Beispiel TeXXS-Ray

Hier findet ihr ein Beispiel unserer für TeXXS-Ray, das auch im Autorenmagazin tempest veröffentlicht wurde. Zunächst seht ihr den Text, mit {1}, {2} haben wir Stellen markiert, zu denen wir Anmerkungen haben.

Auf den nächsten Seiten findet ihr unsere Kommentare und Anmerkungen.  

 

 Der Mord der Athene

Ich saß in meinem Büro und popelte in der Nase, als die Tür aufging. Ein großer, schlanker Mann in Anzug trat herein. Ohne anzuklopfen. Die Trine am Empfang hatte wieder in ihren Modezeitungen geblättert, statt ihn mir oben zu melden. Sie boykottierte mich, wo sie konnte. Der Mann kam auf mich zu und knallte ein Stück Papier auf den Schreibtisch. "Da, schauen Sie sich das an. Das ist der Gipfel der Unverschämtheit." {1}

"Bitte nehmen Sie doch Platz. Was kann ich für Sie tun?" Höflichkeit ist eine Waffe. Während der Mann seinen Körper zusammenfaltete und in den Besucherstuhl sank, betrachtete ich das Stück Papier. Es war ein Zeitungsausschnitt mit einer Todesanzeige {2}. Heribert Knettenbrech, geboren am 3. November 1949, gestorben am 5. April 2004. In tiefer Trauer, seine Kollegen und Mitarbeiter. "Und?" Ich blickte auf. "Hat nicht gerade ein biblisches Alter erreicht."

Der Mann sprang auf: "Ich bin Heribert Knettenbrech, Professor Heribert Knettenbrech. Und ich bin quicklebendig, wie Sie sehen!"

Gut, es war eine unschöne Sache, seinen eigenen Namen auf einer Todesanzeige zu finden, aber musste er deshalb so schreien? "Bitte, setzen Sie sich doch."

Der Besucherstuhl, ein Freischwinger, sank unter dem Gewicht Knettenbrechs in die Knie. "Ich lebe noch, und zwar sehr gerne! Aber hier lese ich meine Todesanzeige, mit meinem Geburtsdatum." Knettenbrech schlug mit der Hand auf das Papier. "Das macht mich zum Gespött der Leute. Was glauben Sie, was ich von meinen Kollegen zu hören bekomme."

Knettenbrech erklärte, er habe die Zeitung angerufen und sich über die Anzeige beschwert, doch dort habe man nicht für ihn tun können. Die Anzeige sei am Telefon aufgegeben worden, wie viele andere. Auf Knettenbrechs Drängen war die Zeitung bereit gewesen, in der kommenden Wochenendausgabe eine Kurzmeldung als Richtigstellung zu drucken. "Eine Kurzmeldung", schnaubte Knettenbrech. Dann blickte er mir zum ersten Mal direkt ins die Augen.

Er hatte himmelblaue Augen, ohne jeden Stich ins Grüne oder Braune. Jetzt lag ein Anflug von Angst {3} in diesen Augen. "Heute morgen wurde ein Kranz für mich abgegeben. Bei mir zuhause. Meine Frau war an der Tür."

"Haben Sie eine Vermutung, wer dahinter steckt?" Eine Anzeige und ein Kranz, das konnte man als Scherz abtun, aber irgend jemand hatte eine Menge Energie aufgewandt, um dem Professor einen Streich zu spielen.

Knettenbrech vermutete, dass der Täter aus seinem beruflichen Umfeld stammte. Genau so drückte er sich aus. Sein berufliches Umfeld, das war das Orient-Institut der Uni Frankfurt. Knettenbrech {4} sagte, er habe eine Menge Neider, denn er sei einer der bekanntesten Turkologen und Orientexperten überhaupt.

"Ich denke, es ist ein dummer Scherz und Sie finden schnell heraus, wer mich lächerlich machen will."

Knettenbrech {4} schlug vor, ich solle eine Weile als Hilfskraft an seinem Institut arbeiten. Die Bibliothekarin würde froh sein, Unterstützung zu bekommen. So könnte ich, ohne Aufsehen zu erregen, das berufliche Umfeld des Professor Knettenbrech kennenlernen. Sein Institut war nur wenige Straßen entfernt von meinem Büro hier im Westend. Ich nannte Knettenbrech mein Honorar, nachdem ich auf den Höchstsatz noch 20 Prozent aufgeschlagen hatte. {5}

Er akzeptierte die Summe ohne Zögern. " Wie darf ich Sie anreden: Gräfin von Klier, ist das richtig?" Knettenbrech schien seine Wut vergessen zu haben. Er hatte eine Aufgabe delegiert, wie er es gewohnt war. Die Anzeige, die eine versteckte Todesdrohung enthielt, belastete ihn jetzt weniger. {6}

Leider musste ich ihn aufklären, dass ich weder Gräfin noch Freifrau bin. "Gräfin von Klier führt die Anwaltskanzlei unten im Erdgeschoss. Wir sind Partnerinnen Mein Name ist Sandra Isolde Zerweck."

