Eine Lanze fürSchreibgruppen und Onlineforen brechen

Interview mit Alessandra Bernardi

AlessandraBernardi (http://www.alessandra-bernardi.at/) hat imSeptember 2006ihren ersten Roman „Die Tochter des Dogen“ über das mittelalterlicheVenedig veröffentlicht.
 

Hans Peter Roentgen:„Die Tochter des Dogen“ spielt im mittelalterlichen Venedig, das damalseine europäische Großmacht war. Romane über das Mittelalter gibtes viele, meist spielen sie in England, Frankreich oder Deutschland.Unterscheidet sich Venedig als historischer Hintergrund sehr davon?

Alessandra Bernardi:Für mich stand nie zur Diskussion, inwieweit sich Venedig mitseinerGeschichte von anderen Ländern abhebt. Mich reizte dieses Ediktdes Dogen,diese Verfügung, der den Glasbläsern untersagte, die Lagunezu verlassen.Zuerst verbannte man sie wegen der Brandgefahr, späterknechtete man sie, weildie Angst, dass die Männer diese Kunst außerhalbdes Landes verraten würden, sogroß war. Die Qualität und Kunst desMurano-Glases hat ja bis heute weltweiteinen sehr guten Ruf und bot inVerbindung mit dem Schicksal der Dogentochtereinen reizvollen Rahmen.Ich habe für den Roman nicht in allen Geschichtsbüchernbewusst nacheinem wenig genutzten Hintergrund gesucht. Es war eher so, dassmich dieGeschichte gefunden hat. Ein Glasbläser, der nicht tun darf, waserwill. Und die Tochter des Dogen, die nicht tun darf, was sie will.DieseGeschichte konnte nur in Venedig erzählt werden.

Hans Peter Roentgen: In deinem Roman spielt die historische „Promisio“ eine Rolle, dasVersprechen des Dogen, das ihn band.

Alessandra Bernardi:Promisio heißt zwar Versprechen, aber eigentlich war es garkeinVersprechen, sondern eine endlose Reihe von Pflichten und Rechten,die der Dogeeinhalten musste. Die Rechte wurden im Lauf der Zeit immerstärker beschnittenund die Pflichten geradezu grotesk.

Aberauch für die normale Bevölkerung gab es eine Unzahl an Edikten unddieganze Stadt war vom Geheimdienst unterlaufen, der darauf achtensollte,dass auch jede Bestimmung eingehalten wurde.

 

Hans Peter Roentgen: „Die Tochter des Dogen“ ist dein erstes veröffentlichtes Buch, Wardas auch das erste Buch, das Du geschrieben hast?

Alessandra Bernardi: Nein. Dieallererste Geschichte war eine Geschichte überZwerge für meineErstgeborene. Und das erste Buch, das in meiner hartnäckigenZeitentstanden ist, war ein Fantasyroman. Er wartet übrigens noch heuteaufeine angemessene Überarbeitung, die mir aber aufgrund aktuellererProjekte nochnicht gelungen ist.

 

Hans Peter Roentgen: Du hast den Text ja häufig überarbeitet, ganze Kapitel immer wiederneu geschrieben.

Alessandra Bernardi:Die erste Fassung kam relativ unvermittelt zustande. D.h.ohnegroßartigen Plot oder Szenenaufbau. Ich schrieb einfach darauf los,jedoch kamdann irgendwann das böse Erwachen. Es funktionierte überweite Strecken nichtso, wie es mir erdacht hatte. Oder die Motivationder Charaktere war nicht überZweifel und Verständnis erhaben. EineLektorin meinte, das hätte zu viel vonRomeo und Julia. Gut, das wollteich nicht. Ich wollte eine Liebesgeschichte,aber keinen Abklatsch vondieser tragischen Geschichte, die ich selbst so gerngelesen hatte. Ichhabe erkannt, dass ich manchmal einfach mal los schreibenmuss.Überarbeiten kann man ja später noch. Je öfter ich überarbeite,destostärker wird der Text. Rückblickend denke ich, mit mehrDramaturgieüberlegungenvorher hätte ich mir ein paar Monate erspart.

