Stimmen

 

Lange genug war ich der Idiot vom Dienst.

Erst wurde bekannt, dass meine Mutter stundenweise im Chez Nicole arbeitete. Sie hatte allen erzählt, sie arbeite in einem Immobilienbüro und fahre deshalb während der Woche an drei Tagen nach Köln. Niemand grüßte sie mehr und die alte Görres spuckte einmal aus, als sie Mutter auf der Straße traf. Ich ging nur noch mit gesenktem Kopf umher, weil ich mich nicht mehr traute, den Leuten in die Augen zu sehen. Als mein Freund Jürgen Mutter eine Hure nannte, schlug ich ihn zusammen. Daraufhin verboten die Eltern meiner Freunde ihnen, mit mir zu spielen.

Dann verschwand Mutter einfach. Sie ging aus dem Haus, weil sie einkaufen wollte, betrat den A+C Markt am Strandbad, kam mit einer vollen Einkaufstasche wieder heraus und winkte ein Taxi heran, wie der Marktleiter später zu berichten wusste. Das war das Letzte, was jemand von ihr sah.

Einmal fuhr ich heimlich nach Köln und lungerte vor dem Chez Nicole herum. Der Türsteher wollte mich verscheuchen und sagte, Jugendliche hätten keinen Zutritt. Erst ging ich, dann kam ich zurück; er wurde böse, und ich fragte ihn nach Mutter. Er kam aus der Türnische auf den Bürgersteig; ich dachte, er werde mich schlagen und wollte weglaufen, aber er erwischte meinen Arm. “Bist du ihr Sohn?”, fragte er.

Ich nickte, während sich mein Hemd voll Schweiß saugte, denn er war doppelt so schwer wie ich. Er könne mir nicht helfen, erklärte er, die Vergangenheit solle man ruhen lassen. Wenn er wüsste, wo meine Mutter sei, würde er mir’s sagen, leider wisse er es nicht und ich müsse es wie ein Mann tragen, auch wenn es nicht leicht sei.

Ich schluckte meine Tränen runter. Er drückte mir zwanzig Mark in die Hand und meinte, meine Mutter sei eine tolle Frau, das solle ich nie vergessen. Hier sei sie nicht mehr aufgetaucht und ich solle nie, nie mehr hier aufkreuzen, weil er keine Lust hätte, nach dem Vater auch den Sohn zu verprügeln. “Er würde immer noch herkommen, hätte ich ihn nicht verprügelt”, fügte er hinzu und ich begriff, dass Vater damals nicht auf der Straße gestürzt war.

Die zwanzig Mark gab ich für ein Pornoheft aus. Der Kioskbesitzer schaute mich verächtlich an und ich wurde knallrot, aber ich wollte es haben.

Zu Hause legte ich mich mit dem Porno aufs Bett. Ich schlug ihn auf, machte ihn aber gleich wieder zu. Was, wenn ich Mutter darin finden würde? Ich sprang auf, riss das Fenster auf und warf das Heft hinaus. Ein Passant schaute hoch, ich zog den Mittelfinger und schlug das Fenster wieder zu.

Blies Mutter jetzt grade einem Fettwanst einen? Ich verfluchte sie dafür.

“Warum bist du fort?” schrie ich die Wand an, warf mich aufs Bett und trommelte mit den Fäusten aufs Kopfkissen.

 

Meine Eltern hingen an dem Haus, das im besten Viertel stand. Wir brauchten das Geld, seit Vater Frührentner war, denn die Rente reichte nicht. Meine Eltern hätten das Haus verkaufen müssen, wenn Mutter nicht hinzuverdient hätte. Das Zubrot aus dem Job meiner Mutter reichte aus, um die Zinsen zu zahlen. Ein Bürojob hätte nie soviel eingebracht. Heute denke ich, merkwürdig, dass mein Vater daran glaubte.

Das Haus kam unter den Hammer. Wir zogen in eine Mietwohnung, die direkt über der Kneipe ”Zum Bären” lag und deshalb wenig kostete. Bald war mein Vater öfter im Bären als zu Hause.

