Sie hatten 44 Stunden
300 Roman-Seiten in 44 Stunden mit fünfzehn Autoren zu schreiben – wer kommt auf so eine hanebüchene Idee? Nicht mal die Amerikaner haben so was versucht. Andreas Eschbach (Das Jesus Video; Eine Billion Dollar) aber schon. Ende Januar fand in Wolfenbüttel, in der Bundesakademie für kulturelle Bildung, dieses Himmelfahrtsunternehmen statt. Und es hat sogar geklappt! Alle fünfzehn wählten Charaktere aus, entwickelten einen Plot und schrieben insgesamt 60 Szenen.
Am Freitag um 16 Uhr war noch alles offen. Bereits im November hatten wir die Vorgeschichte des Romans erhalten: Eine Jupiterstation droht abzustürzen, kurzfristig muss eine Expedition zusammengestellt werden, um sie zu retten. Jeder von uns dachte sich Personen aus, Ideen für die Handlung wie für die Vorgeschichte, vor Wolfenbüttel darüber zu diskutieren, war allerdings verboten. Schließlich sollten wir möglichst viele „unzensierte“ Ideen mitbringen.
Am Sonntag um zwölf war es geschafft. Auf zahlreichen Stellwänden waren die fertigen Szenen aufgepinnt, ein eigenes Board war dem Konzept vorbehalten, wo verschiedenfarbige Zettel (für jede Perspektivperson eine) kurz beschrieben, was in den Szenen passieren sollte.
Was hat es gebracht? Das Gefühl, etwas geleistet zu haben, das vorher noch keiner getan hat? Sicher, auch. So wie ein Bergsteiger, der vor einer zweitausend Meter hohen Wand steht, die vor ihm noch keiner bestiegen hat. Werde ich das schaffen? Reicht mein Können, meine Erfahrung dafür? Und was wird mir beim Klettern begegnen?
Das Können war denn auch eine zentrale Frage bei diesem Seminar. Schließlich waren wir alle schon oft auf den Romanseminaren in Wolfenbüttel gewesen. Insofern war es auch ein „Test“. Was hatten wir gelernt? Können wir auf Befehl schreiben, ist die tickende Uhr und eine Vorbesprechung, in der die Szenen und die Handlung diskutiert werden, genug Ansporn, um mindestens fünf Seiten leeres Papier mit sinnvollem Text zu füllen? In durchschnittlich zwei bis drei Stunden?
Erstaunlicherweise lautete die Antwort: Ja. Die Geschichte wurde in vier Teile geteilt (bis Plotpoint I, bis zum Wendepunkt, bis Plotpoint II und Schluss) und dann ging es in die Diskussion. Jeder der vier Teile, jeder Akt hatte fünfzehn Szenen, die gemeinsam besprochen wurden, um den Rahmen festzulegen. Dass die Besprechungen im Stehen stattfanden, verkürzten die Diskussionen. Aber trotzdem erstaunlich, wie gut die Zusammenarbeit zwischen uns klappte. Keiner versuchte, seine Lösung auf Biegen und Brechen durchzusetzen, im Gegenteil. Oft wurde ein Vorschlag von einem anderem aufgegriffen und weiterentwickelt. Autoren sind von Natur aus eitel, heißt es, aber Wolfenbüttel zeigte eben auch, dass sie durchaus zusammenarbeiten können.
Und Diskussion und tickende Uhr setzte den inneren Zensor außer Kraft, diesen heimtückischen Gesellen, der schon manches Meisterwerk zu verhindern wusste. Keine Zeit für Skrupel, keine Zeit, um zu überlegen, „ob das gut ist“, was ich schreibe. Ich muss schreiben! Korrigieren, Feilen, den Zensor seine Arbeit machen lassen, das kann man hinterher immer noch.
Übrigens sind viele Werke der Weltliteratur so entstanden. Georges Simenon schrieb seine Maigret-Krimis oft in wenigen Tagen. Wolfgang Borchert hackte „Draußen vor der Tür“ in wenig mehr als ein Woche in die Schreibmaschine (eine mechanische, versteht sich!). Und auch Fahrenheit 451 entstand in wenigen Tagen.
Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Manches Buch braucht einfach Zeit. „Die dunkle Seite der Liebe“ kostete Rafik Schami von der ersten Idee Ende der Sechziger Jahre bis zur Fertigstellung im Herbst 2004 über 35 Jahre. Trotzdem ist schnell schreiben manchmal das beste Mittel gegen den gefürchteten Writer’s block. Und manches, was so schnell geschrieben wurde, hat vorher monatelang im Kopf des Autors gegärt. Auch bei uns war das nicht anders. Die Vorgeschichte, die Aufgabe, uns mögliche Personen und Handlungen auszudenken, das alles wurde uns bereits im November zugesandt. Damit unser Unterbewusstsein schon mal Funken sprühen, Ideen produzieren konnte. Es hat jedenfalls funktioniert.
Ziemlich anstrengend war es trotzdem, an einem Wochenende diesen Roman zu schreiben. Selbst wenn vierzehn andere dabei helfen. Manche bis drei Uhr nachts und morgens um 8 ging’s dann weiter. Entstanden ist sicher nicht *das* Buch des Jahres, aber ein lesbarer SF-Roman, nicht schlechter als viele andere Space-Operas.
Er habe uns auch zeigen wollen, dass wir jetzt auf einen Füßen stehen – bzw auf eigenen Tastaturen schreiben – könnten, verriet Andreas uns hinterher. Die Seminare seien nicht umsonst gewesen. Aber jetzt gelte es, dass jeder von uns weitermache. Dass wir schreiben können, hätten wir bewiesen.
Haben wir? Ein bisschen schon. Vielleicht sogar etwas mehr als ein bisschen. Jedenfalls war es nicht nur ein Rekordversuch, sondern auch ein Gesellenstück.
Und das Handwerkliche stand auch im Vordergrund. Je drei von uns bildeten eine Gruppe, die eine Person des Romans „betreute“, deren Szenen schrieb. Verblüffend, die Dynamik in diesen Gruppen zu beobachten. Schon bald identifizierten sich die Autoren mit ihren Figuren. Einer der Figuren, ein Journalist, hatte vor fünfzehn Jahren ein Techtelmechtel mit einer der mitfliegenden Technikerinnen und wollte dies jetzt wieder aufleben lassen. „Llami und Solo müssen sich kriegen“, verlangten die Autoren des Journalisten. Doch die Schreiber, die die Technikerin betreuten, sahen das – genau wie ihre Figur – durchaus anders. Aus diesem Gegensatz entwickelten sich denn auch einige spannende Szenen.
Wie es ausging? Kriegen sich die beiden? Nein, das verrat ich jetzt nicht. Denn das fertige Produkt wird auf jeden Fall verlegt werden. Entweder in einem normalen Verlag oder in der Schriftenreihe der Bundesakademie.
Noch eine andere Beobachtung: Als erstes legten wir die beteiligten Personen fest. Und aus diesen Personen entwickelte sich unser Plot. Wieder einmal zeigte es sich, wie wichtig Personen für eine Geschichte sind, dass es wenig Sinn macht, einfach einen Plot zu spinnen, in den man dann „passende“ Personen einfügt. Und je weiter das Projekt gediehen war, je mehr Szenen bereits geplant und geschrieben worden waren, desto weniger Möglichkeiten gibt es. Am Ende ist vieles bereits durch die Personen und ihre Szenen vorgegeben.
Ein großes Dankeschön jedenfalls an unsere Kursleiter, Andreas Eschbach und Klaus Frick, deren Romanseminare in Wolfenbüttel mittlerweile Kult geworden sind. Möge die Feder weiter mit euch sein und ihr vielen anderen das beibringen, was ihr uns beigebracht habt.
Berichte der Kursleiter findet ihr unter:
Andreas Eschbach
Klaus Frick
Und hier die Adressen der Berichte einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
Petra Vennekohl
Jürgen Baumgarten
Wolf Dorn