Interview mit Titus Müller und Guido Dieckmann von Quo Vadis

 

Der Tempest Mitarbeiter Titus Müller ist einer der Herausgeber, Guido Dieckmann einer der Autoren von „Die sieben Häupter“. Insgesamt haben zwölf Autoren der Autorengruppe Quo Vadis  an diesem Roman mitgewirkt. Von der Kritik gelobt verkauft sich das Buch nicht nur erstaunlich gut, sondern widerlegt auch das Vorurteil: „Viele Köche verderben den Brei“.   

 

Hans Peter Roentgen: Vielleicht erzählt ihr erst mal, wie es überhaupt zu diesem Projekt kam?

Titus Müller: Ruben Wickenhäuser und ich sind zum Aufbau-Verlag gegangen, um eine Anthologie der Quo-Vadis-Autoren anzubieten. Der Lektor schlug vor, statt der Anthologie einen Roman ins Auge zu fassen. Erst kam uns die Idee verrückt vor, zu zwölft einen Roman zu schreiben, aber dann haben wir uns damit angefreundet, und schlussendlich jede Menge Spaß gehabt.

   

 

Hans Peter Roentgen: Wie sah eure gemeinsame Arbeit aus? Hat da einer nach dem anderen geschrieben, oder haben alle gleichzeitig ihre Texte verfasst?

Titus Müller: Einer nach dem anderen. Man muss sich das vorstellen wie das Partyspiel, bei dem jeder eine Zeile schreibt und dann das Blatt an den Nächsten weiterreicht. Nur, dass wir den Text des Vorgängers lesen durften. Und natürlich haben wir das nicht zeilenweise gemacht, da wird eher in Kapiteln gerechnet.

Guido Dieckmann: Wir schrieben unsere Texte nacheinander, wobei die nachfolgenden Autoren geschickt Andeutungen und Ideen des Vorgängers aufgriffen und nach eigenen Vorstellungen weiterführten. Da ich den Prolog der Geschichte verfasste, stand ich vor der Herausforderung, die Zeit, zwei der handelnden Figuren und einen der Schauplätze ins Spiel zu bringen. Eine historische Persönlichkeit, nämlich Eike von Repgow, den Verfasser des Sachsenspiegels, führte ich zwischen den Zeilen ein. Ich fand es sehr gelungen, wie manche dieser frühen Anregungen später aufgegriffen wurden.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Das Buch hat ja einen sehr komplexen Plot. Lag der in dieser Form von Anfang an fest oder ist er während des Schreibens entstanden?

Titus Müller: Glaub mir, es gab jede Menge Überraschungen für mich. Unsere Vorgaben am Anfang waren sehr grob, die Winkelzüge stammen von den einzelnen Autoren.

Guido Dieckmann: Ein Gerüst hatten wir schon, auch die meisten handelnden Figuren kannten wir. Aber der Plot ließ jedem einzelnen Mitwirkenden noch viel Freiraum, um die Geschichte zu formen, ja teilweise auch in unerwartete Richtungen zu lenken.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Wie wurde der Roman überarbeitet? Haben alle Autoren an der Überarbeitung mitgewirkt?

Titus Müller: Jeder Autor hat seine zwei Kapitel überarbeitet.

Guido Dieckmann: Zunächst haben die Mitwirkenden ihre eigenen Kapitel mehrfach überarbeitet und auch fleißig diskutiert. Ruben Wickenhäuser und Titus Müller, die Herausgeber des Romans, übernahmen zusätzlich das Lektorat, machten auf Ungenauigkeiten und kleinere Unstimmigkeiten aufmerksam. Selbstverständlich hatten wir beim Aufbau-Verlag auch noch einen Lektor.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Hat sich viel während der Schreibphase an Plot und Personen geändert?

Titus Müller: O ja. Unser Lektor hat versucht, darüber eine Theorie aufzustellen. Seiner Meinung nach haben die Autorinnen eher die Figuren weiterentwickelt und die Autoren eher die Handlung vorangetrieben.

Guido Dieckmann: Ich denke, einiges hat sich geändert. Manche Personen erleben im Verlauf der Geschichte eine Wandlung. Und das Ende hätte ich persönlich so nicht erwartet.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Wie sahen die Vorgaben für die einzelnen Autoren aus? Gab es einen festen Einstieg und ein Ende, oder war auch der Plot selbst bereits vorgegeben? Hatten die Autoren auch Vorgaben bezüglich der Länge ihrer Texte?

Titus Müller: Der Einstieg war ja durch den schon bestehenden Text vorgegeben. Man nimmt natürlich den Faden da auf, wo ihn der letzte Autor verlassen hat. Für den Zielpunkt des Textabschnitts gab es keine Vorgaben, nur die letzten drei Autoren hatten sich da genauer abgesprochen, um alles auf ein großes Finale zulaufen zu lassen. Jeder hatte etwa 30 Seiten abzuliefern, das war vertraglich so geregelt.

Guido Dieckmann: Wir hatten vereinbart, dass jeder Mitwirkende zwei Kapitel von jeweils ca.15 Seiten verfasst und sich, so weit es geht, am Spannungsbogen orientiert. Mein Prolog war ansonsten vorgabenfrei, da ich meinen Auftrag zunächst darin sah, in das Thema einzuführen. Später fiel es mir noch einmal zu, im 17. Kapitel ein zwischenmenschliches Problem der beiden Hauptfiguren zu lösen. Das hat mir natürlich sehr gut gefallen.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Was war eurer Meinung nach die größte Überraschung bei diesem Projekt, womit hattet ihr gar nicht gerechnet?