Abends musste ich Vater aus der Wirtschaft holen. Kalle, der Wirt, und ich schleiften ihn zusammen die Treppe hoch und legten ihn aufs Bett. Als ich ihn mit der Tagesdecke zudeckte, murmelte Vater etwas, das weder Kalle noch ich verstanden. Ihm die Kleider auszuziehen, hatte ich längst aufgegeben. Selbst mit Kalles Hilfe klappte das nicht immer.

Kalle ließ sich an unserem Küchentisch nieder. “Setz dich, Daniel”, forderte er mich auf, als ob es seine Küche wäre, dabei schaute er mich wie eine traurige Bulldogge an. Dann seufzte er, schnalzte mit der Zunge und suchte mit dem rechten Zeigefinger in seinen Zähnen etwas, das sich nur schwer entfernen ließ. Dabei verbarg er Mund und Zeigefinger mit der linken Hand vor meinem Blick. Schließlich, als er es endlich gefunden und den Zeigefinger am Taschentuch abgewischt hatte, räusperte er sich und sagte:

“Nicht schön, den eigenen Vater besoffen aus der Kneipe zu holen."

Das war so richtig, dass ich darauf nichts zu sagen wusste. Ich zählte die Blumen auf der Tischdecke, aber seit gestern waren es nicht mehr geworden. Im Schlafzimmer redete Vater mit sich selbst, vielleicht auch mit weißen Mäusen oder schwarzen Elefanten, dabei wurde seine Stimme unvermittelt laut, um gleich wieder in leises Gebrabbel zurückzufallen. Ich wollte nicht verstehen, was er sagte, ich wollte es nicht hören, ich konnte ihn nicht mehr ertragen; dieses Wrack, das der Alkohol aus dem Mann gemacht hatte, der mir Geschichten erzählt und mit mir Fußball gespielt hatte. Ich hasste ihn! Wenn er nur tot wäre!

Morgen stand eine Mathearbeit an und ich wünschte mir, ich hätte den Mut, Kalle einfach rauszuschmeißen. Bloß, wer würde mir dann helfen, Vater die Treppe hoch zu schaffen?

“Als Wirt freu ich mich über jeden Gast, der Zeche macht”, sagte Kalle.

Klar, dachte ich, für euch Scheiß-Wirte sind Alkoholiker die liebsten Stammgäste.

“Doch dein Vater geht vor die Hunde und darüber freu ich mich nicht!”, fuhr er fort, als wäre es die aufregendste philosophische Wahrheit dieses Jahrhunderts.

“Wir müssen was tun”, schloss er seine Ausführungen ab und strich mit der Linken über seine Halbglatze, als ob er damit seinen Gedanken auf die Sprünge helfen wolle.

Ich starrte Kalle an.

Kalle seufzte. Dann stand er auf, klopfte mir auf die Schulter, meinte, jetzt müsse er gehen, und fügte, bevor er die Wohnung verließ, noch hinzu: “Wenn dir was einfällt, sag es mir.”

Dann war ich allein, hundemüde und konnte trotzdem nicht schlafen. Am liebsten wäre ich jetzt im Wilden Westen gewesen, wo die Männer zwar auch tranken, aber nie besoffen wie Vater durch die Gegend taumelten - jedenfalls nicht die Guten.

 

Wenn morgens der Wecker klingelte, versuchte ich, das Läuten zu ignorieren, was mir meist gut gelang, und weiterzuschlafen, was mir nie gelang, weil nach kürzester Zeit mein Vater ins Zimmer humpelte, gebückt und glatzköpfig, jedenfalls in der Kopfmitte, mich rüttelte und leise sagte: ”Daniel, aufstehen!”, wobei er den Wecker ausstellte.

Manchmal dachte ich, er hätte wirklich Mitleid mit mir, aber das war Wunschdenken. Ich stand schnell auf, weil ich wusste, dass Vater das Zimmer nicht eher verlassen würde. Ich wollte ihm nicht ins Gesicht sehen, konnte seine Nase nicht ertragen, die bereits einige geplatzte Äderchen rot färbten und die aller Welt zuschrie: ”Ich trinke!”

Woher er die Kraft nahm, mich morgens zu wecken, egal, wie lang und wie viel er am Vorabend getrunken hatte, woher er diese Kraft nahm, hatte ich nie begriffen.

