbesondere aber über die Arbeit in "meinen" Autorengruppen - den 42erAutoren und bei "Radio Nights" hauptsächlich dem Projekt Phoenix - sind mir solche Aspekte bewusst geworden, habe ich sie überhaupt erst mal zur Kenntnis genommen. Was plotten genau ist, habe ich lange nicht gewusst, heute fange ich damit an, arbeitsablaufmäßig.
Hans Peter Roentgen: Du bist seit Jahren bei den 42er Autoren aktiv, einer Liste, in der jede Woche ein Text von den Teilnehmern besprochen wird. Was kann ein Autor aus solchen Besprechungen lernen? Hast du selbst daraus gelernt? Warum machst du dir diese Arbeit?
Tom Liehr: Man lernt hauptsächlich, dass es eine Menge Leute gibt, die sich für potentielle Bestsellerautoren halten, denen man aber genaugenommen nicht das Verfassen eines geschäftlichen Dreizeilers überlassen dürfte, und erst recht nicht unbeaufsichtigt. Nein, mal im Ernst. Viele machen ganz ähnliche Fehler, schreiben drauflos, haben ein Quentchen Talent und eine witzige Idee, schlagen sich die Nächte um die Ohren beim Heruntertippen gelegentlich recht überflüssiger Kurzgeschichten. Wie gesagt, die Fehler sind ähnlich, und das kritische Betrachten fremder Fehler führte bei mir notwendigerweise zum Erkennen der eigenen. Gleichzeitig sind ein paar echte Perlen unter den sogenannten "Besprechlingen"; es macht Spaß, ihnen beim Wachsen zuzuschauen, unter die Arme zu greifen. Weniger Spaß macht es, auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen und "Such' Dir ein anderes Hobby" sagen zu müssen, aber das kommt erstaunlicherweise selten vor. Der entscheidende Vorteil dieser Gruppen ist es, ein neutrales, kenntnisreiches Testpublikum zur Verfügung zu haben, eine Einrichtung, über die m.e. jeder angehende Schriftsteller verfügen sollte.
Hans Peter Roentgen: Das erste Drittel deines Romans hast du vor über einem Jahr in der Phönix Schreibgruppe zur Diskussion gestellt. Hat dir diese Diskussion beim Schreiben geholfen? Glaubst du, dass solche Schreibgruppen einem Autor weiterhelfen können?
Tom Liehr: Ja. Unumwunden. In beiden Fällen. "Radio Nights" wäre ohne die Phoenixe nie über das Entwurfsstadium hinausgekommen. Es gab Motivation und Kritik reichlich; insbesondere Iris Kammerer und Mareen Göbel - beides hochtalentierte Autorinnen - griffen mit genereller und Detailkritik ein. Sie und die anderen Phoenixe haben mich ermuntert, weiterzumachen, ohne es nur deshalb zu tun, weil ich mit ein paar von ihnen befreundet bin. Das hat "Radio Nights" auf die Zielgerade gebracht.
Hans Peter Roentgen: Stephen King ist ein intuitiver Autor, dessen Handlungen und Personen sich während des Schreibens entwickeln. Andere Autoren planen jede Szene genau, bevor sie auch nur ein Wort zu Papier gebracht haben. Wie machst du es? Würdest du dich eher als "Bauch-" oder als "Kopfschreiber" bezeichnen? Hat sich etwas daran verändert, wie du einen Text schreibst?
Tom Liehr: Wie vorhin erläutert - ich habe es anfangs "wie King" (klingt cool!) versucht, aber meine Figuren lebten irgendwie zu realistisch, ließen sich nicht in den einengenden Fiktionsraum eines abgeschlossenen Romans zwängen, von dem ohnehin nur eine vage Idee existierte. Dadurch entstanden lesbare, gelegentlich recht tagebuchartige Geschichten, die keine waren. Ich bin immer noch ein Bauchschreiber, aber der Kopf entscheidet vorher ziemlich genau, was der Bauch tun soll. Nicht Szene für Szene, aber von Plotpoint zu Plotpoint.
