“Lesbar! Lesbar! Lesbar!”

Interview mit Michael Meller

Michael Meller ist seit 1988 einer der bekanntesten deutschen Literaturagenten, seine Agentur vertrat als erste Agentur in Deutschland ganz gezielt sowohl in- wie ausländische Autoren (http://www.melleragency.com).

 

Hans Peter Roentgen: Was leistet Ihre Agentur für Autoren? Und welche Leistungen gehören nicht zu Ihren Aufgaben?

Michael Meller: Die Agentur ist ein Dienstleister. In Zeiten von ständig wechselndem Personal in den Verlagen (und Filmproduktionen) ist es die Agentur, die zum einen den Überblick behält und zum anderen zum verlässlichen Ankerplatz der Autoren wird. Außerdem übernimmt sie Aufgaben, die die meisten Autoren nur ungern ausüben: Verträge verhandeln, Geld eintreiben, Termine kontrollieren etc. Abgesehen davon prüfen Lektorate von Agenten eingesandte Manuskripte eher, da sie wissen, dass wir schon als positiver Filter agieren.

Ganz bestimmt ist die Agentur kein PR-Agent oder der persönliche Dienstleister des Autors. (Wir hatten mal einen Fall, wo ein Autor annahm, wir würden auch die Urlaubsflüge für ihn und seine Freundin buchen, und dann empört von dannen ging bzw. gar nicht erst andockte!)

 

Hans Peter Roentgen: Wie kommt ein Literaturagent an neue Autoren?

Michael Meller: Auf den verschiedensten Wegen: Empfehlungen, direkte Anfragen von Autoren, direktes Ansprechen von Autoren, vor allem wenn es um Sachbuchthemen geht, da sehr oft eine Idee in der Agentur entsteht und man nach dem geeigneten Autor sucht. Wir haben auch schon Kinder- und Jugendbuch-Projekte mit unseren und neuen Autoren generiert.

 

Hans Peter Roentgen: Wie viele unverlangte Manuskripte erhalten Sie so im Durchschnitt? Wie viele davon nehmen Sie an?

Michael Meller: Ca. 5 - 10 pro Tag. Dabei eine Warnung: Alles, was an “Sehr geehrte Damen und Herren” oder “Sehr geehrte Agentur” adressiert ist, landet ungelesen im Papierkorb bzw. wird ungelesen zurückgeschickt (falls Rückporto beigefügt wird - was immer zu empfehlen ist). Warum? Wem etwas so Wichtiges wie sein Manuskript es nicht wert ist, sicherzustellen, dass es an die richtige Person geht, der kann selber keine besonders hohe Meinung von seinem Werk haben; warum sollen wir dann unsere Zeit damit verschwenden!

Im Schnitt sind weniger als 1 % der unverlangten Manuskripte gut bzw. interessant  genug, um angenommen zu werden bzw. um darüber mit dem Autor zu sprechen.

 

Hans Peter Roentgen: Ist Ihre Agentur wie viele andere auf bestimmte Genres spezialisiert, oder betreuen Sie das ganze Spektrum? Gibt es Sparten, die Sie auf keinen Fall betreuen?

Michael Meller: Im Englischen würde man sagen: We have got a “catholic” taste! Was wir nicht machen, weil wir es nicht können und verstehen, sind: Lyrik, Theaterstücke,  Drehbücher ohne Romanvorlage.

Unsere Stärken sind: Belletristik, allgemeines Sachbuch, Management-Themen – wir haben auch schon mal ein sehr erfolgreiches Labor-Handbuch vermittelt –, Ratgeber und Kinder- und Jugendbuch.

 

Hans Peter Roentgen: Welche Kosten entstehen einem Autor, wenn Sie einwilligen, ihn zu vertreten?

Michael Meller: Abgesehen von den Materialkosten (Zurverfügungstellung von Manuskriptkopien, Illustrationen etc.) zuerst einmal gar keine. Wenn es zu einem Vertrag mit einem Verlag kommt, erhält die Agentur 15 % aller Einnahmen aus diesem Vertrag. Falls es zu keinem positiven Resultat kommt, dann ist das das Geschäftsrisiko der Agentur.

 

Hans Peter Roentgen: Betreuen Sie Ihre Autoren auch inhaltlich, überarbeiten oder lektorieren Sie auch die Texte?

Michael Meller: Jein – wir beraten, aber wir lektorieren nicht.

 

Hans Peter Roentgen: Manche nennen Sie den besten deutschen Agenten, andere behaupten, Sie würden Ihre Autoren mit Haut und Haaren verkaufen. Wie sehen Sie sich selbst?

Michael Meller: Das erste Kompliment nehme ich gerne an; der Agent muss dem Autor alle Vorschläge und Vertragsdetails vorlegen, aber “ja” sagt der Autor. Also kann  nur der Autor sich selbst mit Haut und Haar verkaufen. Was aber nicht geschieht, wenn er einen guten Agenten hat!

 

Hans Peter Roentgen: Gibt es bestimmte Dinge, die ein Manuskript erfüllen muss, um verkäuflich zu sein?

Michael Meller: Lesbar! Lesbar! Lesbar! Und es sollte eine gute Geschichte und / oder ein gutes Thema sein. Und bitte keine Botschaften verbreiten – dafür gibt es die Bibel.

 

Hans Peter Roentgen: Wie wird ein Buch ein Bestseller? Durch Werbung? Durch bestimmte Elemente, die jeden Bestseller auszeichnen? Oder lässt sich das gar nicht sagen?