Kam ich aus dem Bad, roch es nach Kaffee, von dem er eine große Kanne aufbrühte, so schwarz, dass man Sargholz damit hätte streichen können. Der Arzt hatte ihn gewarnt, sein Herz werde das nicht lange durchhalten, doch das kümmerte ihn so wenig wie die Warnungen wegen der Trinkerei.

Ich glaubte, sie bestärkten ihn nur darin, dass er seinen Körper bald endgültig besiegt haben würde. Zu einem richtigen Selbstmord fehlte ihm wohl der Mut, vielleicht wusste er auch gar nicht, wie er ihn praktisch durchführen sollte, denn selbst die kleinste Spritze versetzte ihn in Panik.

Neben meinem Teller stand ein Becher Kakao; er verbot mir Kaffee zu trinken, dabei war ich fünfzehn.

Ich schmierte mir ein Brötchen. Vater aß nichts zum Frühstück, eigentlich sah ich ihn selten essen. Ich schlang mein Brötchen hinunter und stürzte mit vollem Mund davon, “Tschüss!” brummend. Mit Vater, der immer mehr aus der Welt verschwand, an einem Tisch zu sitzen? Nein danke, nicht länger als nötig.

 

2

Auf meinem Schreibtisch lag ”Eine kurze Geschichte der Zeit”, geschrieben von einem Physiker, dessen Muskeln einfach verschwanden. Es war eine Krankheit und er saß im Rollstuhl, konnte keinen Finger bewegen und schrieb trotzdem Bücher. Mein Vater saß nicht im Rollstuhl, aber er bewegte sich nur unter Schmerzen. Alles verschwand bei ihm langsam, nicht nur die Muskeln.

Manchmal erfand ich Geschichten von Wurmlöchern, durch die Raumschiffe in andere Galaxien oder in die Vergangenheit flogen.

In meinen Geschichten gab es Raumschlachten, ganze Planeten verwandelten sich in Aschewolken, die traurig durch die Galaxis trieben. Wenn ich gut drauf war, befehligte ich ein Schiff.

"Kein Grund zur Panik" brummte ich, wenn feindliche Kreuzer wie ausgehungerte Moskitos über unsere Golden Star herfielen, wenn die Torpedos auf uns zu schossen, wenn Lieutenant Silva mich anflehte: "Abdrehen, Captain, abdrehen!" und wenn die Kanoniere ihre Finger am Abzug hielten, die Gesichter starr vor Spannung. Sie wollten feuern, die Zeit rannte davon, doch sie vertrauten mir blind und feuerten nicht.

Ich drehte nicht ab. Ich wartete bis zum letzten Moment, die Titanspitzen der Torpedos glitzerten bös in den Bullaugen und jeder konnte bereits mit bloßem Auge verfolgen, wie sie heranrasten. Schließlich befahl ich ”Feuer!”. Die Kanoniere ließen alle Rohre aufglühen und die Aale schossen heraus. Ich legte den Steuerknüppel um und die Golden Star bäumte sich auf. Aus dem Interkom heulte die protestierende Stimme Xangers, des ersten Ingenieurs. Alle Anzeigen im roten Bereich und die Torpedos rauschten hinter unserer Heckflosse vorbei, so dicht, dass man sie mit der Hand hätte berühren können.

Auf dem Schirm glühten Feindschiffe als rote Punkte auf und zerplatzten. Ihre Systeme konnten unsere Aale nicht orten, wenn sie mitten im Schwarm feindlicher Torpedos abgefeuert wurden. Hinter mir stöhnte Lieutenant Silva erleichtert auf.

Einige aus der Mannschaft klatschen.

Nicht immer war ich guter Stimmung. Dann gab es einen anderen Captain, der unfähig war. Das Schiff wurde getroffen, der Captain war tot und überall trieben die blutig zerrissenen Leiber der Crew schwerelos durch das Wrack. Nur wenige hatten überlebt, weil sie wie ich rechtzeitig in die Raumanzüge geschlüpft waren.

Der feindliche Schlachtkreuzer trieb auf uns zu, feuerte einen Magnetfänger ab, der sich an unserem Wrack festkrallte und das zerschossene Skelett zum Kreuzer zog. Wir konnten nur hilflos zusehen. Der Maschinenraum war eine rotglühende Hölle und alle Systeme ausgefallen.