Hans Peter Roentgen: Manchmal geschieht es, dass die eigenen Figuren ein Eigenleben führen, den geplanten Plot durcheinanderwirbeln, sich störrisch den Plänen ihres Schöpfers widersetzen. Passiert dir das auch? Wie gehst du damit um?
Tom Liehr: Nee, passiert mir nicht. Jede Figur bekommt ihre Charakterzeichnung, ihren Duktus und dergleichen. Wenn sie auszubrechen versuchen, kriegen sie eine auf den Deckel. Geringfügige Eigenständigkeit jenseits des Plots hebe ich mir für Nebenfiguren auf; ich liebe Nebenfiguren.
Hans Peter Roentgen: Du bist der Erste, der mir sagt, dass seine Figuren während des Schreibens kein Eigenleben entwickeln. Planst du sie vorher so genau oder woran könnte das liegen?
Tom Liehr: Was heißt denn "Eigenleben"? Eine Figur, die große Authentizität entwickelt, fast greifbar vor dem geistigen Auge des Lesers zu sehen ist, einen so richtig reinzieht, lebendig wirkt? Tolle Arbeit!
Man muss sich ausgiebig mit seinen Figuren befassen, in bestimmten Genres mehr, als in anderen, und sich genau überlegen, wie man sie so formt, dass ihre Handlungsweise in den vorgesehenen Situationen nachvollziehbar bleibt. Andersherum darf man natürlich einen Volldeppen nicht plötzlich und unmittelbar zum Superhirn werden lassen - auch, wenn das im Plot ursprünglich so vorgesehen war. Dass sich so eine Figur der Entwicklung zu verweigern scheint, ist doch selbstverständlich. Die Situation, der Wandel ist unsauber vorbereitet.
Dass ich diese Art von Problem nicht so sehr habe, liegt m.e. an der Art von Geschichten, die ich erzähle. Mein Donald "Don FM" Kunze, der Held aus "Radio Nights", ist ein Underdog, ein Asozialer im Wortsinn, der unter einer unangenehmen Kindheit litt, Einzelgänger war, sich in einen Traum festgebissen hat, so sehr, dass das restliche Leben aufhörte, zu funktionieren. Die Figur war vergleichsweise leicht zu entwerfen, hatte so viel inneren Spielraum, dass sie mich mit derlei Problemen einfach nicht konfrontiert hat. Gleichzeitig konnte ich mir Fragen wie: "Würde Donald diesem Typen jetzt eine in die Fresse geben?" recht leicht beantworten, und so ist es dann auch passiert. Genauso habe ich an Lydia gearbeitet, der zweiten Hauptfigur, an Frank, Lindsey, Hagelmacher und so weiter - den Typen skizziert, und zwar so, dass er in der Handlung glaubhaft blieb, wie ich hoffe.
Hans Peter Roentgen: Wenn du vor dem Schreiben deine Struktur planst, womit fängst du an? Mit den Figuren oder mit dem Plot?
Tom Liehr: Das geht einher, ist kaum zu trennen. Ein Stück Plot, ein paar Figuren, ein Stück Plot und so weiter.
Hans Peter Roentgen: Ich kenne Texte von Hobbyautoren, da habe ich das Gefühl, der Autor weicht konsequent der Geschichte aus, schlägt überall Haken, wo es interessant wird. Ich kenne das auch von eigenen Texten. Andreas Eschbach hat es mal "die Angst des Autors vor dem eigenen Stoff" genannt. Ist dir das auch passiert? Woher kommt diese Angst? Woran kann der Autor diese Falle erkennen?
