“Mir ist die Konstruktion der Geschichte extrem
wichtig”
Interview mit
Andreas Wilhelm
Andreas Wilhelm hat zwei
Sachbücher für Kinder und Jugendliche und einen Jugendroman geschrieben. Jetzt
legt er seinen ersten Thriller vor, den der Limes Verlag zu seinem Spitzentitel
im Februar machte: Projekt
Babylon.
Hans Peter Roentgen: Du hast Sachbücher vor deinem Thriller geschrieben. Wie bist du zu
einem Thriller gekommen? War es einfach ein Einfall von dir, oder hat dich
jemand darauf angesprochen?
Andreas Wilhelm:
Dazu muss man wissen, dass meine Beschäftigung mit geschichtlichen Themen,
Mysterien vergangener Kulturen und den Geheimnissen fremder Länder und
vergangener Zeiten schon wesentlich weiter zurück reicht. Die Kinder- und
Jugendbücher ergaben sich alle drei "von allein", ohne dass ich es
darauf abgesehen gehabt hätte, mich in diesem Bereich zu etablieren. Bereits
seit meiner Schulzeit hatte ich den Drang, Bücher zu schreiben, aber immer in
dem Bewusstsein, dass es ein hartes Brot und selbst mäßiger Erfolg alles andere
als selbstverständlich wäre. Erst nachdem ich meine ersten drei Titel
veröffentlich hatte, reifte der Entschluss, nun das "eigentliche"
Ziel anzugehen, nämlich Bücher über die Themen, die mich selbst beschäftigen.
Hans Peter Roentgen: Wenn du deine Sachbücher mit dem Triller vergleichst: Was sind die
Unterschiede zwischen Sachbuch- und Thrillerschreiben? War der Umstieg
schwierig?
Andreas Wilhelm:
Ich hatte schon immer eine ausgeprägte narrative Ader; in der Schule bin ich
mit meinen Aufsätzen nie fertig geworden, habe früh angefangen, Geschichten zu
schreiben, habe oft lange Briefe geschrieben, und wer mich kennt, der kennt
auch meinen Hang zur epischen E-Mail. Beruflich habe ich stets viel erklärt und
dokumentiert, analysiert, konzipiert und Wissen vermittelt. Für mich ist der Einsatz
von narrativen und dramaturgischen Techniken in Sachtexten notwendig, und die
besten und erfolgreichsten Sachbücher stehen Thrillern in nichts nach.
Natürlich ist das Schreiben eines Romans eine gänzlich andere Welt und stellt
völlig andere Anforderungen, aber dabei hat mir meine strukturierte
Herangehensweise eher geholfen, als dass sie mich behindert hätte.
Hans Peter Roentgen: Limes hat zahlreiche weltbekannte Autoren unter Vertrag. Wie kam es,
dass sie dich als Newcomer direkt zum Spitzentitel machten?
Andreas Wilhelm:
"Direkt" ist hierbei der Schlüssel. Denn tatsächlich hat mein
Manuskript beim Verlag einige Zeit auf den richtigen Augenblick und den
richtigen Programmplatz gewartet. Und diese Zeit war auch keine verlorene Zeit,
denn hier konnten Ideen reifen und auch das Manuskript und seine Inhalte eine
gewisse Strahlung entwickeln. Es ist wahr, dass mein Agent mich bereits wenige
Tage nach meiner ersten Anfrage und 200 gelesenen Seiten unter Vertrag genommen
hat und dass bereits wenige Wochen später die Verträge mit Random House
geschlossen wurden. Aber erst zwei Jahre später diffundierten die Inhalte,
Ideen und geplanten Aktivitäten nach und nach durch alle Abteilungen des
Verlags, immer mehr Menschen trugen begeistert Teile dazu bei, und so kam
schließlich etwas dabei heraus, das alle meine kühnsten Vorstellungen übertraf.
Ich fühle mich geehrt, dass ich nicht nur bei meinem Agent und im Verlag in der
Reihe so vieler prominenter Namen stehen darf, sondern immer wieder auch
verlegen, dass man so viel Erwartung und Vertrauen in mich setzt.
Hans Peter Roentgen: Gab es im Verlag dann noch mal ein Lektorat? Wie lange dauerte das?
Was war da der Schwerpunkt?