 

Hans Peter Roentgen: Seit wann schreibst du überhaupt? Was war deine erste Geschichte?

Alessandra Bernardi:Mehr oder weniger regelmäßig seit vier, fünf Jahren. Davor hatteichimmer wieder Phasen, wo der Schreibdrang sehr groß war. Abwechselndmit Ideenfür Drehbücher. Meinen persönlichen Durchbruch hatte ich mitdem Eintritt inSchreibgruppen oder Online-Workshops. Ab da habe ichgemerkt, dass es nichtbloß ein Hobby sein kann für mich und ich einfachzu viele Ideen habe, die nichtin der Schublade bleiben dürfen.

 

Hans Peter Roentgen: Dein Buch hatte ja mit der Pleite des Europa Verlages schon eineaufregende Geschichte hinter sich, bevor es erschien.

Alessandra Bernardi:Es war keine leichte Zeit, wie du dir vorstellen kannst. Vor allemdieUngewissheit, ob das Buch nun überhaupt erscheint, nagte an mir.Esbrauchte natürlich auch seine Zeit, bis die Situation geklärt war.Hier zeigtsich auch die Wichtigkeit von Schreibgruppen, in denen ichüber den langenZeitraum auch private Kontakte aufgebaut hatte. Ohne denZuspruch meinerFreunde hätte ich diese Zeit nicht so gut überstanden.Es gab wirklich Momente,in denen ich nahe dran war, aufzugeben.

 

Hans Peter Roentgen:Hast du bereits so etwas wie eine Routine, mit der du an einBuchprojektherangehst? Fängst du mit dem Plot an, oder den Figuren oderschreibstdu aus dem Bauch heraus?

Alessandra Bernardi:Das Erstkapitel muss ich einfach aus dem Bauch heraus schreiben. Daistdiese Idee so übermächtig, dass es einfach „raus“ muss. Ich kann auchgarnicht sagen, was zuerst war. Der Plot – oder die Charaktere. Eskommt daraufan. Bei meinen Recherchen stoße ich auf interessantehistorische Ereignisse unddenke, das wäre eine reizvolle Geschichte.Meistens ist also der Plot zuerstda. Beim Dogen, denke ich, war esinsbesondere auch Isabella, deren Schicksalals Tochter des Dogen michso fasziniert und gereizt hat.

So richtig aus demBauch heraus geht es dann aus den obgenanntenGründen nicht. Ich brauchealso sehr wohl meine Idee, meinen Aufhänger, an demich den Romanaufziehen kann. Es geht aber Hand in Hand. Bei einem anderenProjektkämpfe ich gerade gegen die historischen Fakten, von denen ich michzusehr gefangen nehme lasse, als meinen Charakteren zu trauen und ihneneinfachdie Zügel zu überlassen. Dieses Projekt wird auch noch mehr Zeitbrauchen, bisich tief im Herzen davon überzeugt bin, welche Figur nuntatsächlich dasZugpferd ist.

 

Hans Peter Roentgen:Wie hat sich deine Geschichte entwickelt, war als erstes die FigurderIsabella da, oder Venedig als historischer Hintergrund oder ... ?

Alessandra Bernardi:Es gab die Idee, eine Geschichte zu erzählen, in der die TochterdesDogen eine Rolle spielt. Erst, als ich bei meinen Recherchen denEdikt fand,der den Glasbläsern das Verlassen der Lagune verbot, bekamdie Geschichte dannendlich den Ankick. Der Keim war gepflanzt, jetztging es darum, die Rankenhochzuziehen.

 

Hans Peter Roentgen:Du warst und bist in einigen Internet Diskussionsgruppen aktivgewesen.Was kann man in solchen Schreibgruppen, Autorenforen lernen? Kann mandaüberhaupt was lernen?

Alessandra Bernardi:Gegenfrage – kann man das Schreiben ohne sie lernen? Ich meinedamit,natürlich kann man das Handwerk lernen, sich darin üben, aberletztendlich mussman es anwenden. Und dazu bedarf es der einzigartigenFähigkeit, seine eigenenTexte objektiv zu betrachten. Oder – man kanndankenswerterweise aufgleichgesinnte Schreibfreunde hoffen und derenFeedback erbitten.