Tom Liehr: Möglicherweise hat das mit der Panik zu tun, die mit dem Gedanken verbunden ist, das Ding auch wirklich zuende schreiben zu müssen. Irgendwann ist es schlicht vorbei, man tippt "Ende" unter das Ms, und dann sind die Figuren tot, verheiratet oder nach Zimbabwe ausgewandert. Vor diesem Abschiedsschmerz scheinen viele Autoren gehörigen Bammel zu haben, ein Problem, das meiner Meinung nach bei autobiographisch gefärbten Geschichten gehäuft auftritt; allerdings schreibt Eschbach alles andere als autobiographisch. Das Schreiben selbst ist der Prozess, der dem Autor so richtig Spaß macht, mal von der Entgegennahme des Literaturnobelpreises abgesehen, und wer sich stark in seine Figuren begibt, beginnt Angst um sie zu haben. Alternativ wahren manche eine so große Distanz zu Figuren und Handlung, dass sich die Manuskripte wie Gebrauchsanleitungen lesen. Aber ich habe noch nie ein Problem damit gehabt, die Figur in die Geschichte zu stoßen und in ihr, an ihr zu lassen, ehrlich nicht. Übrigens habe ich bei vielen Manuskripten, die mir befreundete Autoren und Besprechlinge zur Kenntnis gegeben haben, festgestellt, dass weitaus mehr Leute damit ein Problem zu haben scheinen, dass sie zu rasch zum Schluss kommen - das Ende wirkt abrupt, das ganze Buch wie abgebrochen, weil man endlich fertig werden wollte. Das passiert also auch. Schlecht geplottet, undiszipliniert gearbeitet.
Hans Peter Roentgen: Welchen Rat würdest du Nachwuchsautor geben? Was sollte man unbedingt beachten, wenn man schreiben möchte, eine Veröffentlichung anstrebt?
Tom Liehr: Üben, üben, üben, plotten, plotten, plotten, Texte anderen vorstellen, Fremden! Texte wegschmeißen, viele Texte wegschmeißen. Gute Ideen sensibel ausarbeiten, wachsen lassen, nicht sofort drauflos schreiben. Ein Exposé verfassen - unbedingt - und ein, zwei Kapitel. Damit dann die Runde machen. Sich nicht entmutigen lassen. Einen Literaturagenten zu überzeugen versuchen. Auf gar keinen Fall sollte man nach ein paar Dutzend läppischen Ablehnungen zu einem Hinterhof- oder gar Zuschussverlag laufen - oder den Krempel selbst veröffentlichen, im Web oder per Book-on-demand. Sondern es weiter versuchen und parallel an neuen Sachen arbeiten. Sich nicht an einem einzigen Manuskript festfressen. Dies insbesondere.
Aber Autoren - Künstlern - Tipps zu geben, das ist in etwa so seriös, wie eine Wettervorhersage für 2010. Jeder hat seinen Ansatz, und manchmal funktionieren skurrile Lösungen. Der eine schreibt täglich zwei Stunden, der andere - ich, zum Beispiel - arbeitet am besten nachts in der Kneipe, bei Lärm, Bier und Zigaretten.
Hans Peter Roentgen: Eines Nachts liegst bist du schon halb eingeschlafen im Bett, plötzlich steht eine gute Fee neben dir und sagt: "Du hast soviel geschrieben und so viele Texte bei den 42er Autoren kritisiert, das soll dir belohnt werden. Du hast einen Wunsch zur deutschen Literatur- und Buchszene frei." Was wünscht sich Tom Liehr?
Tom Liehr: Dass "Tod eines Kritikers" mit MRR in der Hauptrolle verfilmt wird. Spaß beiseite: Dass die vielen, vielen beklagenswerten Wirklichnichtskönner damit aufhören, die Lektorenschreibtische mit ihren üblen Traktaten zu verstopfen und statt dessen Tauben züchten oder kegeln gehen, damit die talentierten Leute, die wirklich etwas zu erzählen haben, ihre Chance auch bekommen. Und außerdem wünsche ich mir, dass Thomas Mann aufersteht und gemeinsam mit Philip Roth den großen interkontinentalen Familienroman schreibt.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.
aus : tempest, (c) Hans Peter Roentgen