Andreas Wilhelm:
Ja, natürlich. Ein dreistufiges, um genau zu sein. Beim ersten Durchlauf, recht
kurz nach der Abgabe, machte mich meine Lektorin auf Lücken und Unstimmigkeiten
aufmerksam, wies darauf hin, an welchen Stellen bestimmte Beschreibungen zu
dünn oder zu weitschweifig waren oder wo die Motivation bestimmter
Protagonisten nicht deutlich genug wurde.
Größere inhaltliche Mängel oder umfangreiche Änderungswünsche gab es
keine, aber sonst hätte man vielleicht auch nicht so beherzt zugegriffen.
Der zweite Lektorats-Durchlauf betraf Stil, Ausdruck und
Rechtschreibung. Alle Änderungsvorschläge und Korrekturen erhielt ich
handschriftlich und habe sie einzeln angenommen oder im Zweifelsfall mit meiner
Lektorin besprochen. Und im dritten Durchlauf haben wir mit vier Personen das
fertig gesetzte Manuskript ein letztes Mal geprüft und die Ergebnisse zusammengeführt.
Hans Peter Roentgen: Welche Regeln muss man beachten, wenn man Thriller schreibt? Gibt es
welche, die du dir selbst setzt? Hatte der Verlag Vorgaben?
Andreas Wilhelm:
Zunächst einmal: Vorgaben vom Verlag gab es keine, da das Manuskript bereits
fertig war. Was nicht heißen soll, dass es keine gäbe, nur sind keine an mich
herangetragen worden, so dass ich das nicht mit Sicherheit beantworten kann.
Zum Thema ob und welche Regeln es gibt, findet man unzählige Lehrbücher
und eine ebenso große Zahl anderer Quellen, die das Gegenteil behaupten. Ich
bin inzwischen der Ansicht, dass es viel zu sehr mit dem persönlichen Stil, den
eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Anspruch und dem speziellen Buch, das man
schreibt, zu tun hat, als dass man solche Regeln in Stein meißeln könnte.
Ich denke, Anfänger sollten das Handwerk wenigstens einmal theoretisch
lernen und dann selbst ausprobieren und entscheiden, welche Regeln für sie
funktionieren und welche nicht. Vieles befolgt man intuitiv, wenn man ein
Gespür für Sprache und Geschichten hat.
Persönlich ist mir wichtig, den Leser nicht zu langweilen, dass also
die Geschehnisse in sich interessant sind, die Personen, die Dialoge, die
kausalen Zusammenhänge. Ich mag Geschichten, die Kreise beschreiben, ich mag
eine gute Auflösung, ich mag klassische Strukturen, Konflikte, scheinbare
Ruhepausen, plötzliche Wendungen und Zuspitzungen. Ich versuche dabei
klischeehafte oder vorhersehbare Konstruktionen weitestgehend zu vermeiden.
Darin liegt für mich die Herausforderung bei der Entwicklung einer Geschichte.
Hans Peter Roentgen: Wie nützlich sind Schreibregeln, wie man sie in vielen
Schreibratgebern findet, wirklich?
Andreas Wilhelm:
Ja, die viel zitierten Schreibregeln ... Ich habe, wie gesagt, viele davon
gelesen und studiere diese Bücher auch gerne. Man sollte sie kennen, wenn man
nicht in jedes einzelne Schlagloch selbst hinein rauschen will, aber man muss
sie auch verstehen und wissen, wann und warum man davon abweichen sollte. Dazu
gehört ein natürliches Gespür für Sprache und fürs Geschichtenerzählen,
Individualität und Schreiberfahrung.
Hans Peter Roentgen: Einerseits folgt “Babylon” gängigen aktuellen Thrillermotiven. Da
taucht ein Geheimnis auf (eine Höhle mit einem unerklärlichen blauen Licht,
durch das man nicht gehen kann), da findet sich der Verweis auf alte Geschichte
(Katharer und Templer) und Mythen, die sich darum ranken. Auch die schöne junge
Wissenschaftlerin fehlt nicht. Andererseits
spielst du mit diesen Thrillerelementen, manches geht nicht den gewohnten Gang,
obendrein gibt es ein intellektuelles Verwirrspiel, ein Puzzle, das wesentlich
die Spannung des Buches ausmacht. War dieses Puzzle von vorneherein dein Plan?
Andreas Wilhelm:
Ja, das ganze Buch war von Anfang an exakt so geplant, wie es geworden ist. Ich
bin nicht spontan genug, um einfach drauflos zu schreiben. Mir ist die
Konstruktion der Geschichte, die Abfolge der Ereignisse, wann verrate ich was,
wie wird es langsam spannender, wann kommt welcher Handlungsstrang usw., extrem
wichtig. Daher erarbeite ich den gesamten Roman wie ein Architekt, bevor ich
die erste Zeile schreibe, und dann fange ich vorne an und höre hinten auf,
schreibe streng sequentiell, genau so, wie man es später liest. Umgestellt wird
hinterher nichts mehr.