Titus Müller: Mich haben drei Dinge überrascht. Erstens, dass Individualisten, wie es Autoren nun mal sind, sich so genau an den Terminplan gehalten haben. Zweitens, dass aus den zwölf Einzelstücken überhaupt ein geradliniger Roman entstanden ist (ich war da skeptisch). Drittens: Das Ende des Romans.

Guido Dieckmann: Was den Inhalt des Romans betrifft, so hatte ich - wie schon gesagt - mit Ich hatte auch mit einem anderen Ende gerechnet. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass das Finale gebündelte Spannung enthält und alle Fragen, die während der Handlung aufgeworfen werden, eine Antwort finden. Insgesamt betrachtet, überraschte mich die gute Zusammenarbeit der einzelnen AutorInnen, die sich ja nicht alle im Mittelalter heimisch fühlen.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Hattet ihr schon vorher Erfahrungen mit gemeinsamen Schreiben oder Diskussionen? Wurden in eurer Autorengruppe Quo Vadis schon vor den sieben Häupter gemeinsam über einzelne Texte oder Projekte diskutiert?

Titus Müller: Die "Sieben Häupter" sind das erste gemeinsame Projekt von Quo Vadis. Diskutiert haben wir vorher schon in unserem Kreis, aber nicht zusammen etwas geschrieben.

Guido Dieckmann: Ich hatte vor dem Projekt "Die sieben Häupter" keine Erfahrungen mit gemeinsamer Schreibarbeit. Und ich muss gestehen: Ich habe sie auch nicht gesucht. Das Schreiben bzw. das Entwickeln von Gedanken und Geschichten ist für mich eine ganz persönliche, beinahe intime Angelegenheit. Ich gebe Texte höchst ungern aus der Hand, solange sie noch nicht völlig ausgereift sind und arbeite lieber für mich im Stillen. Das Gemeinschaftsprojekt war also für mich eine aufregende Sache, aber auch eine sehr schöne.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Welches Folgeprojekt plant ihr? Werden da wieder die gleichen Autoren teilnehmen?

Titus Müller: Für den nächsten Gemeinschaftsroman haben wir uns einen Königsmord vorgenommen, über dessen Hintergründe sich die Historiker bis heute nicht sicher sind. Der ideale Stoff, wie ich finde. Es werden die meisten Autoren wieder mitmachen, aber auch einige Neue dabei sein.

Guido Dieckmann: In der Tat bereiten wir momentan ein Nachfolgeprojekt vor. Natürlich soll es wieder ein historischer Roman werden. Die Belegschaft wird sich ein wenig ändern, da einige KollegInnen aus verschiedenen Gründen nicht mehr mitarbeiten können oder wollen. Den Organisatoren ist es jedoch gelungen, die so entstandenen Lücken mit einigen kompetenten AutorInnen zu füllen.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Was war für euch die überraschendste Erfahrung? Und was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen wollen?

Guido Dieckmann: Die überraschendste Erfahrung war für mich, dass es großen Spaß machen kann, gemeinsam mit anderen AutorInnen zu schreiben. Toll fand ich auch, wie viel ich während dieser Zeit von den anderen lernte. Wenn man das Buch aufmerksam liest, so entdeckt man in den einzelnen Kapiteln viele Charakteristika der einzelnen Autoren. Auch was die jeweiligen Wissensgebiete angeht, mit denen der eine oder andere sich bereits vorher beschäftigt hat. Vieles davon ist in den Roman eingeflossen und macht damit für mich einen großen Teil seines Zaubers aus.  
   

 

Hans Peter Roentgen: Eines Nachts steht plötzlich eine wunderschöne Fee neben eurem Bett und sagt: „Ihr habt so ein schönes Buch geschrieben, das soll euch belohnt werden. Ihr habt einen Wunsch für Quo Vadis frei.“ Was wünschen sich Titus Müller und Guido Dieckmann?

Titus Müller: Ein Jahrestreffen in einer Stadt, die durch uns in ein Historische-Romane-Fieber gerät. Überfüllte Lesungen und Signierstunden, kostenfreies Essen und Übernachten, und trotzdem – wie immer – Zeit für Diskussionen mit den Kollegen, die einen noch lange beschäftigen.

Guido Dieckmann: Muss ich mit der wunderschönen Fee auch noch über Bücher reden? Nun gut, Quo Vadis wünsche ich mehr Mitglieder, weitere schöne Jahrestreffen und gute Ideen für künftige Projekte. Das waren schon drei Wünsche, aber ich bin sicher, die Fee wird mit sich reden lassen.  
   

 

 

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

 

Homepage Titus Müller

Homepage Guido Dieckmann

Homepage der Autorengruppe Quo Vadis

Rezension „Die sieben Häupter“

 

Die Autoren von „Die sieben Häupter“ sind: Mani Beckmann, Horst Bosetzky, Guido Dieckmann, Richard Dübell, Rebecca Gablé, Helga Glaesener, Malachy Hyde, Tanja Kinkel, Tessa Korber, Titus Müller, Belinda Rodik, Ruben Wickenhäuser

 

 

 

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