Michael Meller: In 98 % der Fälle kann man Erstbestseller (Harry Potter 6 ist klaro) nicht voraussagen. Allerdings gibt es einige verblüffende Beispiele von “Retorten”-Bestsellern. Das Geheimnis aller Bestseller ist die Mundpropaganda oder die Empfehlung einer Persönlichkeit, der man ein Urteil zutraut. Auch das Fernsehen spielt eine immer wichtigere Rolle.

Werbung kann höchstens ein schon gut verkauftes Buch noch schneller weiterbefördern. Die teuerste Werbung kann ein Buch, das die Käufer nicht annehmen, auch nicht verkaufen.

 

Hans Peter Roentgen: In der Branche gibt es wie überall Faustregeln. Zum Beispiel: „Die meisten Leser sind Frauen, also ist es immer gut, wenn der Held eine Frau ist.“ Haben Sie solche Regeln, nach denen Sie arbeiten?

Michael Meller: Und ich dachte immer, Frauen läsen gerne über Männer ...

 

Hans Peter Roentgen: Manche empfehlen Autoren, bewusst auf den Markt hin zu schreiben, aktuelle Themen und Genres zu wählen. Andere – darunter Stephen King - behaupten, das sei gar nicht möglich, weil jeder Autor „sein Thema“ habe, und wenn er bewusst auf den Markt zu schreibe, käme nur Schund raus. Wie steht Michael Meller dazu?

Michael Meller:  Stephen King hat Recht.

Ausnahmen gibt es aber im Sachbuchsektor mit so genannten Schnellschüssen, die sich an einen Trend anhängen.

 

Hans Peter Roentgen: Der Markt orientiere sich immer mehr an gängigen Büchern, die nach dem gleichen Strickmuster geschrieben seien, McDonalds-Literatur sozusagen, klagen viele. Teilen Sie diese Meinung?

Michael Meller: Die meisten erfolgreichen Titel kommen aus unerwarteten Ecken. Allen (!) Nr.-1-Bestsellern unserer Agentur waren ursprünglich wenig Chancen eingeräumt worden (Rut Brandts Memoiren / Al Gores Buch / Andrew Mortons erstem “Diana”-Buch / Frank McCourts “Die Asche meiner Mutter” / Jonathan Franzens “Korrekturen” / Rebecca Gablés historischen Romanen / von Carmen Thomas’ Urin-Buch ganz zu schweigen!, um nur einige zu nennen).

Wenn es denn diese McDonalds-Literatur gäbe, wären wir alle schon reich und im Ruhestand.

 

Hans Peter Roentgen: Wieweit kann man Schreiben lernen? Durch Schreibwerkstätten? Durch Schreibbücher? Durch Diskussionsgruppen, im Internet oder vor Ort?

Michael Meller: Gute Schreibwerkstätten sind durchaus zu empfehlen, es gibt auch einige exzellente Anleitungsbücher (z. B. Sol Stein “Über das Schreiben”, Zweitausendeins) - eben einfach alles, was das Handwerkliche fördert, denn dann erst kann die Kreativität greifen.

 

Hans Peter Roentgen: Gibt es Fragen, die sich ein Autor auf jeden Fall stellen und beantworten sollte, bevor er seine Manuskripte an Verlage und Agenten verschickt? Lohnt es sich überhaupt, unverlangt Manuskripte zu versenden?

Michael Meller: Ja. Frage 1: Ist mein Manuskript in einer Form, die es dem Agenten / Lektor leicht zugänglich macht (also: 28 - 30 Zeilen a 60 Anschläge pro Seite, einseitig beschrieben und nicht gebunden)? Frage 2: Wen außer mir, meinen Eltern und Freunden will ich als Leser gewinnen?

 

Hans Peter Roentgen: Lohnt es sich überhaupt, unverlangt Manuskripte zu versenden?

Michael Meller: Unverlangt ist immer Lotterie. Warum nicht vorher anrufen oder eine Mail schicken?

 

Hans Peter Roentgen: Ein Großteil der Neuerscheinungen sind Übersetzungen aus dem Angloamerikanischen. Woran liegt das? Sind die Amerikaner besser? Oder haben sie eine bessere Schreibausbildung? Oder lässt sich die Übersetzung eines erfolgreichen Buches einfacher kalkulieren, birgt weniger Risiko?

Michael Meller: Zweifellos haben die Amerikaner im Durchschnitt die bessere Schreibausbildung, da sie das  pragmatisch angehen. Und ganz bestimmt fällt es einem Lektor hier auch oft leichter, zu etwas “ja” zu sagen, zu dem schon ein anderer “ja” gesagt hat; da existiert eine positive Vorauswahl. Das Risiko jedoch bleibt dasselbe.

 

Hans Peter Roentgen: Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, das ein/e Nachwuchsautor/in beachten sollte?

Michael Meller: Schreiben ist Arbeit! Wenn man erfolgreich sein will, muss man ungemein diszipliniert sein. Die meisten Autoren vergessen, dass es zigtausende von anderen Autoren gibt, die auch einen Platz an Sonne haben wollen. Alle unserer erfolgreichen Klienten, ohne Ausnahme, betreiben das Schreiben so wie das tägliche Zur-Arbeit-Gehen.

Unser extremster Fall eines dann sehr erfolgreichen Romans und einer seitdem sehr erfolgreichen Autorin war ein Manuskript, das neunmal bis zu Veröffentlichung verbessert und umgeschrieben werden musste. Perfekte Manuskripte gibt es eben nicht.

 

Hans Peter Roentgen: Eines Morgens wachen Sie auf, eine wunderschöne Fee steht neben Ihnen und sagt: „Sie haben sich so um den Buchmarkt verdient gemacht, dafür haben Sie einen Wunsch frei.“ Was wünscht sich Michael Meller?

Michael Meller: Eine Fee mit drei Wünschen frei.

 

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

 

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