Hans Peter Roentgen: Ergab es sich im Laufe des Schreibens, oder wurde es schon vorher
geplant?
Andreas Wilhelm:
Durch meine Detailplanung weiß ich genau vorher, welche Szene als Nächstes zu
schreiben ist. Natürlich ist auch meine beste Planung eher eine gut gemeinte
Wettervorhersage, denn je weiter das Konzept in die Zukunft blickt, umso
unsicherer werden die einzelnen Punkte. Während ich schreibe, passe ich also
öfter mal die künftigen Punkte im Konzept an. Aber es sind nur Kleinigkeiten.
Zum Beispiel plane ich die Abfolge der inhaltsvermittelnden oder dialoglastigen
Kapitel mit denen, in denen es eher spannend oder actionlastig zugeht, sehr
genau, um den Leser nicht einschlafen zu lassen und sinnvolle Cliffhanger
bieten zu können. Wenn mir nun eines dieser Kapitel länger oder kürzer gerät
als vermutet, kann es sein, dass ich in der weiteren Abfolge eine Umstellung
vornehme, um die Geschwindigkeit anzupassen.
Hans Peter Roentgen: Gibt es Genreregeln, die jeder Thrillerautor auf jeden Fall
beherzigen sollte?
Andreas Wilhelm:
Das weiß ich nicht. Ganz ehrlich. Ich hatte mir nicht ausdrücklich vorgenommen,
einen "Thriller" zu schreiben, oder mich informiert, wie man das am
besten anstellt. Ich hatte mir nur vorgenommen, einen spannenden, intelligenten
Roman zu schreiben, wie ich ihn selbst gerne lesen würde. Und so etwas in der
Art ist dann auch dabei herausgekommen.
Die Genrefrage ist wichtig, da die Kommunikation und der Vertrieb des
Verlags darauf ausgerichtet sind, ebenso wie Buchhändler und Leser. Daher
sollte man, wenn man ein bestimmtes Genre ausdrücklich anstrebt, sicher sein,
was in dem Genre machbar ist und was nicht. Und wenn man explizit und
selbstbewusst davon abweichen möchte, sollte man erklären können, warum dies
den Verkauf und die Akzeptanz des Buches erhöht. – Glücklicherweise musste ich
mich mit solchen Fragen nicht herumschlagen.
Hans Peter Roentgen: Noch vor wenigen Jahren legten sich deutsche Autoren in den Genres
Thriller und Fantasy amerikanische Pseudonyme zu, weil niemand Deutschen
zutraute, spannende Bücher zu schreiben. Mittlerweile scheint das anders zu
sein. Du, Eschbach, Funke und viele anderen schreiben unter ihrem Namen.
Schreiben deutsche Autoren mittlerweile spannender? Hat sich der Markt für
deutsche Bücher bei Thrillern und Fantasy gewandelt? Oder sind es die
steigenden Vorauszahlungen für amerikanische Lizenzausgaben, die Verlage
vermehrt auch deutsche Autoren berücksichtigen lässt?
Andreas Wilhelm:
Es ist gut möglich, dass deutsche Autoren sich in den letzten Jahren
weiterentwickelt haben. Inhaltlich hat eine gewisse Abkehr von der
innerdeutschen – meist historischen – Bauchnabelschau stattgefunden, verbrämt
und immer irgendwie bedeutungsvoll und gewichtig, sozialkritisch, moralisierend.
Wer als Leser Unterhaltung suchte, der wusste, dass er mit einem
angelsächsischen Autor das umgehen konnte und wahrscheinlich eher einen
fesselnden und unterhaltenden Roman erwischen würde. Ein englisches Pseudonym
war für den Autor also gewissermaßen eine Flucht aus einer verstaubten
Schublade.
Inzwischen gibt es offenbar ein neues Selbstverständnis deutscher
Autoren. Publikum und Themen haben sich geändert. Die Verlage haben ihre
Qualitäten entdeckt und die Chancen, die sich nur bieten, wenn man statt auf
eingekaufte Lizenzen auf einen "eigenen" Autor zugreifen kann, den
man aufbauen und vermarkten kann.