Knettenbrech schien {7} enttäuscht. Er hatte meine Detektei aufgesucht, weil der Adelstitel ihm Respekt einflößte, darauf würde ich wetten. {8}

Als Freya und ich unsere Büros einrichteten, hatten wir genau auf diesen Effekt spekuliert. Ihr Name würde Klienten anziehen. Sie vertrat hauptsächlich Frauen in Scheidungsfragen und bei Sorgerechtsklagen, wobei ich ihr hin und wieder mit Nachforschungen half.

Ich unterstützte außerdem einige Personalfirmen bei der Routinearbeit. Zeugnisse mussten überprüft werden, manchmal ging es um das Image von Bewerbern.

Knettenbrechs Auftrag rettete mich in den nächsten Tagen vor der langweiligen Routinearbeit.

Als er sich verabschiedete und zur Tür ging, wies sein Anzug keine einzige Knitterfalte auf. Er musste aus Vollsynthetik sein - oder maßgeschneidert. {9} Ich trug wie immer ein kariertes Herrenhemd und eine schwarze Jeans, dazu Turnschuhe. Seit meinen Zeiten als Punkerin hatte sich mein Geschmack in Sachen Klamotten wenig geändert. Von Geschmack konnte eigentlich nicht wirklich die Rede sein, statt des ständigen Schwarz und Grau erlaubte ich mir neuerdings etwas Farbe. Die karierten Herrenhemden hatte ich im Dreierpack erstanden, sie waren flauschig weich, schön warm und leicht zu waschen.

Knettenbrech durfte bei einer Privatdetektivin eben nicht zu viel Modisches erwarten. Während ich über die Todesanzeige nachdachte, merkte ich, dass mein Finger schon wieder seinen Weg in die Nase gefunden hatte. Erst wenn die Nase so richtig frei ist, kann man logisch denken. Morgen würde ich Knettenbrechs feine Kollegen kennen lernen, die ihn am liebsten im Grab sahen.

Ich raffte mich auf und ging ins Erdgeschoss in Freyas Kanzlei. Am Wartezimmer konnte ich sehen, wie es mit Freyas Umsatz bestellt war: Im Wartezimmer die bunter Mischung von Klientinnen. Die Fraktion der Blaublütigen und die, die das Frauenhaus geschickt hatte, waren nicht nur Äußerlich leicht zu unterscheiden, sie mieden sich auch im Warteraum. Fein säuberlich getrennt, scharten sich die Adligen um die Espressomaschine, während die mit den müden Dauerwellen in der Nähe der Tür auf den Stuhlkanten kauerten, ohne jemand in die Augen zu sehen. War die Ecke an der Kaffeemaschine gut besetzt, dann rollte der Rubel.

Ich ignorierte die Trine am Empfang {10}, die in der Vogue blätterte, und ging direkt zu Freyas Arbeitszimmer.

"Frau von Klier hat eine Besprechung." Die Trine am Empfang war aus ihrer Versenkung in das Modeblatt erwacht. Ich ignorierte sie und steckte meinen Kopf durch den Türspalt. "Hi Sandy, in zehn Minuten beim Bäcker?"

Freya saß mit einer verheulten Frau in grünen Hosen am Besuchertisch, einer reizenden Glaskonstruktion. Ich zwinkerte ihr zu, stolzierte wieder an der Empfangstrine vorbei und ging zum Bäcker gegenüber. Hinter der Glastheke krümmten sich trockene Blätterteigstückchen neben Körnerbrötchen, die sich nur durch künstliche Aromastoffe von Plastikattrappen aus dem Spielzeugladen unterschieden.

"Einen Cappucino!" Das Mädchen hinter der Theke war froh, sich bewegen zu können. "Machen Sie gleich zwei, bitte". Freya schwang sich auf den Hocker mir gegenüber. "Na, neuer Klient?"

Sie hatte Knettenbrechs elegante Gestalt durchs Treppenhaus gehen sehen. {11} "Ein Prof, der tot gesagt wurde Man hat seine Todesanzeige in die Zeitung gesetzt.."

Freya pfiff durch die Zähne. Das hätte ich auch gerne gekonnt, aber bei mir kam nur ein Zischen heraus.  Ich schlürfte am Cappucino und verbrannte mir die Zunge. "Ich soll an der Uni Nachforschungen anstellen."

"Du an der Uni!" Freya grinste provozierend. " Du kennst doch höchstens die Mensacafete."

"Na und? Ein fremder Blick entdeckt oft mehr als ein Insider!"

"Wahrscheinlich hat er seine Sekretärin gefickt und die Ehefrau rächt sich". Freya hatte einen berufsmäßig etwas verengten Blick auf das Paarungsverhalten. Da sie nur die Trümmer gescheiterter Ehen verwaltete {12}, konnte sie sich Ehemänner nicht mehr anders als untreu vorstellen.

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