Da hatte ich eine Idee.

 

3

”Wenn du Gott abends um einen Traum bittest, schickt er dir einen”, versicherte mir mein Freund. Damals war er noch mein Freund, wir lebten in dem Haus, das mir so sicher wie eine Festung schien, Mutter war da und ich war elf.

Das mit dem Traum stimmte. Ich machte zwar selten Gebrauch davon, doch es faszinierte mich: Da draußen gab es jemand, der Bitten erhörte.

Ich bat Gott, er möge auf einen Knopf drücken, dass die Welt wieder heil wäre. Ich würde im Wohnzimmer unseres Hauses sitzen, Mutter käme herein und verlangen, dass ich jetzt endlich ins Bett gehen solle, denn es sei längst Zeit. Leider drückte Gott auf keinen Knopf und ich hörte auf, ihn darum zu bitten.

Ich begriff, dass Gottes Macht sich nicht auf die Welt erstreckte, in der ich lebte. Ich konnte um einen Traum bitten und bekam ihn, aber um Mutters Rückkehr zu bitten, oder dass Vater mit dem Trinken aufhörte, war nutzlos. Gott lebte in einem Traumland und konnte Träume senden, das war aber auch alles. Vielleicht wollte er auch nicht helfen, vielleicht gehörten Wunder in eine verschlossene Vitrine, zu der Kinder und Jugendliche keinen Zutritt hatten? Wer die Vitrine öffnen durfte, war auserwählt wie Jesus oder der Bischof, der firmen durfte.

Jetzt bat ich nicht mehr um Träume. Wozu Träume, wenn die Realität in Stücke brach? Träume waren wie Alkohol, der Vaters Knochen nicht zusammenwachsen ließ, der Mutter nicht zurückbrachte und auch das Haus blieb verloren. Alkohol brachte Vater kurze Zeit des Vergessens. Dann stierte er mich an, als wisse er nicht, wer ich sei, staunte über das fremde Gesicht und redete mit Leuten, die nur er sah.

Manchmal beneidete ich ihn darum. Es gab so viel, das ich lieber nicht sehen wollte. Vielleicht sollte ich Gott doch wieder um einen Traum bitten?

Gott würde mir einen Traum senden, der mich vergessen ließ. Dann war ich soweit wie Vater.

 

4

Außerdem hörte ich Stimmen. Ich hatte Angst, verrückt zu werden.

“Du gehörst nach Düren”, würden meine Klassenkameraden schadenfroh sagen, hätte ich auch nur das klitzekleinste Wort darüber verloren und sie würden mich fragen, ob Napoleon oder Gott zu mir spräche.

Natürlich hörte ich keine Stimmen, schließlich war ich nicht verrückt. Dass die Welt um mich herum in Scherben fiel, war nicht meine Schuld. Niemand sollte mich deshalb nach Düren schicken. Trotzdem waren die Stimmen manchmal da. Sie sagten nie viel, eigentlich sagten sie ganz wenig, ”Hallo” oder so, ganz normale Sachen, als wollten sie mich begrüßen. Nur wollte ich nicht von Stimmen begrüßt werden, die mich nach Düren bringen würden.

Das Merkwürdigste war, dass sie verstummten, wenn ich sie dazu aufforderte. Ich meine, wenn Gott oder Napoleon zu dir sprechen, halten die einfach den Mund, hören die einfach auf, wenn du es ihnen befiehlst? Glaube ich nicht, nicht mal, wenn du sie dir nur einbildest.

Ich hörte jedenfalls Stimmen.

Eine Stimme redete von Hawking-Röhren, vielleicht meinte sie die Wurmlöcher des Physikers mit dem Muskelschwund? Ich ließ sie nie lange genug reden, um das herauszufinden.

“Die Hawking-Röhre ist dicht und wir sitzen fest”, sagte sie einmal, wie Vaters Stimme klang sie traurig und enttäuscht, aber nie betrunken. Es war die Stimme Xangers, des ersten Ingenieurs der Golden Star.

 

(C) Hans Peter Roentgen

 

 

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