Hans Peter Roentgen: Vor einem Jahr hast du das Autorenforum Montségur gegründet. Was hast du damit
bezweckt? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Andreas Wilhelm:
Schon Jahre vor meiner ersten Veröffentlichung las ich haufenweise Bücher über
das Schreiben und bewunderte die amerikanische Herangehensweise, wo Schreiben
ebenso wie hierzulande Malen als Handwerk an Schulen und Akademien, in Kursen
und Camps gelehrt wird. Ich habe "Writer's Digest" verschlungen und
suchte nach einem Pendant in Deutschland. Der nächste nahe liegende Gedanke
war: Dann schreibst du das eben selbst. Tatsächlich maße ich mir aber nicht an,
hier mehr zu wissen als andere, ich könnte nur meine eigene Meinung
weitergeben. Das Vorbild einiger Foren im Internet brachte mich darauf, dass
der beste Weg, eine solche Quelle des Wissens für Autoren zu schaffen, der
wäre, die Autoren selbst erzählen zu lassen. Wer weiß mehr über das Schreiben
als ein Autor? Nun, einhundert Autoren oder dreihundert natürlich. Inzwischen
tummeln sich hier Bestsellerautoren, Preisträger, Lektoren, Übersetzer, Profis
und ambitionierte Einsteiger aller Genres.
Das Forum zeigt mir täglich, dass der Bedarf an Informationen, Rat und
Empfehlungen ungebrochen groß ist, dass es viele zentrale Fragen gibt, die
immer wieder gestellt werden, und dass andererseits im Detail jeder Autor eine
andere Antwort gibt und jeder Einsteiger seinen eigenen Weg finden muss.
Das Forum ist nicht für Hobbyschreiber und die ersten Schreib-Schritte
gedacht. Aber für ernsthaft ambitionierte Einsteiger ist das Forum ein erstes
Schnuppern und Betasten dessen, was als Nächstes auf einen zukommt, wenn man
professionell schreiben und veröffentlichen möchte. Und für die Profis ist das
Forum ein loses Netzwerk und schafft viele großartige Kontakte und
Möglichkeiten.
Hans Peter Roentgen: Welche Autoren liest du selbst im Moment am liebsten?
Andreas Wilhelm:
Ich muss ehrlich sagen, dass ich keinen Autor grundsätzlich lese. Es gibt
einige, deren Stil mir gefällt und von denen ich viel gelesen habe, aber auch
diese haben mitunter Bücher herausgebracht, die mich kalt gelassen haben. Daher
achte ich inzwischen eher darauf, ob mich das Thema des Buches interessiert.
Wenn es dann noch von einem Autor ist, den ich mag, umso besser. Stephen King
mag ich sehr, ich schätze seinen trockenen Humor und seine Beobachtungsgabe,
allerdings habe ich lange nichts mehr von ihm gelesen. Ich mag die Sprache von
T. C. Boyle (wobei mich “Drop City” neulich inhaltlich etwas unberührt
zurückgelassen hat), und das Gespann Preston / Child ist etwas Lockeres für den
Urlaub, für meinen Geschmack aber insgesamt etwas zu klischeehaft. Die Autoren,
die mir in den letzten Jahren besonders gefallen haben, sind Umberto Eco,
Michael Crichton, Neil Stephenson, Tad Williams, Chuck Palahniuk, Richard
Morgan und Akif Pirinçci.
Hans Peter Roentgen: Eines Nachts wachst du auf, eine wunderschöne Fee steht neben deinem
Bett und sagt: “Lieber Andreas, du hast so einen spannenden Thriller
geschrieben, dafür hast du einen Wunsch für den Thrillermarkt frei.” Was
wünscht sich Andreas Wilhelm?
Andreas Wilhelm:
An dieser Frage kommt wohl hier niemand vorbei. Einen speziellen Wunsch für den
Thrillermarkt habe ich gar nicht. Wohl aber einen etwas allgemeineren, nämlich
den, dass mehr Jugendliche die Lust am Lesen entdecken sollten. Das geht an die
Verantwortung aller Eltern, aber auch an die Lehrer und Lehrpläne, die fest
definierten Stoff vorsehen, der Jugendliche bestenfalls tödlich langweilt. Ich
bin passionierter Leser und Schreiber nicht wegen, sondern trotz des
Deutschunterrichts. Es darf nicht cool, witzig oder betonenswert sein, noch nie
ein Buch gelesen zu haben. Denn Bücher sind die Quelle unseres Wissens, sie
machen unsere Kultur aus, sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.
Aus: Tempest Februar 2006