Egal, ob wwg, texkraft,Montsegur, 42er Autoren, Schreiblust undundund- ich war ja bei vielendabei und ohne diesen Einblick wäre ich heute nicht soweit. Ich habekeine einzige bereut. Nie. Ich wage sogar zu behaupten, dass ichohnesie alle nicht so weit gekommen wäre. Vielleicht hätte ich dasSchreibenaufgegeben, vielleicht hätte ich mein Manuskript verbrannt –ich wäre an meinenZweifeln erstickt, aber es gab so viele unglaublichaufopfernde, liebevolle undkonstruktive Rückmeldungen in all denJahren, dass ich hier gerne – und mit einenlauten Krachen! – eine Lanzefür alle Schreibgruppen und Onlineforen brechenwill.

Dasalles zusammen hatgeprägt, glaube ich. Und da überwiegen die positivenEindrücke auf jeden Fall.Gerade in unserem Beruf muss man aus demKämmerchen raus. Der Zeitbedarf istder einzige Wermutstropfen dabei.

Ohnedas fortlaufende Entwickeln der eigenen Schreibkunst, demFeedback,Austausch mit anderen, kann man es sich heute als Autor nichtmehrleisten, ans erfolgreiche Schreiben zu denken. Das mag hochtrabendklingen,aber die Zeiten, wo Autor im stillen Kämmerchen saß und seinenBestseller mitlukrativem Vorschuss verkaufte, sind vorbei. Networkingist ein Schlagwort, dasgerade unter uns Autoren nicht unterschätztwerden darf. Der regelmäßigeAustausch hilft auch, die Realität nichtaus den Augen zu verlieren. Niemandschreibt perfekt, niemand lektoriertperfekt, aber das Zusammenspiel vonFeedback und Kritik schult daseigene Auge, Fehler bewusster wahrzunehmen.

Natürlichist dieses Präsentieren eigener Texte im Rahmen der Gruppennichtjedermanns Sache. Und natürlich ist es nicht angenehm oderleichtwegzustecken, wenn man harte Kritik einfährt. Aber lieber hier,wo man darüberdiskutieren kann, Fehler ausmerzen kann als eineknallharte Absage von Lektorenoder Agenten.

 

Hans Peter Roentgen:Auch wenn es niemand gerne hört, aber Verlage haben einfach einProgrammund benötigen dafür bestimmte Bücher. Einen Krimi für dieKrimireihe,einen historischen für die historische Reihe und möglichstin dem Stil, den dieLeser im Moment am liebsten lesen. Du hast an einemSeminar teilgenommen, indem nach solchen Vorgaben geschrieben wurde.Geht das überhaupt? Oder engt dasdie Phantasie nicht doch sehr ein?

Alessandra Bernardi:Jeder Roman beginnt mit einer Idee, für die man dann die Charaktere,dasSetting, die Handlung und die Dramaturgie entwickelt und da machteseigentlich für die Phantasie keinen Unterschied, ob die ursprünglicheIdee aufeinem Zeitungsartikel beruht, einer Fernsehdokumentation odereiner Anregungdes Lektors oder Agenten.

DasReizvolle darin ist, bestimmte Vorgaben umzusetzen und sichzufriedennach dem Ende zurückzulehnen und festzustellen, dass man auch mitIdeen,die man "vorgesetzt" bekommt, produktiv arbeiten kann.

 

Hans Peter Roentgen: Du schreibst unter einem Künstlernamen, warum eigentlich?

Alessandra Bernardi:Das war eine verlagsinterne Entscheidung. Mittlerweile liebe ichmeinzweites Ich. Alessandra ermöglicht mir ein entspanntes Arbeiten,aber natürlichbeneide ich Alessandra um ihre Erlebnisse mit ihrendeutschen Fans und vorallem – ihre Vorliebe für Historische Romane.
 

HansPeter Roentgen:Herzlichen Dank für das Interview.
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